Versautes – aus: Jüngling der Schwarzen Kunst (6)

Der Alte hatte den Junior in die Setzerei gestellt, denn er wünschte sich einen Nachfolger, der alles von der Pike auf gelernt hatte. Eigentlich war der Junior Konditor gewesen. Doch sein viel älterer Bruder, auf dem die ganze Hoffnung des Verlags gelegen hatte, war nicht aus russischer Gefangenschaft zurückgekehrt. Der Junior hatte deshalb in die großen Fußstapfen seines Bruders treten und umschulen müssen. Er bereitete sich gerade auf die Meisterprüfung vor. Sein Status war unklar. Die Firmenleitung hatte uneingeschränkt der Alte, und der Posten des Setzereileiters galt als vakant. Was blieb ihm da noch? Er hatte einen Arbeitstisch in der ersten Gasse, direkt bei der Abzugspresse für die Korrekturfahnen. Dort skizzierte er Entwürfe, bereitete die Aufträge vor oder büffelte für den Meisterkurs. Manchmal setzte er auch, und deshalb trug er wie die anderen einen grauen Kittel. Er war ein verbissener Schweiger, ein schreckliches Vorbild für alle anderen, denn während der Arbeit waren Privatgespräche streng untersagt. Vielleicht dekorierte er im Geiste dreistöckige Hochzeitstorten oder formte Maumännchen aus Marzipan. Solange der Junior im Setzereisaal war, lastete ein unheimliches Stillschweigen auf den Setzern, das nur durch arbeitsbedingte Äußerungen unterbrochen wurde. Alle warteten und hofften, dass er die Setzerei verlassen würde. Das geschah fast täglich einmal, wenn er fuhr, um Kunden zu besuchen. Sein Aufbruch kündigte sich jeweils lange vorher schon an, als ein quälend gleichförmig ablaufendes Ritual, dessen Ende die Setzer kaum noch abwarten konnten.

Zuerst eilte er durch die Gassen, um zu schauen, ob alle mit Arbeit versorgt waren. Dann wusch er sich die Hände, besuchte das Klosett, kam zurück, zog den grauen Kittel aus und hängte ihn neben das Waschbecken an einen unbenutzten Handtuchhaken. Wusch sich erneut die Hände, knuddelte ausgiebig das Handtuch, hielt noch einmal Umschau, mit so einem eigenartig verlorenen Blick, ging dann endlich in seine Gasse und schlupfte dort in das Jackett mit Fischgrätmuster. Dies alles geschah wie in großer Hast, als hätte er mit seinem Aufbruch bis auf den letzten Moment gewartet. Zweimal blitzte sein grauer Bürstenhaarschnitt danach noch auf: Nachdem er sich nebenan in der Buchbinderei abgemeldet hatte und wenn er endlich durch die zweiflügelige Pendeltür nach draußen stieß. Alle atmeten auf. Für die Gesellen begann jetzt die Zeit schier unbegrenzter Machtfülle, und Hanno war der einzige Untertan.

Schon wieder durchsuchen Kaumans und Dyckers die Kitteltaschen des Juniors.
„Komm mal her, Jüngling!“ rief Kaumanns, „und guck dir an, was dein Chef in seinem Kittel hat!“
Sie breiteten den Inhalt der Brusttasche auf dem Tisch aus. Zwischen einigen gefalteten Papieren steckte ein Aktfoto, schwarzweiß, ein echter Abzug, kein Druck. Es klemmte, mit einer großen Büroklammer befestigt, hinter einem Papiermuster, auf dem „120 g/holzfrei chamois“ stand. Zu sehen war eine hübsche Frau mit kurzen Haaren, die auf dem Bauch lag und den Unterkörper leicht angehoben hielt. Sie war von hinten fotografiert und gab den Blick auf ihr blankes Geschlecht frei. Ihren Oberkörper hatte sie leicht zur Seite gebogen, so dass man ihre kleine rechte Brust sehen kann. Sie selbst schaute streng über ihre Schulter hinweg in die Kamera.
„Na, ist das wohl seine Frau?“ höhnte Dyckers.
„Nnnö“, stammelte Hanno verlegen und errötete.
„Und das hier dürfen wir dir überhaupt nicht geben!“
Dyckers entfaltete vorsichtig das abgegriffene Blatt eines pornographischen Textes, das vom häufigen Auf- und Zufalten an den Knicken schon ganz brüchig und rissig war. Das Blatt war eng mit Schreibmaschine beschrieben und voller Tippfehler, als hätte der Schreiber vor lauter Aufregung die rechten Tasten nicht getroffen. „Rosi dressiert einen Löwen“ lautete die Überschrift. Dyckers ließ Hanno nur einen kurzen Blick darauf werfen, doch das reichte, ihn heftig zu schocken. Denn Hanno war ein schneller Leser, und was er dort mit einem Blick erfasst hatte, erzählte in derben Worten von den ausgefallenen sodomitischen Praktiken einer Dompteuse. Das war nun völlig abseits von allem, was Hanno je gehört hatte. Er konnte nicht fassen, was dort über die Kunst des Löwenbändigens geschrieben stand.

