Busfahrten – aus: Jüngling der Schwarzen Kunst (2)

äglich nimmt Hanno den ersten Bus nach Neuß um 6 Uhr 35. Es gibt auf dieser Linie zwei Busfahrer, die sich wöchentlich abwechseln, der dicke Hubert und das nervöse Karlchen. Obwohl er im nur zwei Kilometer entfernten Nachbardorf seine Schicht beginnt, kommt Hubert fast immer zu spät. Kommt mit derselben Selbstverständlichkeit zu spät, mit der er der dicke, Respekt einflößende Hubert ist. Hubert soll ein Frauenheld sein, ist irgendwie tierhaft, immer unwirsch, wie es manche Frauen mögen. Im Sommer sitzt er im Unterhemd hinterm Steuer. Es ist auf ihn kein Verlass, nicht mal auf seine Unpünktlichkeit. Fünf Tage lang kommt er zwanzig Minuten zu spät, und am sechsten Tag auf die Minute, so dass, wer sich auf Huberts Unpünktlichkeit einstellt, den Bus verpasst. Im Winter, wenn es noch stockfinster ist um diese Zeit, hat man schon oft frierend auf Hubert gewartet, ein ganzes Häuflein an der Haltestelle im noch schlafenden Dorf, aber nie hat es wer gewagt, Hubert wegen seiner Unpünktlichkeit zu ermahnen.

Dabei fährt immer ein Ehepaar mit. Der Mann könnte doch mal was sagen, wenn er ein Kerl wäre, denkt Hanno. Er hegt einen Groll auf das Paar. Irgendwann hat er versäumt, die beiden zu grüßen, und jetzt ist es immer peinlich, ungegrüßt mit ihnen an der Haltestelle zu stehen und auf Hubert und seinen Bus zu warten. Der Mann trägt einen Bürstenhaarschnitt. Hanno vermutet, dass er die Haare hochföhnt, um wenigstens einen halben Zentimeter größer zu sein als seine durchaus kleine Frau. Das Paar sitzt im Bus natürlich nebeneinander. Sobald er sich auf seinem Fensterplatz niedergelassen und seine Frau sich neben ihn gehockt hat, packt er die Neuß-Grevenbroicher Zeitung aus und reißt sie mit gestreckten Armen auseinander. Seine Frau erträgt das. Ein fremder Fahrgast würde sich nicht die Lufthoheit vor der Nase mit einer Zeitung streitig machen lassen. Besonders abstoßend findet Hanno die hektische Weise, in der der Ehemann die Seiten umblätterte und wieder glatt zieht, dass es knallt. Dass er die Zeitung so heftig Knistern und Knallen lässt, ist mehr als eine fordernde, gefräßige Aneignung des Inhalts, es ist eine Demonstration. Zeitungslesen als Show. Schaut alle her, ihr analphabetischen Dorftrampel, was ich für ein gebildeter, interessierter Mensch bin, der seine Zeitung nicht nur liest, sondern auch beherrscht!

Das nervöse Karlchen, der schon bejahrte Mann, fährt und verhält sich so, als könnte er selbst nicht glauben, dass er den Busführerschein hat. Karlchen kommt fast immer ein klein wenig zu früh, besonders im Sommer. Auf den Dörfern nahe der Stadt wird der Bus voll, und die Leute rennen von allen Seiten heran, wenn Karlchen wieder zu früh kommt. Einmal hört Hanno, warum Karlchen immer so zeitig ist. Da sagt er zu einem Fahrgast: „Ich seh so gern, wenn die Mädchen laufen müssen und die Äpfelchen hüpfen!“ Soll sich was schämen, denkt Hanno, so ein alter Mann!

