Zu Hause – aus: Jüngling der Schwarzen Kunst (5)

Auf der Neußer Oberstraße, Höhe Markt, stieg Hanno aus der Bahn und ging zum Busbahnhof. Vielleicht hatte er sich verguckt und es fuhr doch noch ein späterer Bus. Die Busbahnsteige waren leer. Am Rand standen einige Busse ohne Licht, vermutlich von in Neuß wohnenden Fahrern abgestellt. Auch das Licht in der Wartehalle war erloschen. Man hatte den Betrieb für die Nacht schon eingestellt. Trotzdem ging Hanno zum Bahnsteig, auf dem sein Bus abzufahren pflegte und schaute auf den Fahrplan. Der letzte Bus war tatsächlich um 20:30 Uhr gefahren. Es war jetzt gleich neun Uhr. Eine Weile stand Hanno ratlos herum. Seine Mutter würde sich Sorgen machen. Er musste etwas unternehmen. Am Verlagshaus beim strengen Senior traute er sich nicht zu klingeln. Der Junior wohnte ein paar Häuser weiter am Münsterplatz. Es war natürlich peinlich, ihn um Hilfe zu bitten, aber Hanno sah keine andere Möglichkeit. Also fasste er sich ein Herz und klingelte bei Eupen jr.

Der Junior öffnete die Tür. Er trug eine safrangelbe Schürze, auf der „Hier kocht der Chef“ stand, und sah Hanno schweigend an. Hanno haspelte: „Entschuldigen Sie bitte die Störung, Herr Eupen. Mir ist der letzte Bus weggefahren, und ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll.“
Aus der Wohnung scholl die Stimme von Frau Junior: „Theo! Wer ist denn da?“
Der Junior rief nach hinten: „Es ist Hanno, Gisela! Hat den Bus verpasst! Ich muss ihn eben nach Hause fahren.“ Zu Hanno sagte er: „Warte draußen! Ich komme gleich mit dem Auto.“ Sprachs und schlug die Tür zu.

Während der gesamten Fahrt sprach der Junior kein Wort, fragte nicht, warum Hanno den Bus verpasst hatte, wollte nicht wissen, wie es im Deutschkurs gewesen war. Hanno versuchte dem peinlichen Schweigen zu entkommen und sah angestrengt aus dem Fenster. Auf direktem Weg über die Bundesstraße 477 dauerte die Fahrt knapp 20 Minuten, nicht 50 Minuten wie der Bus brauchte, weil er sich wie ein Lumpensammler über die Dörfer schlängelte. Das Leben war soviel einfacher mit Auto, dachte Hanno. Er würde fast zeitgleich mit dem letzten Bus zu Hause eintreffen.

Als sie sich dem Dorf näherten, wuchs in Hanno die Sorge, der Junior würde mit hochkommen wollen, um mit seiner Mutter zu sprechen. Hanno würde sich wegen ihrer ärmlichen Wohnung im Dachgeschoss der Schule schämen. Als sie herzogen, hatte die Lehrerwohnung auf der ersten Etage auch leer gestanden. Doch seine Mutter hatte sich für das Dachgeschoss entschieden, denn wenn ein Nachfolger für den verstorbenen Hauptlehrer Schmitz gefunden würde, müssten sie doch ins Dachgeschoss ausweichen. Also lieber gleich dort einziehen. Glücklicherweise wollte der Junior rasch wieder nach Hause. Nachdem ihn Hanno zur Schule gelotst hatte, fuhr der Junior eine Schleife über den Schulhof und setzte Hanno vor der Haustür ab.

Sie hatten drei Zimmer, zwei nebeneinander und eines über den Dachboden zu erreichen. Im vorderen der beiden Zimmer diente der große Wohnzimmerschrank dazu, nach hinten einen schmalen Bereich als Küche abzutrennen. Freilich gab es dort kein fließendes Wasser, aber Hannos Mutter kam gut zurecht. Sie hatte auf einem Tisch einen elektrisch betriebenen Herd mit zwei Kochplatten. Das reichte ihr zum Kochen und war bequemer als in der alten Wohnung, wo sie auf einem Kohlenherd gekocht hatte. Tageslicht kam aus einem Fenster in der Dachgaube, was gleichzeitig als Dunstabzug diente. Nebenan war das Schlafzimmer der Mutter und der jüngeren Schwester. Hanno und sein Bruder schliefen im Zimmer hinterm Dachboden. Da hatte zuvor der alte Vater von Hauptlehrer Schmitz geschlafen. Es lag ganz am Ende eines Speichers, der noch eine Treppe hinauf auf den Giebelboden hatte. In dieses Speicherzimmer abgeschoben, war der Alte dann irgendwann verröchelt. Das Bett hatte Hauptlehrer Schmitz bei seinem Auszug nicht mitgenommen und die Matratzen auch nicht. Sie waren dreiteilig, dunkelblau mit einem gelben Blumenmuster. Hanno mochte sie nicht sehen. Wenn das Laken abgezogen war, kam ihm der Tote zu nah. Das Zimmer hatte nur ein winziges Fenster in einer Dachgaube, durch das manchmal die Abendsonne schien. Meist lag es im Halbdunkeln. Abends lag Hanno im Bett und fürchtete sich. Mit einer Taschenlampe beleuchtete er die Türklinke, um zu sehen, ob sie heruntergedrückt wurde. Bis zum Einschlafen achte er darauf, dass der Lichtkegel der Taschenlampe auf der Türklinke blieb und hoffte inständig, dass sein Bruder zu Bett kommen würde.

Dieses ärmliche Heim war trotzdem sein Zuhause. Seine Mutter machte ihm Bratkartoffeln warm und setzte sich zu Hanno an den Tisch. Der berichtete beim Essen glücklich vom überstandenen Abenteuer und wie er die Situation gemeistert hatte.

Fortsetzung

4 Kommentare zu “Zu Hause – aus: Jüngling der Schwarzen Kunst (5)

  1. Lieber Jules,
    Bei Sätzen wie diesen „
    Wenn das Laken abgezogen war, kam ihm der Tote zu nah….“, kann ich das Röcheln hören, denke ich über Körperflüssigkeiten nach, die in rosshaargefederte Sprungfedermatratzen einsickern, bestimmt quietschen sie irgendwann rostig und überhaupt schreib bitte bloß weiter, ich schreibe auch Kommentare…und suche Klugworte, umwabert von Bratkartoffelduft auf Kohlenwärme und überall feinster schwarzer Staub…
    Das macht alles beim Lesen mein Kopf so mit dazu.
    Sehr sehr fein.
    Danke…
    Liebe Grüße,
    Amélie

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