Ein weiterer Text wurde von frechen Fingern offengelegt, noch mehr Pornographie, in Versform gehalten. Ein schweinisches Leipogramm. Er enthielt, obwohl beträchtlich lang, tatsächlich kein einziges „E“.
He! Ein Text ohne e, das faszinierte den Jüngling. Wo doch das E sonst so häufig vorkommt. In allen Setzkästen war das E-Fach am besten gefüllt, es sei denn, man hatte lange nichts mehr abgelegt. Wenn man einen längeren Text zu setzen hatte, konnte es vorkommen, dass plötzlich alle E aufgebraucht waren. Es gehörte zum täglich Brot der Setzer, in ausgedruckten Formen nach dem E zu suchen. Manchmal mussten sie in der Not sogar E aus Stehsatz herausziehen. In diesem Fall wurde dann das E durch eine gleichbreite Letter ersetzt, die aber zur Kennzeichnung auf den Kopf gestellt werden musste. Bleibt ein derartig „blindgeschlagener“ Buchstabe einmal versehentlich in einer Form und wurde mitgedruckt, so hatte man einen „Fliegenkopf“ fabriziert. Hanno hätte gerne ausführlich über Texte ohne e nachgedacht, aber Rosi, die Domptöse, spukte ihm durch den Kopf und machte alle Gedanken wirr. Das also trug der Junior in seinem grauen Kittel auf dem Herzen spazieren.

Drei Dinge fielen dem neuen Lehrling besonders schwer: Morgens ein Gebäude zu betreten und es erst am späten Nachmittag wieder verlassen zu dürfen; das Verbot, während der Arbeit Privatgespräche zu führen; und besonders das Stehen den ganzen langen Arbeitstag über. Monitz erzählte, er habe mal eine moderne Setzerei gesehen, in der die Setzer auf fahrbaren Stühlen saßen und in der Gasse herumglitten, wobei sie sich immer mit den Füßen abgestoßen hätten und herumgesaust seien. Die Setzkästen hätte man dort aus dem Magazin anfordern müssen, und sie wären dann über ein Fördersystem an den Arbeitsplatz des Setzers transportiert worden. Und alles sei in bequemer Sitzhöhe arrangiert gewesen.
Hanno erfuhr nie, ob es diesen Schriftsetzerhimmel tatsächlich gab oder ob er nur ein Mythos war. Er aber musste stehen, egal wie die Beine schmerzten. Es gab keinen Stuhl in den Regalgassen, damit die Setzer erst gar nicht in Versuchung gerieten. Gegen müde Beine riet man ihm, die Unterschenkel gelegentlich abwechselnd anzuwinkeln, ruckartig mit den Hacken gegen das Gesäß schlagend. Das helfe, die Durchblutung wieder anzuregen. Hanno fand das entwürdigend, als trete sich der Arbeitsmann selbst in den Hintern und treibe sich zur Arbeit an, als ob dieses Geschäft nicht schon ausreichend genug die Chefs besorgten.

Nach seinem ersten Arbeitstag hatte Hanno in der häuslichen Dachstube auf dem Stuhl gestanden und aus dem Fenster der Dachgaube in die hereinbrechende Nacht hinaus geschaut. Hinter ihm bereitete seine Mutter das Abendbrot. Er fragte: „Muss ich das jetzt mein ganzes Leben machen?“ Sie antwortete nicht, wusste genau, dass er nicht zum Fenster hinauszuschauen meinte. Vielleicht wollte sie das Schreckliche der Aussicht auf sein Leben nicht sehen, vielleicht dachte sie, dass er eines Tages groß genug sein würde, um nicht mehr auf dem Stuhl stehen zu müssen, wenn er aus dem Fenster schauen wollte. Vielleicht hatte sie aber auch einen Funken Hoffnung, dass er nicht sein Leben lang am Setzkasten stehen würde, dass er einen Weg finden würde, darüber und sogar über sich hinauszuwachsen. Das aber wagte sie nicht zu sagen, er war noch zu klein für diese Idee.

