Gekritzelt – Meisterhaft tot sein

Geladen
Allmorgendlich, wenn ich Google.News aufrufe, um zu sehen, ob die Welt noch steht oder ob nicht ein durchgeknallter Egomane den Planeten gesprengt hat, erschrecke ich vor der rechts oben aufblitzenden Nachricht: „Dein Wetter wird geladen.“ Wie geladen? Ich bin Kriegsdienstverweigerer. Oder ist etwa meine Laune gemeint und Google befindet „Geladen.“ Da erwarte ich über mir eine finstere Wolke, aus der Blitze herabzucken, und bodenlosen Grimm. Muss aber nicht jeden Morgen sein, hehe.

Sitt sein

Zehnmal, verteilt über zweieinhalb Monate, bin ich nach Badenstedt zu meiner famosen Logopädin geradelt. Jedesmal bei meiner Rückfahrt kam ich am Getränkemarkt Sitt vorbei und nahm mir vor, das Fimenschild zu fotografieren. Da ich fast nie das Smartphone bei mir habe und die Kamera auch vergaß einzustecken, kann ich leider kein Foto bieten. Worum geht’s ?

Im Sommer 1999 wandte sich die Dudenredaktion zusammen mit Lipton Ice Tea mit einer Marketing-Aktion an die Schulen: „Uns allen fehlt ein Wort“, nämlich eines für den Zustand, wenn man genug getrunken hat. Die vermeintliche Lemmalücke sollte mit Lehrerschweiß, Schülergehirnschmalz und Ice-Tea geschlossen werden. Meine Schulleiterin kam damit zu mir und fragte: „Möchtest du dich mit deinen Schülern am Wettbewerb beteiligen?“ Ich sagte: „Um Himmels Willen, nein!“
Aber es müssen sich genug Deppen gefunden haben. Am Ende fand die Jury das Wort sitt preiswürdig. „Möchtest du noch einen Ice Tea?“ „Nein, danke, ich bin sitt.“ So muss man sich den Gebrauch des fehlenden Wortes vorstellen. Was in Wahrheit fehlte, war Verstand, denn Wortbildung per Preisausschreiben funktioniert einfach nicht, was zumindest die Dudenredaktion hätte wissen müssen. Aber es ging wohl gar nicht darum, den deutschen Wortschatz zu bereichern, sondern der Wettbewerb war der armselige Versuch, das Werbeverbot an Schulen zu unterlaufen. Die Frage nach einem Gegenwort zu durstig ist nichts als ein Marketingjux. Wir vermissen kein Antonym zu durstig, weil das Trinken kein echtes Sättigungsgefühl vermittelt. Anderenfalls käme man mit flüssiger Nahrung aus, nach dem Motto: Das bisschen, was ich esse, kann ich auch trinken. Der weltkluge Egon Erwin Kisch hatte es lange zuvor schon auf den Punkt gebracht:

    Die Liebe gleicht dem Trinken
    Man wird davon nicht satt,
    Wenn man auch viel geliebet
    Und viel getrunken hat.

Nie kriegt man vom Trinken richtig satt, drum ist es möglich, einen Getränkemarkt „Sitt“ zu nennen, ohne sich das Geschäft zu verderben.

Sarglegung zur Probe
In einer Talkshow waren einmal zu Gast der Berliner Schauspieler Curt Bois und der kongeniale Zeichner Tomi Ungerer. Curt Bois erzählte, er habe schon seinen Sarg und sich mehrfach zur Probe hineingelegt. Darauf sagte Tomi Ungerer: „Übung macht den Meister.“
[übermittelt durch Uwe Saenger]

Mehr Gekritzelt klicke Vignette.

2 Kommentare zu “Gekritzelt – Meisterhaft tot sein

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