Ungeschicktes Fleisch

In meiner Küche ist es neuerdings gefährlich. Ich habe mir ein scharfes Küchenmesser angeschafft. So scharf es ist, habe ich mir schon heftig damit in den Daumen geschnitten. Genau an diesem Daumen habe ich seitlich des Nagels eine tiefe Narbe, weil ich als Kind mit einem Schnitzmesser hineinratschte. In meiner rheinischen Heimat, wo man kindliches Leid nicht ganz ernst nahm, hieß es: „Das ist ungeschicktes Fleisch. Das muss weg!“ Glücklicher Weise ist das „ungeschickte Fleisch“ wieder angewachsen. Mir lag einfach an der Vollständigkeit meines Daumens.

Jetzt also musste mein linker Daumen erneut dran glauben, und geblutet habe ich wie ein Schwein auf der Schlachtbank. Es hat gut vier Wochen gedauert, bis die tiefe Wunde völlig verheilt war. Demgemäß keimt in meiner Küche die Angst auf, wenn ich das Messer aus der mitgelieferten Schutzscheide gezogen habe. Als wäre es ein Samureischwert, das einmal aus der Scheide gezogen, in Blut getaucht werden muss, fühle ich mich und meine Finger bedroht. Dabei will ich nur Gemüse schneiden.

Wo ich Schriftsetzer lernte, war im Hof unten die Wurstküche der Metzgerei Dreckkötter. Allmorgendlich kreischte dort die Knochensäge, als hätte sie das Leid von Millionen Schlachttieren in ihrem Sägeblatt gespeichert. Der infernalische Lärm einer Kreissäge hatte mir schon in Kindertagen Gänsehaut eingejagt, und da hatte der Bauer in der Nachbarschaft nichts als Holz gesägt. Das hier aber war eindeutig schlimmer, denn es ging ja in zweifacher Hinsicht durch Mark und Bein. Zudem war der Metzgermeister ein Sangesbruder, der sich vom Hall seiner gekachelten Wurstküche immer wieder herausfordern ließ. Was aber kann schlimmer sein als die Vorstellung von einem, der, mit den Armen bis zu den Ellenbogen im Blut, gemütlich Arien trällert? Oft lief auch böse brummend ein Separator, und während mit diesem Gerät die unsäglichsten Kadaverteile für die Wurstpaste zermahlen wurden, erschallten wie diabolische Kommentare die selbstzufriedenen Gesänge des Metzgermeisters. Manchmal ließen sich auch die Gesellen verleiten und stimmten mit ein, bis der Meister sie wütend anschrie, mal solle ihm gefälligst nicht sein Liedchen klauen, also „Aufhören!“ und „Schnauze halten!“ Sogleich war es aus mit dem Singen, wüste Worte flogen hin und her, aus den vormaligen Sängerkehlen rauh hervorgestoßen, und man bewarf sich mit diversen Gerätschaften und Knochen. Das waren die Ausrufezeichen. Was nicht traf, landete krachend in den Ecken, ging es ins Ziel, lamentierte der Getroffene, und der Werfer frohlockte.

Der Schriftsetzergeselle Michael Dykers erzählte mir folgendes: „Einmal stand der Geselle an der Knochensäge, da hat der Dreckkötter ihm voll in den Arsch getreten, dass der Geselle nach vorne gefallen ist und sich zwei Finger abgesägt hat. Zack, zack! Und dann konnten sie in der Knochenkiste zwischen all den Knochen die abgetrennten Finger nicht finden. Als der Geselle schon mit dem Krankenwagen abtransportiert war, hat Dreckkötter sie endlich aus der Knochenkiste aussortiert und ist hinterhergefahren, damit sie ihm die Griffel wieder annähen konnten.“ Ob das stimmt, weiß ich nicht. Vielleicht sind die Metzgerfinger auch zermahlen worden und in die fette Knoblauchwurst geraten.

Ich bin ja Vegetarier.

