Fernsehen tut manchmal sehr sehr weh

Zufällig im Vorbeizappen bei „3nach9“ den Juso-Vorsitzenden Kevin Künert gesehen. Er schwärmte von den kulinarischen Genüssen im Hauptbahnhof von Hannover. In einem Laden im Untergeschoss gebe es „sehr sehr gute Brötchen mit Wurst drauf“. Und es sei bei ihm und seinem Freundeskreis „ein running gag, wir schicken uns immer Fotos, wenn wir bei diesem Laden sind und eh, es ist sehr lecker.“
Der Journalist Giovanni di Lorenzo fragte investigativ nach:
„Und ist das Mett oder Tartar?“
„Ich bin eher die Fraktion Mett (…).“
„Ist das der Realo- oder der Fundiflügel?“
„Das ist der Fundi-Flügel“ (…)
„Und mit Zwiebel oder ohne?“
„Selbstverständlich ohne Zwiebeln (…)“
Der Tagesschau-Nickautomat Judith Rakers grätschte dazwischen: „Stimmt das, Giovanni?“

Ich dachte, ihr seid ja noch viel größere Deppen als ich geglaubt hätte. Und was soll ich sagen, diesen Wortwechsel aus dem Untergeschoss der öffentlich-rechtlichen Fernsehunterhaltung musste ich mir heute mehrmals in der Mediathek anschauen, um ihn korrekt wiedergeben zu können. Wegen solcher Qualen habe ich im Jahr 2006 aufgehört, für die Titanic „Briefe an die Leser“ zu schreiben. Wir lernen: der Fundiflügel, den es eigentlich nur bei den Grünen gibt, aber das kann man als ZEIT-Herausgeber schon mal verwechseln, also der Kreis um den Jusovorsitzenden Kevin Künert mampft im hannoverschen Hauptbahnhof Mettwurstbrötchen und schickt sich von diesem weltbewegenden Ereignis gegenseitig Fotos aufs Smartphone.
Liegt das an schwammartiger Rückbildung von Gehirnsubstanz durch BSE?

Kinder in Afrika buddeln in 50 Meter tiefen Minen mit bloßen Händen nach Kobalt und anderen seltenen Erden für die Smartphone-Herstellung, damit Kevin Künert Bilder von seinem Wurstbrot in die Welt schicken kann. Die desgleichen barbarischen Bedingungen der tierquälerischen Billigfleischerzeugung für Wurstbuden in Bahnhofs-Untergeschossen wecken im ZEIT-Herausgeber di Lorenzo die brennende Neugier, ob Zwiebeln drauf kommen.

    „Sollen wir Ihnen den Weltekel einpacken oder geht der so mit?“
    „Haben Sie Geschenkpapier?“
    „Welches hätten Sie denn gern, das Schwarze oder das Rote mit Herzchen?“
    „Keine Ahnung. Ach, lassen Sie nur, ich nehm‘ ihn für unterwegs.“

18 Kommentare zu “Fernsehen tut manchmal sehr sehr weh

    • An unsere Zwangsgebühren muss ich jedesmal denken, wenns wieder eine Niveaustufe runtergeht. Auch und besonders das öffentlich-rechtliche Fernsehen kommt seinem Unbildungsauftrag professionell nach. Neben den „Talkschlafpillen“ verabreicht es noch Gehirnzersetzendes wie „Wer weiß denn sowas?“ und „Bares für Rares.“ Am Ende stammelt die halbe Republik: „Ich freue mich, dass ich die Händlerkarte bekommen habe:“
      Viele Grüße nach Nürnberg!

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  1. O ja, lieber Herr TT, dieses spektakuläre Talk Thema angeschnitten vom Chefredakteur der ZEIT, hat mich wahrlich auch an der Menschheit verzweifeln lassen, sodass ich am Tag nach der Ausstrahlung in meinem Blog darüber resümieren musste. Sollte es Tücke sein, die den Hern di Lorenzo in solch Niedeeungen absteigen ließ? Wenn, dann war, es nach meinem Empfinden aber wahrlich nur dumöf und platt auf den Tisch gebracht, kein Aushängeschild für einen Chefredakteur.
    😉

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  2. »Es ist seit Gutenberg viel mehr Schwachsinn gedruckt worden, als das Fernsehen in den sechzig Jahren seiner Existenz versenden konnte.« sagte Helmut Thoma im Jahre 2008. Unterdessen ist ein Jahrzehnt vorübergegangen, und was den dargebotenen Schwachsinn anbelangt, kann das Fernsehen mit den Printmedien längst mithalten.

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    • Vermutlich. Als ich nach einigen Jahren TV-Abstinenz im Jahr 2012 in einem Hotel versehentlich eine Ausgabe des ZDF-Boulevardmagazins „Leute heute“ sah, dachte ich, die Welt ist in einen Abtritt gefallen, der freilich prächtig illuminiert ist. Seit einigen Jahren schaue ich wieder regelmäßig und manchmal ist es erhellend zu sehen, was das für Leute sind, die bei uns die gesellschaftliche Elite stellen.

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  3. Manchmal ist es auch erhellend, was im Fernsehen passiert: Neulich wurde Hubertus Heil gefragt, welche von vier Zahlen eine niedrigere Quersumme hatten als ihre Wurzel. Weil er nicht wußte, was eine Quersumme ist, nahm er ohne Nachzudenken sofort den Publikumsjoker. Jetzt kann man sich aussuchen, worüber man mehr entsetzt ist: Daß der Bundesminister für Arbeit und Soziales nicht über die rudimentärtsten Mathematikkenntnisse verfügt, oder daß er bei einem solchen Mist mitmacht. Ich bin noch unschlüssig.

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    • Erhellend ja, aber möchte man in diese Abgründe schauen? Mir tun manchmal die sogenannten Hauptstadtjournalisten leid, weil sie so nah an den Hauptdarstellern der Politik sind und gewiss so manches mitbekommen, worüber sie Stillschweigen bewahren, um ihre Karriere nicht zu gefährden. Hinter die Kulissen zu schauen und trotzdem den geforderten Verlautbahrungsjournalismus abzusondern, da muss man schon ordentlich verdienen, um das zu verschmerzen.

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  4. Beim Lesen wurde ich unangenehm von einem Gefühl der Betroffenheit erfasst. Dieser Beitrag hält mir schon auch einen Spiegel vor, in dem ich meine eigene Oberflächlichkeit erkenne. Da ist es gut, dass ich nur ein kleines und unbedeutendes Licht bin. Das enthebt mich zwar nicht meiner Verantwortung für mein Handeln, doch zum Glück für alle fungiere ich nicht als Aushängeschild.

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