Drei Tage geht es – Gruselgeschichte in Folgen (3)

Folge 1Folge 2

ie übel ist es, an einer einsamen Landstraße zu stehen, wo sie auf einer Hochebene die Felder durchzieht. Kein Haus, kein Strauch weit und breit, nichts, wo du dich vor dem eiskalten Wind schützen könntest. Du zitterst unter deinem viel zu dünnen Wams. Der Wind fährt hindurch und beißt dir in die Knochen. Da! Ein Klappern! Horch! Es sind deine Zähne. Ein wenig Trost spendet das windschiefe Schild einer Bushaltestelle nahe dem Weg zur Tempelanlage. Aber es ist zweifelhaft, ob sie überhaupt noch von einem Bus angefahren wird. In all der Zeit deiner Anfahrt und während deines Aufenthalts, es müssen wohl viele Stunden gewesen sein, denn inzwischen ist es stockfinster, in all den Stunden ist nicht ein Auto die Landstraße lang gekommen. Außer dem Radfahrer hast du keinen Menschen gesehen. Vielleicht hat man die Buslinie mangels Bedarf längst eingestellt, und wie die Belgier nun mal sind, besonders die phlegmatischen Wallonen, hat sich niemand dafür zuständig gefühlt, das überflüssige Schild abzubauen. Du hast deine letzten Streichhölzer verbraucht beim Versuch, den Aushang zu lesen. Der Wind hat sie dir immer wieder ausgepustet.Wenn die Buslinie noch bestünde, sollte in 15 Minuten ein Bus vorfahren. Du frierst erbärmlich, sehnst dich nach etwas Wärme und Licht. Da beginnt es leise zu regnen. Hier herumzustehen, wird deine Situation nicht verbessern. Du entschließt dich, dem Bus etwas entgegen zu gehen, wenigstens bis zur Bodenwelle, wo die Landstraße abtaucht. Von dort kannst du die Serpentinen überblicken und siehst den Bus schon von weitem herankommen. Die Bewegung wird deinen Kreislauf in Schwung bringen, denkst du. Aber ach, die Bodenwelle ist weiter weg als du gedacht hast. Sicherer wäre gewesen, geduldig an der Haltestelle zu warten. Was, wenn der Bus plötzlich herangebraust käme und du bist nicht rechtzeitig zurück an der Haltestelle?

Da! Im Tal unten ein Scheinwerferpaar. Du jubilierst. Die Rettung naht. Zurück zur Haltestelle! Wo ist sie nur? Du läufst und läufst, aber plötzlich überholt dich mit hohem Tempo der Bus. Es wirkt nicht, als wollte er die Geschwindigkeit drosseln und anhalten. Mit einem Mal leuchten die Bremslichter auf. Du hörst das Zischen der Automatiktür. Hier steigt jemand aus? Warum nur, um Gottes Willen? Du rennst um dein Leben. Schon schließt sich zischend die Tür, der Bus fährt an. Du schaffst es gerade noch, mit der Hand ans Heck zu schlagen. Er bremst. Wieder zischt die Tür. Es ist wie himmlischer Harfenklang. Erleichtert stolperst du die Stufen hoch. Hinterm Steuer sitzt ein dicker Mann und schaut dich grimmig an. Du kramst hastig einen Zehneuroschein hervor und legst ihn auf die Schale. Der dicke Busfahrer schiebt ihn zurück und sagt: „Gardez votre argent, monsieur. Nous, les chauffeurs de bus, sommes en grève.“ [Behalten Sie Ihr Geld, mein Herr. Wir Busfahrer streiken.]

Der Bus ist völlig leer. Während du auf einen der hinteren Plätze sinkst und dich wohlig ins Polster kuschelst, fällt dir auf, dass du gar nicht weißt, wohin der Bus fährt. Der hat inzwischen wieder Tempo aufgenommen und rast durch die Nacht, schleudert durch Kurven, rast, holpert brutal über Bodenwellen, als würde er nie mehr anhalten. Der streikende Busfahrer, dieser Teufel auf seinem Kutschbock, lacht plötzlich auf wie irr. Trotzdem kämpfst du mit dem Schlaf. Soll er doch fahren. Er wird dich schon irgendwo hinbringen. Während du im Sitz hin und her geschleudert wirst, murmelst du: „Was zum Teufel soll das?“ Plötzlich sitzt eine Frau ganz nah bei dir und sagt: „Eine gefährliche Frage, mein Lieber. Der letzte, der sie stellte, dem hat ein Außerirdischer den Kopf abgebissen.“
„Nein, nicht den Kopf abbeißen!“