Mittwochs sitzt auf der Rückbank der dicke Fleischhauer und hat sein fettes Grinsen aufgesetzt. Er hatte sogleich den Kontakt zu Hanno gesucht, wenn er nach Neuß zur Berufsschule fuhr. Hanno war froh, jemanden im Bus zu kennen, obwohl er Fleischhauer nicht wirklich kannte. Eher notgedrungen setzte sich Hanno zu ihm. Fleischhauer machte eine Lehre als Landmaschinenschlosser, roch demzufolge immer ein bisschen nach Motoröl und Schmierfett. Seine Hände würden wohl nie mehr richtig sauber werden. Fleischhauer kannte auch einen Jungen, der im Gohrer Bruch zustieg und ebenfalls Schlosser werden wollte, den rothaarigen Peter Rankov. Mit ihm stieg seine ältere Schwester Erika zu. Erika fuhr täglich mit nach Neuß, und wenn die Schlosserlehrlinge nicht im Bus waren, setzte Erika sich zu Hanno. Sie trug ihre schwarzen Haare zum Bubikopf geschnitten und war ziemlich hübsch. Um schön zu sein, waren ihr Kinn zu kräftig und ihre Nase zu kurz, fand Hanno. Erika trug einen Verlobungsring, aber würde gewiss erst heiraten, wenn ihre Brüder volljährig wären. Trotz ihrer jugendlichen 19 Jahre hatte sie die Vormundschaft über ihre jüngeren Brüder Peter und Horsty. Ihre Eltern waren tödlich verunglückt, als die Familie gerade erst mit dem Auto zu einer Urlaubsreise aufgebrochen war. Welch ein tragische Geschichte, dachte Hanno. Er stellte sich vor, wie die Familie voller Vorfreude auf den Urlaub ins Auto gestiegen war. Der kleine Horsty trödelte, und aus dem Auto rief man ihm zu, er solle einsteigen. Und dann fuhren sie los. Wären sie gut eine Minute vorher weg gekommen, aber so erwischte sie beim Einbiegen in die Bundesstraße der schwere LKW. Die beiden Eltern, weil sie vorne gesessen hatten, waren sofort tot.

Hanno hatte Erika gern, freute sich, wenn sie einstieg und sich selbstverständlich neben ihn setzte. Für die Zeit ihrer gemeinsamen Busfahrten jedenfalls hatte sie ihn adoptiert. Sie sorgte sich um seine Bildung und brachte ihm Bücher mit, die er lesen sollte. Ein Buch mit Ringelnatzgedichten im gelben Leineneinband schenkte sie ihm sogar. Hanno las darin mit Begeisterung und versuchte, im Stil von Ringelnatz zu dichten. Bei Erika verlor er seine Schüchternheit und traute sich sogar, sein Werk vorzutragen:

In meinem Bett da fühle ich mich am wohlsten,
In meinem Bett, da bin ich frei.
Ich könnt‘ noch lange davon schwärmen,
Doch lassen wir’s dabei.

Um 7:25 Uhr langte der Bus am Neußer Busbahnhof an. Da er erst um acht Uhr in der Firma sein sollte, vertrödelte Hanno seine Zeit im Wartesaal des Bushofs. Das Gebäude war noch recht neu, hatte ringsum viel Glas, Sitzschalen aus blauem Plastik und gegenüber dem Eingang einen Kiosk mit zwei Stehtischen, die immer von zwei, drei Stadtstreichern belagert wurden. Hier verliebte sich Hanno in eine ebenfalls wartende Schülerin. Er malte sich Begegnungen aus, war aber viel zu schüchtern, das Mädchen anzusprechen. Außerdem war sie als Gymnasiastin aus gewiss gutem Hause für ihn unerreichbar fern. Die Freude, das Mädchen zu sehen, versüßte ihm trotzdem die Wartezeit. Seine Träumereien waren die kleine Freiheit, bevor er für einen endlos langen Arbeitstag bis 17 Uhr in der Setzerei stehen musste.

Fortsetzung

4 Kommentare zu “Busfahrten – aus: Jüngling der Schwarzen Kunst (2)

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