„Wir können uns ein Wetter so nicht leisten“

In der Bäckerei fiel gestern mein Blick auf die Titelseite der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ) mit der Schlagzeile:
„Wir können uns ein Wetter so nicht leisten“
und dabei ein Bild von Wolfgang Schäuble. Nanu? Wolfgang Schäuble ist neuerdings Klimaaktivist? Auf dem Heimweg von der Bäckerei dauerte es nur fünf Minuten, bis ich merkte, dass ich mich verlesen hatte. Auf der Titelseite der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung hatte wohl gestanden:
„Wir können uns ein Weiter so nicht leisten“

Leider kann ich im Internet nicht erfahren, was „wir“ uns nicht leisten können, weil das Qualitätsmedium HAZ die Bezahlschranke davorgesetzt hat, und ein Abo dieser sehr guten Zeitung kann oder besser will ich mir nicht leisten. Also sind wir auf Spekulationen angewiesen. Welches Weiter so können „wir“ uns nicht leisten? Dürfen wir denn keine Schmiergelder von dubiosen Waffenhändlern mehr annehmen?

Na gut, ich mache das nicht mehr. Darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort. Der nächste windige Ganove, der bei mir anklopft und mir 100.000 Ocken Bestechungsgeld unterjubeln will, den werde ich so energisch vor den Kopf stoßen, dass der die Engelchen flöten hört. Und ich rufe ihm hinterher, derweil er die Treppe hinunter rabottert: „Wir können uns ein Weiter so nicht leisten, hat Wolfgang Schäuble gesagt!“

Sonst noch was? Ja, wie auch im Internet zu lesen, war Schäuble einer der Redner auf dem Herrenhäuser Wirtschaftsforum. Verstehe. Herrenhausen ist ein Stadtteil Hannovers. Dort gibt es die Herrenhäuser Brauerei. Hat man sich vermutlich in der Wirtschaft getroffen, um ein paar Bier zu stemmen und Stammtischparolen unter die Säufer zu bringen. Nein? Das Herrenhäuser Wirtschaftsforum ist ein Unternehmerverein, und man lädt nicht in die Kneipe, sondern ins noble Herrenhäuser Schloss. Wozu? Aha.

Dieses vereinnahmende Wir ist ja herzallerliebst. Wir waren doch gar nicht geladen ins Herrenhäuser Schloss. Wie zu gut es mir geht, erfuhr Herr Schäuble gar nicht. Er weiß vermutlich auch nicht, wie es den Flaschensammlern geht, die ich am frühen Morgen schon an den Mülleimern des Spielplatzes sehe, wo die Ausbeute derzeit mau ist, denn auf dem Spielplatz saufende Jugendliche sieht man bei dem Wetter nur selten. Schäuble kennt auch nicht den tapferen Billiglöhner von der blauen Post, den ich wieder sehe, wie er in der Kälte auf dem Spielplatz pausiert und Kaffee aus der Thermoskanne trinkt. Jammern hört man den nicht. Also wer ist gemeint? Wem geht es so gut, dass er jammern muss?

Auch gesprochen auf dem Herrenhäuser Wirtschaftsforum hat Joschka Fischer, das gut geschmierte bezahlte Mietmaul der Autoindustrie und Energiewirtschaft. Ob der im Herrenhauser Schloss gejammert hat, weil er ein Fürzchen quer sitzen hatte, nachdem er zu kräftig beim natürlich kostenlosen Galadinner zugelangt hat? Wenn Schäuble die verwöhnte Bagage vom Herrenhäuser Wirtschaftsforum gemeint hat, könnten „wir“ ihm zustimmen. Denn zu jammern, weil man sich prominent an den Fleischtöpfen breit machen darf, ist ja wirklich peinlich.