„Ganz ruhig! Du phantasierst“, sagt die schöne Frau lächelnd, schiebt mir den Arm in den Nacken und richtet mich auf, um mir etwas Tee einzuflößen. Wieder staune ich, welche Kraft in ihren zarten Gliedern steckt. Nachdem ich getrunken habe, zerrt sie mir mit den Worten: „Du bist ja ganz geschwitzt!“ das nasse Schlafhemdchen herunter und zieht mir ein trockenes über den Kopf. Als sie die Zudecke zurückschlägt, um das gleiche bei meiner Hose zu unternehmen, wird mir alles klar: „Sie müssen meine Ehefrau sein. Wer sonst würde sich diese Frechheit herausnehmen? Hosendiebstahl sollte nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Erst letztens hat Sarah Lombardi darauf hingewiesen, dass besonders Ehemänner in ständiger Gefahr sind, ihre Hosen zu verlieren. Weiß sie noch von Pietro her.“

Meine Ehefrau lacht. Mit resoluten Handgriffen bekleidet sie mich wieder und ruft über ihre Schulter weg: „Kinder, kommt mal alle her und hört euch an, welchen Quatsch euer Vater im Fieberwahn erzählt!“ Ich sehe eines nach dem anderen folgsam eintreten, vier an der Zahl, und um ihnen die angekündigte Unterhaltung zu bieten, sage ich: „Ittchen Dittchen, Silberquittchen! Ich freue mich, dass ich die Händlerkarte bekommen habe. Sie ist einmal mehr ein Beweis, dass jenseits des großen Teichs absurd hohe Faxgebühren üblich sind.“
„Hört ihr? Der Mann ist völlig draus!“, sagt meine Frau triumphierend.
Die Kinder lächeln verschämt. Es ist ihnen nicht Recht, dass ihnen der Vater so vorgeführt wird. Sie sind aus anderem Holze als ihre Mutter. Ich sage: „Auch wenn es euch herzlos erscheint, dürft ihr nicht an eurer Mutter zweifeln. Sie ist unter derben Menschen aufgewachsen und hat als Kind wenig Liebe erfahren.“ Dann lasse ich mich wohlig zurücksinken und seufze: „Ach, wie gut, dass ich nicht als Hobbyarchäologe einsam in einer Hütte leben muss, sondern geborgen bin im Kreis einer schönen Familie.“

Editorisches Nachwort
Obwohl Äußerungen im Fieberwahn keine kritische Betrachtung verlangen, zwei Bemerkungen: „Dittchen ist ein polnische Münze, etwa im Wert eines Groschens. Mit Ittchen, Dittchen, Silberquittchen hebt ein Abzählvers an. Im Wortlaut:

„Ittchen Dittchen, Silberquittchen, Ittchen, Dittchen, draus.
Meine alte Schwiegermutter mit der krummen Faust.
Sieben Jahr‘ im Himmel geblieben kommt sie wieder raus.
Ist das nicht ein dummes Weib,
dass sie nicht im Himmel bleibt?
Ittchen, Dittchen, Silberquittchen, Ittchen, Dittchen, draus.

„Jenseits des großen Teichs“ bedeutet jenseits des Atlantiks. Es ist eine völlig abgegriffene Metapher für die Vereinigten Staaten von Amerika. Kein Mensch von Kultur und Verstand benutzt sie noch, es sei denn im schlimmsten Fieberwahn. Ich bitte um Entschuldigung.

Vorlage für die phantasierte Tempelanlage ist Varnenum, nähe Aachen Kornelimünster. Ich habe da mal einen Freund und Kollegen gezeichnet, während er auf dem Saxophon blies – zum Tode seiner Katze Molly Mietzke. Näheres im Kommentarkasten.

Die Überschrift bezieht sich auf den redensartlich vorausgesagte Krankheitsverlauf beim grippalen Infekt: „Drei Tage kommt er, drei Tage bleibt er, drei Tage geht er.“

Wenn ich nur geringes Fieber habe, etwa ab 38 Grad, beginne ich zu phantasieren. Das zur Entstehung dieser Gruselgeschichte. Die geschilderte Szene mit der Ehefrau, den Kindern und mir hat sich tatsächlich einmal so ähnlich abgespielt.

Formal reizte mich das Motiv des unzuverlässigen Icherzählers. Gemeinhin ist man als Leser geneigt, einem Icherzähler zu glauben. Dem hier ist nicht zu trauen. Danke für eure Geduld.

