Sprühregen – Aus Jeremias Costers Tagebuch

Kürzlich, ich habe davon berichtet, besuchte mich Costers bester Freund aus Aachen und brachte mir sein letztes Tagebuch mit. Ich habe darin folgenden Eintrag gefunden. Es ist die Aufzeichnung eines Gesprächs, das wir vor zehn Jahren im Kerstenschen Pavillon geführt haben. Dieser Pavillon ist ein barockes Gartenhaus, das der berühmte Baumeister Johann Joseph Couven 1770 für den Aachener Fabrikanten Nikolaus Mantel baute. Der Bau wurde Anfang des 20. Jahrhunderts auf die Mittelterrasse des Aachener Lousbergs transloziert. Coster hatte den Schlüssel, weil er Mitglied der Lousberggesellschaft war, die den Pavillon nutzen darf.

Eintrag vom 15. November 2009:
Mit Trithemius schön im Kerstenschen Pavillon gesessen und Champagner gebechert, der noch vom Fest übrig war. „Sprühregen, motregenen, in het nederlands“, sagte er. Ich protestierte: „Aber wenn du am Glas nippst, merkst du, dass es Champagner ist.“
„Du Tuppes!“, lachte er, „ich meine nicht den edlen Tropfen.“ Er habe bei Zugfahrten durch motregenen am Zugfenster oft beobachtet, wie winzige Wassertropfen sich im Fahrtwind zu großen Strukturen vereinigt hätten, als wüssten sie, dass sie sich besser halten können, wenn sie sich verbinden.

„Fließen“, sagte ich, „es geht nicht ums Halten. Information muss fließen, sonst ist sie keine Information, sondern irgendwas. Wenn du sagst, die Tropfen hätten sich zu Strukturen von Rinnsalen verbunden, um sich besser halten zu können, dichtest du den Tropfen eine gemeinsame Absicht an, eine Sorte kollektiver Geist wie bei schwärmenden Fischen. Es geht aber auch ohne ordnenden Geist. Wenn Tropfen auf eine glatte Fläche fallen, passiert das chaotisch. Dieses Chaos ordnet sich nicht aus Absicht, dann hätte es sich schließlich schon vorher ordnen können. Wäre da kein Hindernis, würden die Tropfen weiter fallen, theoretisch bis ins Unendliche getrennt. Es muss ein Medium da sein, damit sich etwas ordnen kann. In diesem Fall ist es das Zugfenster. Viele kleine Tropfen treffen auf ein Zugfenster. Der Zug rollt an, erzeugt Fahrtwind. Der wirkt seitlich auf die Tropfen ein, wodurch einige Tropfen verblasen werden. Sie rutschen zu ihren Nachbartropfen, die noch unbeweglich sind, laufen ineinander. Die neue Größe verändert den Abstand zu Nachbartropfen, sie berühren sich und verschmelzen. Das macht sie schwerer, sie beginnen nach schräg unten zu rinnen, treffen auf andere Rinnsale, vereinen sich mit ihnen, und schon hast du eine sich selbst organisierende Struktur, ein Netzwerk, in dem gemeinsam fließt, was vorher vereinzelt war und stillstand.“

„So ähnlich geht“s zu, wenn der neugeborene menschliche Geist die ersten Signale von der Welt bekommt. Es muss schon im Mutterleib beginnen, so dass sich die ersten Strukturen zu unterschiedlichen Zeiten bilden.“

„Du hast mal behauptet, der Mensch habe in der Sekunde etwa zehntausend innere und äußere Wahrnehmungen“, sagte ich.

„Möglich. Ich weiß nicht mehr, woher ich die Zahl habe.“

„Na, egal“, sagte ich und goss uns noch Schampus ein. „Die meisten Wahrnehmungen nimmt der Mensch nicht wirklich wahr, sonst wäre er handlungsunfähig. Das Übermaß an Informationen würde ihn lähmen. Wie gelingt es dem Menschen, diese Reizüberflutung zu stoppen? Ist eine höhere Macht im Spiel, die wie eine fürsorgliche Mutter darüber wacht, dass der gute Junge nicht überfordert wird? Sortiert diese Macht die Informationen für ihn aus und ordnet sie, damit er sie gebrauchen kann? Man könnte sie dann Geist nennen oder Seele. Woher kommt so eine Seele, und wie funktioniert sie? Ist sie einem Menschen eingehaucht oder hat sie sich selbstständig entwickelt?“

„Ich als Atheist weiß, es geht auch ohne Einhauchung“, sagte Trithemius, der alte Heide.

„Widersprechen kann man dir nicht, jedenfalls nicht mit den Mitteln der klassischen Wissenschaft. Wer an einen Gott glaubt, kann ebenso keinen Beweis führen. Dann wäre es Wissen und kein Glauben. Ich für mein Teil halte mir die Frage offen. Warum soll ich etwas entscheiden, was sich nicht entscheiden lässt?“

„Wer an eine Seele glauben kann, hat es in mancher Hinsicht leicht. Darum gefällt ihm auch die Idee nicht, dass sich alle Abläufe im Leben selbst organisieren könnten, ohne eine ordnende Kraft und einen Radioempfänger namens Seele“, wandte Trithemius ein. „Mir dagegen erscheint nicht mal die Seelenwanderung verlockend – mit immer demselben Radiogerät. Was ist, wenn ich als Flummie wiedergeboren würde? Dann kommen die passenden Botschaften für ein Dasein als Flummie aus dem Kosmos, und ich kriege auf meinem alten Radio den Sender nicht rein. Wie kann ich dann wissen, wohin ich titschen soll?“

9 Kommentare zu “Sprühregen – Aus Jeremias Costers Tagebuch

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