Die Gesellen riefen ihn Jüngling oder Nettesheim. Der Jüngling teilte sich die 13. und letzte Regalgasse mit Dyckers. Die beiden standen mit dem Rücken zueinander. So ein Paar heißt „Arschgespann“. Doch eigentlich mochte Dyckers mit einem Lehrling kein Gespann bilden. Er selbst war gerade erst diesem Status entwachsen, da tut Abgrenzung Not. Außerdem war die Gasse vorher sein alleiniges Reich gewesen; hier hatte er ab seinem 3.Lehrjahr ziemlich frei schalten und walten können. Deshalb betrachtete er den Jüngling als Eindringling, über den ihm zur Entschädigung die Verfügungsgewalt gegeben war.
„Was willst du werden, Jüngling, Grafiker?“, fragte Kaumanns und zwinkert Dyckers zu. „Und was machst du, wenn der Graf tot ist?“ Die beiden lachten wiehernd. Doch Hanno wusste, wie sehr sie den Berufsstand der Grafiker beneideten. Das Schriftsetzerhandwerk war im Niedergang. Immer öfter wurden die Drucksachenentwürfe von Grafikern gemacht, und die Setzer mussten sich genauestens an deren Vorgaben halten.

Wenn er die Namen für einen Trauerbrief aus der 20 Punkt Futura dreiviertelfett setzen musste, wunderte sich Hanno, dass niemandem in der Setzerei aufgefallen war, wie unpassend die Futura ihrem Charakter nach für Trauerbriefe war. Irgendein komplett ahnungsloser Schriftsetzer, vermutlich der Junior, musste einmal ein Trauerbriefmuster aus der Futura gesetzt haben. Der Entwurf war in das Musterbuch geraten, das die Verlagssekretärin vorhielt, um Kunden zu beraten, und jetzt wurden die Trauerbriefe immer so gemacht. Kein Wunder, wenn bessere Drucksachen von Grafikern entworfen werden, dachte Hanno.

Die Gesellen redeten auch voller Ehrfurcht von besonderen Setzereien, die eng mit Grafikern zusammenarbeiteten und sich auf die Herstellung von Druckvorlagen spezialisiert hatten, die auf Barytpapier abgezogen wurden, das wegen einer Kreidebeschichtung besonders kontrastreich war. „Nettesheim, da arbeiten nur die besten!“, sagte Dyckers, und es war klar, dass er sich für so einen Edelschriftsetzer hielt, dem dort ein Platz angemessen wäre.

Fortsetzung

11 Kommentare zu “Versautes – aus: Jüngling der Schwarzen Kunst (6)

  1. Ich bemerke in letzter Zeit vermehrt kleine Worpress-Fehler. Hier ist vermutlich auch einer aufgetaucht: Dieser Eintrag wird in meinem WordPress-Reader nicht angezeigt, der letzte Eintrag von Dir ist Teil 5, und die wenigen Likes deuten darauf hin, daß es anderen auch so geht. Vielleicht versuchst Du, ihn nochmal zu laden? Sag Bescheid, dann guck ich, ob er im Reader angezeigt wird.

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  2. Lieber Jules, ich möchte dir auf diesem Weg einen schönen Advent wünschen. Deine Fortsetzungserzählung werde ich an den Feiertagen lesen. Im Moment komme ich nicht dazu und fände es viel zu schade, zwischen Tür und Angel zu lesen. Liebe Grüße Mitzi.

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    • Dankeschön, liebe Mitzi. Heuer rinnt mir die Adventszeit durch die Finger. Ich schaue von der (Schreib-)arbeit hoch und schon ist sie halb rum. Noch keinmal war ich auf einem Weihnachtsmarkt. Mein erstes Glas Glühwein werde ich am Freitag leeren, Montag dann meine erste Weihnachtsfeier. Und schon guckt Weihnachten um die Ecke. Ich hoffe, du genießt die Adventszeit in trauter Zweisamkeit.
      Lieben Gruß
      Jules
      Es ist sehr schön, dass du dir Zeit zum Lesen nehmen willst.

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  3. Pingback: Zu Hause – aus: Jüngling der Schwarzen Kunst (5)

  4. Eine Freundin ist Grafikerin und arbeitet in einem Betrieb, der ursprünglich mal eine Druckerei war und im Laufe der Jahre zu einer Werbeagentur mit angeschlossener Druckerei geworden ist. Die Setzer und die Drucker haben den technischen Wandel früher mitbekommen als andere Berufe.
    Lehrjahre sind keine Herrenjahre, ein Spruch, den jeder Lehrling, Stift oder Azubi präsentiert bekommt. Deine Geschichte macht das schön deutlich, wir gucken dir bei der Arbeit über die Schulter, aber wir erleben auch die Sorgen des Heranwachsenden, die Irritation über die Welt der Erwachsenen.

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    • Ich kam 1971 von der Bundeswehr zurück, und mein Beruf war im Verschwinden. 1974 war er bereits museal. Über die Lehrjahre, die keine Herrenjahre sind, wüsstest du gewiss auch einiges zu erzählen. Ein diesbezüglicher Text von dir ist mir in Erinnerung geblioeben.

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      • Ich habe Industriekaufmann gelernt und dazu auch einen Text hier untergebracht. Die kaufmännischen Berufe sind noch da. Ein Kollege meinte mal, Wirtschaft ernährt immer ihren Mann. Aber die Digitalisierung wird auch vor den Buchhaltern nicht stoppen.

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