Beinah ein Mord – aus: Jüngling der Schwarzen Kunst (7)

Im Vorraum ihrer Kirche hing am Schwarzen Brett ein Index für Zeitschriften. Er hatte sechs Rubriken von „anzuraten“ über „bedenklich“ bis „abzulehnen.“ „Anzuraten“ waren die Kirchenzeitung und das katholische Liboriusblatt. Alle Illustrierten standen in der Rubrik „Abzulehnen.“ Dabei war das darin abgedruckte Bildmaterial harmlos, soweit Hanno sie von den Friseurbesuchen kannte. Hannos Tante Käthe hatte die „Hör zu“ abonniert. Hanno blätterte gern darin, auch, um herauszufinden, warum sie auf dem Index in der 5. Rubrik „bedenklich“ stand. Den Grund konnte er nicht ausmachen. Er fand allerdings eine Anzeige der „famous artists school“, die als Zeichentest getarnt war. Man sollte eine Liniengrafik zeichnerisch erweitern und einschicken. Hanno hatte derlei schon gemacht, und zwar, als er beim renommierten Kölner Bachem Verlag die Aufnahmeprüfung für eine Schriftsetzerlehre gemacht und natürlich nicht bestanden hatte. Zu gering waren seine Kenntnisse nach achtjähriger Schulzeit in einer dreiklassigen Volksschule auf dem Land. Jedenfalls hatte er auf einem Prüfungsblatt ebenfalls etwas zeichnerisch erweitern sollen. Es waren auf dem Blatt Haken vorgegeben, und Hanno hatte ungelenke Autoscooter daraus gemacht. Der Zeichentest in der „Hör zu“ bot mehr Freiheit. Hanno zeichnete ein Männlein so gut es ging auf dem glatten Papier der Illustrierten, schnitt das aus und klebte die Zeichnung auf eine Postkarte. Von Neuß aus sandte er die an eine Adresse in Amsterdam.

Wochen später kam Hanno eines Abends nach Hause, und in ihrer Dachwohnung saß bei seiner Mutter ein Vertreter der „famous artists school“, behauptete, Hanno habe Talent bewiesen, und bewarb einen Fernkurs für Grafiker. Er hatte drei fast DIN-A3-große, schwere ringgeheftete Lehrbücher bei sich, Band 1 in Weinrot, Band 2 in Blau, Band 3 in Gelb. Dazu gehörten drei kleinere Bücher mit den deutschen Übersetzungen der US-amerikanischen Lehrgänge. Geschickt blätterte der Vertreter den weinroten Band auf. Hannos neugieriger Blick fiel auf die Fotografien eines Aktmodells in verschiedenen Posen. Außer dem Foto im Kittel des Juniors hatte Hanno noch nie eine nackte Frau gesehen. Selbst die laut Index abzulehnenden Illustrierten bildeten allenfalls leicht bekleidete Filmstars und -sternchen ab. Jetzt wollte Hanno den Fernkursus unbedingt machen. Seine Mutter erwog, ob sie die monatlichen Raten von 29 DM aufbringen konnte. Eigentlich nicht, das war ein Drittel von Hannos Monatslohn im 2. Lehrjahr. Aber andererseits, wenn der Junge vorankommen wollte, brauchte er Unterstützung. Nach kurzem Zögern unterschrieb sie den Vertrag.

