Drei Tage kommt es – eine Gruselgeschichte in Folgen

eun Tage war ich krank und elend gewesen, hatte die meiste Zeit im Bett verbracht. Die Stube in meiner Hütte war nicht warm zu kriegen, auch wenn ich es schaffte, den gusseisernen Kanonenofen zu füttern und die Scheite in ihm lustig aufflackerten. Aus dem Novembernebel kroch unentwegt die nasse Kälte herein. Das Schlimmste war das nächtliche Fieberdelirium gewesen, dieser Traum, der nicht vorankam, sondern mich immer und immer das Gleiche erleben ließ. Auch hatte ich bei all dem Traumgeschehen das beständige Unbehagen, dass mir jemand über die Schulter schaute. Ein Ding der Unmöglichkeit, sagte ich mir in halbwachen Phasen, denn hinter und unter mir war mein Kopfkissen auf der Matratze. Einmal schaute ich sogar unter mein Bett, weil mein nächtlicher Hintermann derart präsent gewesen war. Glücklicherweise wich der Traum, und am zehnten Tag erwachte ich erstarkt und guten Mutes. Schon kämpfte sich auch die Sonne durch den Nebel und weckte meinen Tatendrang. Ich packte meine Sachen ein und radelte los, um endlich den jüngst freigelegten gallo-romanischen Tempel zu besuchen, zu vermessen und zu zeichnen. Dass der Tempel so spät erst entdeckt worden war, lag an der menschenleeren Gegend, in der man ihn gefunden hatte. Als hätten nachfolgende Generationen den Ort gemieden, war weit und breit keine menschliche Siedlung. Auch die Landwirtschaft war wenig ergiebig. Auf meinem Weg hinauf auf den kahlen Höhenrücken sah ich Brachen und Ödland, und wo doch eine Pflugschar den Boden für Saatgut bereitet hatte, wucherte mehr Unkraut als Feldfrucht. Je näher ich dem Tempel kam, desto mehr Brennnesseln, Brombeergestrüpp und Disteln sah ich.

Die Straße war von der auf der Talsohle fast im rechten Winkel abgezweigt und führte steil hinan, so dass ich gezwungen war, aus dem Sattel zu gehen und im Wiegetritt hochzustampfen. Erst weiter oben hatten ihre Erbauer ein Einsehen gehabt und ließen die Straße in großen Bögen mäandern. Aber längst hatte ich zuviel Kraft gelassen und kam kaum voran. Trotz der Kälte schwitzte ich mein Unterhemd klatschnass. Als säße überdies ein fauler Fettwanst mir im Nacken, flüsterte es: „Gib auf! Zu schwer! Wozu sich quälen?“ Sogar komplizierte Fremdwörter kramte der faule Hund hervor und raunte: „Du bist noch Rekonvaleszent.“ Namentlich die Haarnadelkurven waren so steil, dass ich fürchtete, die Kette zu zerreißen, so sehr ächzte sie über die Ritzel des größten Zahnkranzes. Den hatte ich mir für den Notfall aufsparen wollen, doch dieser Notfall war längst eingetreten. Von oben sauste mir ein Radfahrer entgegen.  Als er mich sah, riss er den Arm hoch und rief irgendwas, wovon nur das letzte Wort an mein Ohr wehte: „…,Monsieur!“ Oder hatte er „ … Mon Dieu!“ gerufen?

Endlich wuchtete ich mich hinter der letzten Serpentine auf den Höhenrücken, ließ mich erleichtert auspustend in den Sattel sinken, kam zu Atem und radelte entspannt vorwärts. Vor mir erstreckte sich die Straße schnurgerade aus und verlor sich in der Ferne. Ich konnte das leere Tal überschauen, aus dem ich hoch gekommen war. Meine Stimmung hob sich. Wie ich auf der Karte in den Mitteilungen der archäologischen Gesellschaft gesehen hatte, musste irgendwo vor mir nach links ein Feldweg abzweigen, und der würde mich geradewegs zum höchsten Punkt der Gegend führen, wo Archäologen den Tempel ausgegraben hatten, nachdem er per Luftbildanalyse entdeckt worden war.

Fortsetzung

9 Kommentare zu “Drei Tage kommt es – eine Gruselgeschichte in Folgen

  1. Poe lässt grüßen – nur die ambitionierte Bergauf-Strampelei lässt das Geschehen in das Jahr 2019, die Gesellschaftsschicht in die gehobene bürgerliche Mittelschicht ohne Geldsorgen und die Gegend in Deutschlands Südwesten zwischen Rhein und Donau verorten😄 Bitte weidaaa!

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    • Danke für deinen ermunternden Kommentar. Woran machst du “ die gehobene bürgerliche Mittelschicht ohne Geldsorgen“ fest? Ohne es genau spezifizieren zu wollen, habe ich mir beim Schreiben eine Landschaft in der Wallonie Belgiens vorgestellt, daher die Rufe auf Französisch. Weiter soll es morgen gehen.

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      • Oh, LaVallonie 🙂Da war ich ja ganz auf dem falschen Dampfer. Und die gehobene…usw. fiel mir spontan ein, da ich Vertreter dieser Schicht sehr häufig in adretter, passender Sportkleidung auf einem hochgetunten MTB (beides nicht billig) so verbissen bergauf radeln sah, wie es nur Leute tun, die sich zutrauen, aus eigener Kraft und mit der eigenen Leistungsfähigkeit den Gipfel zu erreichen. (Oberschicht muss ja in der Regel weniger einzelkämpfen, die bekommt vieles via Beziehungen). Das Training erfordert viel Zeit = geregelter Job mit ausreichend Freizeit = schon berufliche Sicherheit erreicht= keine Geldsorgen. Bin isch Detektivin, oder was 😃

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