15 Kommentare zu “Ungeschicktes Fleisch

  1. Lieber Jules,
    ich weihe jedes neue Küchenmesser mit einem versehentlichen Fingerschnitt ein, meine Mutter hat die gleiche Macke.
    Meinen Mittelfinger ziert eine Holzschnittfolge …
    Meine Bandsäge ist eigentlich eine Knochensäge, ich kaufte sie bei der Auflösung einer einer Schlachterei. Holzblatt drauf und gut. Die Finger sind noch dran,

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  2. Eine Kollegin fand mal ein Pflaster in einer Frikadelle (ich aß glücklicherweise irgendwas anderes). Ob der Körperteil, an dem das Pflaster einst gehangen hatte, auch verarbeitet worden war, war nicht auszumachen. Die Kollegin hat dann jedenfalls für lange Zeit keine Frikadelle mehr gegessen. Aus Erfahrung lernt man.

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  3. Das ungeschickt Fleisch kriegt auch in Westfalen, was es verdient. Das wussten auch der Chefkoch, in dessen Großküche ich nach dem Abitur zwei Monate arbeitete. Wenn also (beinahe täglich) ein 25 kg Sack Zwiebeln zu würfeln war, bekamen die Neuen und die Ungeschickten einen Kettenhandschuhe, damit die Finger wie kleine Ritter im Kettenhemd dem scharfen Ungeheuer zu trotzen vermochten. Solltest du dir vielleicht zu Weihnachten wünschen 😊

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    • Danke für den Hinweis. Die Wendung ist also nicht landschaftlich, sondern stammt aus der Zeit vor der Kuschelpädagogik. Von einem Kettenhandschuh habe ich zuvor nie gehört. Ist doch gut, dass du mit Sachkenntnis dienen kannst. Ich habe mich gleich mal kundig gemacht, was die kosten und wie die aussehen. Als Weihnachtsgeschenk geeignet.

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      • Genau, stammt aus einer Zeit, als der Satz „Stell dich nicht an“ höchste erzieherische Bedeutung hatte…, etwa anzusiedeln bei „Der Indianer kennt keinen Schmerz“…Wird immer dümmer, je länger man darüber nachdenkt. Aber die Handschuhe sind hilfreich! Besonders in Küchen mit viel Betrieb kann man Menschen mit Pflastern an den Fingern nämlich nicht gut gebrauchen, siehe Frikadelle:)

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  4. Dreckkötter ist perfekt, macht richtig Appetit. Ich habe mich auch mit jedem unserer einst scharfen Messer geschnitten, gern auch mehrfach. Jetzt sind alle gerade richtig stumpf, ungefährlich für die Finger und ungeeignet für größere Schnittmengen, oder wie auch immer das zu schnippelnde Material bezeichnet werden sollte. Man sollte auch nicht so zimperlich sein, wenn es darum geht, was in der Wurst ist. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt und Liebe geht durch den Magen.

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    • Dann gebe ich Andreas Tipp, sich Kettenhandschuhe zu Weihnachten schenken zu lassen, gerne an dich weiter. Ist in jedem Fall sicherer. Stumpfe Messer können entsetzliche Wunden machen. Was Wurst angeht: Mein Freund und Kommilitone Nebenmann war gelernter Metzgermeister. Er berichtete mir gern, was alles in der Wurst ist und überhaupt von der Qual deer Tiere. Sicher geht auch auf sein Konto, dass ich aufhörte, Fleisch zu essen. Thema Liebe: Seltsam genug waren von den fünf Frauen der letzten Jahre vier Vegetarierinnen. Mit der Mutter meiner Kinder warens sogar fünf.

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    • Liebe Mitzi,
      muss ich mich jetzt noch zweimal schneiden? Dann entsorge ich das Messer lieber, denn wie du bin ich nicht für scharfe Messer geeignet. Zu Kreissägen: Ich weiß noch, dass mir als Kind unangenehme Schauern über den Rücken liefen, wenn die Kreissäge zu hören war.
      Übereinstimmende Grüße
      Jules

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      • Ich glaube das musst du nicht, lieber Jules. Was Messer angeht bin ich der Art ungeschickt, dass ich mich schon so oft geschnitten habe dass es auch für dich gilt. Ich drücke dir die Daumen dass dein Messer und du künftig eine weniger blutige Beziehung führen.

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