 

17 Kommentare zu “Drei Tage geht es – Gruselgeschichte in Folgen (3)

  1. Pingback: Drei Tage kommt es (2) – Gruselgeschichte in Folgen


  2. Mein Freund Bernd auf den Mauern von Varnenum beim Spiel von „Molly Mietzke“ Der Text oben links ist Erkelenzer Platt. Erkelenz liegt direkt an der Benrather Linie, hat also Einflüsse von diesseits und jenseits dieser Lautverschiebungsgrenze. Das erklärt mir, warum das Platt wie der Dialekt der Hölle klingt. Es heißt:
    Molly Mietzke, warum muss das sein?
    Du weißt, wir machten uns Sorgen.
    Molly Mietzke, das hat keinen Sinn,
    für dich gab es kein Morgen.

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  3. Danke für diese Erzählung, lieber Jules. Ich habe sie sehr gerne gelesen und tatsächlich mitgefiebert. Ich war mir sicher, dass der Bus nicht halten würde und war gemeinsam mit dem Protagonisten erleichtert, als es sich als Fiebertraum herausstellte.

    Ich hoffe du selbst bist wieder ganz gesund. Liebe Grüße Mitzi

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    • Das war mir gar nicht so bewusst. Aber ich verstehe es. Als Kind konnte ich Pinoccio nicht lesen, denn immer wann ich hoffte, jetzt ist er gerettet, geriet er in neue „Kalamitäten.“ Tasächlich gibt es in der Wallonie öde Orte, wo man nicht tot überm Zaun hängen möchte. Aber es kann in Belgien auch ganz schön sein. Ich mag das Land wegen seiner herben Schönheit.

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  4. Die hereingebrochene Nacht, kein Mensch, kein Licht, nicht einmal ein Auto und dann der Bus, ja, wir zittern mit dem Protagonisten vor Kälte und beginnender Panik. Der Bus, nein, der Busfahrer gefällt mir besonders. Was für ein Streik!

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    • Danke für die aufmerksame Begleitung und das Miterleben. So macht Schreiben Freude.
      Die Form des Streiks, nämlich einfach kein Fahrgeld zu kassieren, habe ich in niederländisch Limburg erlebt, wo der Transportkonzern Venovia den gesamten ÖPNV übernommen hat. In der Geschichte passte er gut, denn besonders bei den Wallonen nimmt man es mit Vorschriften nicht genau. Hier halten die Busfahrer schon mal auf offener Strecke, um einen Bekannten vor seiner Haustür rauszulassen, was bei uns aus Versicherungsgründen kein Busfahrer wagt.

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    • Ich habe nichts anderes gemeint. „völlig abgegriffene Metapher“ bedeutet doch viel zu oft benutzt. Klar, dass die Wendung gut verstanden wird. Das ist ja das Merkmal des Kitsches vulgo Schreibens ohne Denken, dass er überall gut verstanden wird, sogar von Jüngeren. Bei dir hatte ich das übrigens nicht gelesen, sondern bei einem, mit dem ich noch eine Rechnung offen hatte. 😉

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        • Bei Blogerinnen und Bloggern urteile ich übrigens nicht so streng. Was du meinst, trifft doch eher auf das Mikroblogging zu, wo den Leuten schon mal eine Gehirnblähung entfährt.
          Nein, Großmeister der ausgelutschten Metaphern sind die Lohnschreiber des Printmediums. Da habe ich mich schon mal echauffiert über die albernen Synonyme für Fahrrad und Radfahrer: „Nicht jeder kann es sich leisten, etwas wegzuwerfen. Mancher hat einfach nicht soviel im Kopf. Sieht er ein Wort wie Fahrrad, greift er intuitiv in eines seiner wenigen Sprachkästchen und holt den Drahtesel oder das Stahlross hervor. Guckt es kurz an – findet es immer noch prima oder wenigstens gut genug oder er denkt: „na ja, was Besseres gibt’s halt nicht auf dieser Welt“, – und gibt zum zehntausendsten Mal den selben despektierlichen Altmännerwitz in Druck. Bitte diese Sprachschublade nicht mehr öffnen. Sie enthält dummes Zeug.“ [von hier: ]

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          • Aber ja, das kenne ich. Schreiber, gerne moderne Buchschreiber, halten sich gerne und viel zu oft an Metaphern, Redewendungen und Vergleiche, die alterprobt sind. Halt bloß, dass Alter und „Erprobtheit“ kein Zeichen für innovatives Schreiben sind, sondern lediglich dafür, dass dem Schreiber nichts Eigenes dazu eingefallen ist.

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  5. PS: Du bist mit deinen Phantasierereien bei gar nicht so hohen Temperaturen nicht allein. Ich erinnere mich, wie ich eine halbe Nacht lang (m)einem Zweimetermann Wadenwickel verabreichte, um von ihm wieder zwei, drei klare Worte zu hören. Die übrigens nicht kamen, weil er der Angina wegen gar nicht sprechen konnte.

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