Stumme Katastrophen

In den Bussen der Hannoverschen Verkehrsbetriebe gibt es eine Vierersitzgruppe, mit zwei einander zugewandten Sitzbänken, bei denen jeweils der Fensterplatz höher liegt als der zum Gang. Vermutlich ist darunter der Radkasten, aber das benenne ich nur, um mit den Zeilen auf Höhe der Vignette zu kommen. Wenn auf dem Radkasten ein kleiner Mensch sitzt und am Gang ein großer, sind beide auf Augenhöhe. In dieser idealen Sitzposition befinden sich ein kleiner Junge und seine Mutter. Ich zwänge mich vorbei auf den Fensterplatz in Fahrtrichtung und habe nun von der hohen Warte beide im Blick.

Sie ist etwa 28 Jahre alt, blond und ziemlich hübsch. Im Nasenflügel trägt sie einen schmalen Goldring, einen weiteren am Daumen und einen am Ringfinger. Dem Wetter angemessen hat sie sich in einen weiten hellen Mantel gehüllt und sich umgeben mit einem Schal, für den mir nur das Fremdwort voluminös zu passen scheint. Auf dem Schoß hält sie einen kleinen Schulranzen. Offenbar hat sie den Jungen nach der Arbeit aus Nachmittagsbetreuung abgeholt. Ihr Sohn hat die Augen auf ein Smartphone gesenkt und spielt. Ab und zu kratzt er sich versonnen, wo man sich in der Öffentlichkeit nicht kratzen sollte. Während der gesamten 20-minütigen Fahrt sprechen Mutter und Sohn kein Wort. Nur einmal nimmt sie ihm das Smartphone weg, um den Spielsound leiser zu stellen.

Offenbar ist die Frau müde von einem vermutlich anstrengenden Bürotag. Zu Hause würde es weitergehen mit Anforderungen. Auch der Junge ist müde. Beide nehmen sich eine Auszeit. Sie weiß ihren Sohn bei sich und beschäftigt und hängt einfach ihren Gedanken nach, er vertreibt seine Gedanken und ersetzt sie durch Anforderungen und Eindrücke aus der Spielewelt. Da muss nichts gesagt werden. Auch ist durchaus fragwürdig, mit kleinen Kindern Gespräche auf Augenhöhe zu führen. Ich liebte einmal eine alleinerziehende Mutter mit achtjähriger Tochter, deren Erziehungsprinzip gewesen war, mit dem Kind auf Augenhöhe zu sein. Demzufolge war die Tochter ein egozentrisches, verwirrtes Kind, das sich ständig überschätzte und keine Grenzen akzeptierte. Aber durch eine zufällige Sitzposition mit seinem Kind auf Augenhöhe zu sein, eröffnet Chancen, die Welt für kurze Zeit aus der kindlichen Perspektive zu sehen. Das wäre im beschriebenen Fall allerdings nicht ergiebig, denn der Junge schaut nicht auf und um sich, sondern ausschließlich auf den Bildschirm. Und sich darüber zu unterhalten, ist wenig verlockend. Obwohl, sich das Spiel vom Kind erklären zu lassen, wäre schon eine Option.

Mich gruselt es, denn mit mir ist ein junger Mann eingestiegen, hat sich neben mich gesetzt und ist das alt gewordene Pendant zum Kind am Fenster. Auch er hat den Blick auf sein Smartphone gesenkt und spielt, man sagt „daddelt“, ohne Unterlass ein labyrinthisches Spiel mit faszinierenden visuellen Effekten. Das Spiel hat ihn völlig in seinem Bann. Als ich nach 40-minütiger Fahrt aussteigen muss und um Durchlass bitte, schaut er zum ersten Mal auf und nimmt wahr, dass gegenüber freie Plätze sind, wo er sich hinpflanzt und weiter spielt.

Wer ein Spiel programmiert, hat den berechtigten Wunsch, die potentiellen Spieler zu fesseln, denn sein Arbeitgeber bemisst den Erfolg danach. Es sind da also keine verschwörerischen Kräfte am Werk. Alle beteiligten Personen handeln für sich genommen richtig und plausibel. Vielleicht bin ich der Freak, der das beobachtet und sich Gedanken macht. Letztlich kann es mir egal sein, denn wenn sich die stummen Kommunikationskatastrophen einmal verheerend auf die Gesellschaft auswirken werden, bin ich auch glücklich verstummt und begucke die Radieschen von unten.