Im Buch waren Zeichnungen der Schulgründer, namhafter US-Grafiker wie Albert Dorne, Norman Rockwell, Al Parker, Ben Stahl. Deren Arbeitsproben waren sehr gut analysiert vom Entwurf über mögliche Varianten hinsichtlich der Bildkomposition. Auch waren die jeweils nötigen Materialien dargestellt und erörtert. Gezeigt waren diverse Zeichentechniken und wie sie bei einem Motiv wirkten. Am Schluss jedes Kapitels waren gelbe Seiten beigeheftet mit Aufgaben des Fernkurs. Für die erste Lektion zeichnete Hanno eine Landschaft mit einer großen Tanne, sandte die Zeichnung nach Amsterdam und bekam sie zurück mit darübergelegtem Transparentpapier, worauf ein Zeichenlehrer einige Stellen hervorgehoben und korrigiert hatte. Dabei stand: „Für den Anfang ganz gut, Herr Overlack, weiter so!“
Hanno war froh, fand die Korrekturen hilfreich, ahnte aber schon, dass der Kurs über seine Möglichkeiten hinausging. Er hatte in seiner Dachstube keinen ordentlichen Arbeitstisch. Die Kommode, woran er unbequem saß und nur schlecht arbeiten konnte, stand an der Wand gegenüber dem Fensterchen, so dass er sich im Licht saß. Für Folgekurse benötigte er diverse Bleistifte mit verschiedenen Härtegraden, einen Knetradiergummi, Zeichenfedern, Pinsel, Tusche und Zeichenkarton, was er nur in Neuß bekommen konnte. Das Geld dafür hatte er nicht übrig, und er wollte seine Mutter nicht zusätzlich damit belasten. Außerdem war er nach 12 Stunden Arbeit und Busfahrten zu erschöpft, und die wenigen Stunden Freizeit reichten kaum, noch etwas Sinnvolles zu tun. Es blieb also vorerst bei dieser einzigen Einsendung an die Fernschule, und je länger Hanno die nächsten Aufgaben vor sich herschob, desto unwahrscheinlicher wurde, dass er sie bearbeiten würde. Seine Mutter drängte und kontrollierte ihn nicht. Sie dachte gewiss, dass sie den Fernkursus zu leichtfertig abgeschlossen hatte, denn sie ahnte Hannos Schwierigkeiten. Gelegentlich machte Hanno autodidaktisch weiter, denn das Kursmaterial war hervorragend und durchaus motivierend, nicht nur, was die Aktzeichnungen betraf.

Im zweiten Lehrjahr hatte Hanno in der Berufsschule auf der Neußer Furth auch Unterricht am Nachmittag. Die Schriftsetzerlehrlinge lernten Holz-, Linolschnitt und Lithografie. Hanno gefiel der Unterricht in Linol- und Holzschnitt. Ein Schriftsetzer sollte Plakatschrift selber schneiden können, falls mal ein Buchstabe fehlte. Es unterrichtete ein Werklehrer, den sie Holzwurm nannten. Holzwurm hatte kein Interesse an Buchstaben. Er ließ sie freie Motive wählen. Hanno reduzierte das berühmte Foto, das Alberto Korda von Che Guevara gemacht hatte, auf seine Schwarzweiß-Werte und paust es auf eine Linolplatte. Linoldruck ist ein Hochdruckverfahren. Was weiß bleiben soll, muss aus der Platte heraus gestichelt werden. Holzschnitt geht prinzipiell genauso, nur dass bei der Holzplatte größere Werkzeuge eingesetzt werden, Beitel und gefährlich scharfe Stecheisen.

Es war frühlingshaft warm. In der Mittagspause ging Hanno mit Harry Nippold, einem Mitschüler, in den gerade ergrünenden Jostensbusch hinter der Berufsschule.
„Wenn ich dich jetzt umbringe, merkt das bald keiner“, sagte Harry Nippold. Hanno bekam es mit der Angst zu tun, denn Nippold war viel größer und stärker als er. Und so leichthin, wie er das gesagt hatte, schien er sich der Ungeheuerlichkeit seiner Idee nicht bewusst zu sein.
„Doch! Man hat uns gesehen!“, sagte Hanno. „Eben fuhr drüben an der Bahnlinie ein Zug vorbei. Die Leute werden sich erinnern, und bei deiner Figur, Nippold, findet die Polizei dich ganz schnell.“
Nippold dachte kurz nach und schien seine Idee zu verwerfen. Er klappte sein goldenes Zigarettenetui auf und hielt es dem Jüngling hin: „Zigarette?“
Der Jüngling blickte kurz auf die gut gefüllte Reihe und staunte. Er wusste, dass Nippold nie Geld hatte, sondern sich die Zigaretten morgens vor dem Unterricht zusammen schnorrte.
„Nein, danke, ich rauche nicht.“

