Die Überwindung der Nase – aus: Jüngling der Schwarzen Kunst (3)

Erste Stunde Deutsch in der Berufsschule auf der Neußer Furth, doch statt ihres Deutschlehrers betrat Direktor Fischell den Klassenraum, sah sich grimmig um und sagte: „Der Deutschunterricht fällt aus. Herr Tonder hat einen Herzinfarkt erlitten. Das habt ihr ja fein hingekriegt. Glaubt ihr, ich wüsste nicht, welchen Zauber ihr in seinem Unterricht abgezogen habt. Herr Tonder fällt mindestens für drei Monate aus. Wenn er überhaupt nochmal wieder kommt. Das habt ihr jetzt davon. Wir machen Fachrechnen.“ Fachrechnen war übel, ging völlig über Hannos Horizont. Aber was Herrn Tonder betraf, fühlte Hanno sich schuldig. Der arme Herr Tonder war doch ein Mann ohne Arg, hatte die Disziplinlosigkeit von Lutz und anderen ohne böses Wort ertragen. Sein morgendliches „Setzt euch, Jungs!“ hatte immer ganz hoffnungsfroh geklungen, als würde Tonder nicht an ihrer Gutwilligkeit zweifeln. Aber spätestens, wenn Lutz seine Worte nachäffte, wobei er Tonders Näseln übertrieb, kehrte die Furcht zurück in Tonders Blick, dass ihm die Jungs wieder entgleiten würden. Überhaupt Lutz, der scheinheilige Hund. Bei Direktor Fischell tat er immer ganz brav. Stand mit gesenkten Kopf und den Händen auf dem Rücken, wenn Fischell ihn zusammenschiss, weil er beim Rauchen erwischt worden war. Dann spielte Lutz so überzeugend das reuige Schäfchen und hörte sich die Standpauke demütig an, wünscht an deren Ende dem Fischell einen „schönen Feierabend!“, wo doch erst früher Vormittag war. Weil Fischell darauf reinfiel, verlor Hanno jede Achtung vor dem Mann.

Insgeheim beneidete Hanno den Lutz, nicht nur um seine Durchtriebenheit. Lutz hatte den Zug verpasst und kam trotzdem rechtzeitig. Es klingelte zum Unterrichtsbeginn, da rollte ein gelber VW-Käfer von der Bundespost auf den Schulhof, und auf der Seite, wo wegen der Postsäcke nicht mal ein Sitz war, thronte Lutz und grüßte mit großer Geste in die Runde, stieg aus wie ein Fürst, als wäre die ganze Deutsche Bundespost ihm untertan. Schon war Lutz wieder der Held. Dabei sieht er aus wie ein Schwein, dachte Hanno. Mit diesem Schweinerüssel würde ich mich in Grund und Boden schämen, aber der großspurige Lutz ist von einem unerschütterlichen Selbstwertgefühl, gehört zu den Typen, die trotz ihrer Hässlichkeit bei den schönsten Frauen landen können.

Hanno glaubte, er müsste gut aussehen, schämte sich ein wenig wegen seiner Nase, die nach seinem Gefühl zu kurz geraten ist. Diesen Komplex hatte ihm, als er klein war, sein älterer Bruder eingeredet, der ihn immer damit aufgezogen hatte. Als er anfangs nach Neuss fuhr, hatte sich Hanno derart wegen seiner Nase geschämt, dass er während der ganzen Busfahrt die Hand vor sein Gesicht halten musste. Die Macke verlor sich glücklicherweise mit der Zeit. Dabei hatte der Geselle Monitz ihm unwissentlich geholfen. Dieter Monitz hatte gepflegte Umgangsformen und stach schon deshalb aus der Riege der Gesellen heraus. Monitz kleidete sich gewählt, kaufte seine Hosen bei Selbach exclusive Herrenmoden auf der Düsseldorfer Königsallee und war immer umweht von einer Duftwolke teuren Rasierwassers. Bei Regenwetter kam Monitz mit Stockschirm. Monitz trat selbstbewusst auf, wirkte sogar ein wenig arrogant. Aber er war ein liebenswerter Charakter, wäre nie auf die Idee gekommen, den Lehrling zu triezen. Hanno sah zu ihm auf. Da Monitz die Abendschule besuchte, um sein Abitur nachzuholen, verkörperte er alles, was Hanno einmal sein wollte. Doch Monitz war hässlich, hatte eine zu große Nase, und wenn er sprach, entblößte er zwei hässliche Biberzähne, die überdies ein wenig schräg standen. Es war Hanno ein Rätsel, wie einer mit diesem Aussehen so selbstbewusst sein konnte. Einmal fragte er:
„Wenn Sie jetzt einen Klumpfuß hätten, Herr Monitz, einen Klumpfuß und einen Buckel, wären sie dann trotzdem so selbstbewusst?“
Monitz wusste nicht, worauf Hanno hinaus wollte: „Du meinst, wenn ich aussehen würde wie der Glöckner von Notre Dame?“
„Zum Beispiel.“
„Ich glaube, an meinem Selbstwertgefühl würde sich nichts ändern.“
Das wars. Wenn Monitz sich annehmen konnte, trotz Nase und Hasenzähnen, sollte Hanno sich doch auch mit seiner Nase anfreunden können. Er muss sich nur in allem an Monitz ein Beispiel nehmen und viel von ihm abschauen.

Fortsetzung