Urahn erwacht

In jener Nacht, der volle Mond stand hell am Himmel, erhob sich in mir der Urahn. Er hatte sich zuvor eine Weile unruhig auf seiner Bettstatt hin und hergewälzt, bevor er sich eingestand, dass der Schlaf geflohen war. Zuletzt hatte er auf der Seite gelegen, die Arme angewinkelt wie zum Gebet erhoben, hatte die Finger beider Hände neben seinem Kopf gespreizt, die Fingerspitzen aneinander gelegt und sie rhythmisch gegeneinander gepresst. Er kannte das Gefühl von früher her als würden seine Fingerkuppen gegen eine geschlossene Fläche drücken.

Eine Weile hatte er das getan und in sich hineingehorcht, welche Botschaft aus grauer Vorzeit in ihm aufgestiegen war. Doch da war nur der unruhige Impuls aufzustehen. Dann hockte er da im hellen Licht mit den Ellebogen auf den Knien und starrte ratlos vor sich hin.

Wenn in Vollmondnächten der Urahn seines Urahns sich erhob, hatte er noch weniger gewusst, warum sein Vorfahr unruhig in ihm erwacht war und ihn drängte, in die taghelle Nacht hinein zu horchen. Nicht einmal dessen uralter Vorfahr wusste etwas von einem tierischen Urahn, der in Vollmondnächten von seiner Natur gedrängt wurde aufzustehen. Eine lange Kette von Urahnen bis in dunkelste Zeit hinab hat nicht gahnt, was der heutige Urururenkel dort auf der Bettkante aus den Befunden der Biologie herleiten konnte. Vielleicht hatte wenigstens ein Urahn des Urahns des Urahns das Tier in sich noch gekannt. Wenn er unter dem vollen Mond unruhig erwachte und seine Hände wie zum Gebet erhoben hatte, die Finger beider Hände neben seinem Kopf gespreizt, die Fingerspitzen aneinander gelegt und sie rhythmisch gegeneinander gepresst hatte, dann hatte er die Flossen seines Urahns gespürt. Es war nicht der Ahn, der in Vollmondnächten auf die Jagd ging, nicht der Ahn, der unter dem vollen Mond fürchten musste, selbst Beute zu werden. Es war der Fisch in mir, dem der Vollmond den Landgang ankündigte.

11 Kommentare zu “Urahn erwacht

  1. Redensartlich werden uns die Flossen noch zugeschrieben, so wie wir auch manchmal etwas zwischen die Kiemen kriegen müssen. Die Nähe zum Wasser suchen wir. Das Meer, die See, Flüsse, eine seltsame Vorstellung, eine Erinnerung an das Leben dort zu haben.

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