Bislang war der Berufsschultag der einzige Werktag gewesen, an dem er schon am frühen Nachmittag nach Hause kam. Das war jetzt nicht mehr möglich. Die Schule endete um 15:30 Uhr und der nächste Bus fuhr erst um 17:30 Uhr. Darum organisierte seine Mutter für Hanno eine Mitfahrgelegenheit. Nahe dem Hauptbahnhof arbeitete Josef Heimbach, ein Mann aus ihrem Dorf, in einer Fabrik. Heimbach war der erste Trommler im Tambourcorps, ein stolzer Mann, der von keinerlei Selbstzweifel angefächelt zu sein schien. Nach der Berufsschule stand Hanno vor dem Werkstor und wartete auf Heimbach. Um 16 Uhr ertönte die Sirene. Nach und nach strömen Arbeiter und Arbeiterinnen aus dem Werkstor und passierten eine Pforte, manche auf dem Moped, manche mit Auto, die meisten zu Fuß. Ab und zu schaltete eine Ampel auf Rot, und der jeweilige Arbeiter musste seine Tasche oder den Kofferraum öffnen. Hanno hatte Zeit sich zu fragen, was man wohl zu finden glaubte. Was lohnte sich zu stehlen, was in eine Aktentasche passte? Ein bisschen Werkzeug vielleicht, ein Schraubenschlüssel, eine Zange, nur elender Kram. Ein ödes Gefühl beschlich ihn, wie er vor dem Werkstor wartete und all die graugesichtigen Menschen kamen erschöpft hervor. Heimbach ließ sich Zeit. Er kam immer erst ganz zuletzt, hielt am Straßenrand und ließ Hanno einsteigen. Sie mochten sich nicht besonders, obwohl sie beide im Tambourcorps trommelten. Hanno war ihm zu schüchtern, und Hanno fand den Mann einfältig und großspurig. Einmal bog Heimbach in eine neue Umgehungsstraße zwischen Neuß und Norf, und beim Einbiegen kündigt er an: „Jetzt kütt die schönste Stroß der Wellt!“
„Was für ein Trottel!“ dachte Hanno.

2 Kommentare zu “Beinah ein Mord – aus: Jüngling der Schwarzen Kunst (7)

  1. Lieber Jules,
    Beim ergrünenden ‚Jostensbusch‘ stutzte ich und fragte Gugel. Das spuckte mir einen Bürgerpark in Neuss aus.
    Haarfein verläuft manchmal im Leben diese Grenze zwischen dem Unwissbaren und dem Unvorstellbaren. Im Niemandsland dieser feinen Grenze wird das Unvorstellbare vorstellbar und wird das Unwissbare eine dunkle Ahnung. Beim Lesen meinte ich zu ahnen, dass der Jüngling Puddingbeine hatte als er erleichtert die angebotene Friedenspfeife in Form einer Ziggi ablehnte.
    Sei lieb gegrüßt von
    Amélie

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Amélie,
      tasächlich gibt es den Jostensbusch noch. In der Nähe ist das Gebäude der Berufsschule. Heute befindet sich das Marie-Curie-Gymnasium dort. Alleweil ändert sich was, aber manchmal sind Landschaften und Gebäude wie die Seiten eines Geschichtsbuchs. „Puddingbeine“ bringen etwas auf den Punkt, was ich unausgesprochen belassen habe. Ein Text lebt ja auch durch seine Leerstellen.
      Herzliche Grüße
      Jules

      Gefällt 1 Person

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