Unsichtbar vor hohen Nasen

Ein Wetter, um sich in die geheizte Stube zu verkriechen, ein Teelicht anzuzünden und einen leckeren Tee zu trinken.Trotzdem zwang ich mich, nach draußen zu gehen. Die Stadt ist nicht grau, sie wirkt nur so. Auch die Leute sind nicht grau, nur nach innen gekehrt. Sie haben ihre Energie dem Außen abgezogen und gönnen der Welt keinen Blick. Die Frau, deretwegen ich vor ziemlich genau zehn Jahren nach Hannover gezogen bin, klagte, mit 40 Jahren sei sie unsichtbar geworden. Da war sie gerade erst 40 geworden. Der Prozess der öffentlichen Nichtbeachtung musste also schon früher begonnen haben.

Ich weiß nicht genau, wann ich unsichtbar wurde. Vor zehn Jahren habe ich noch neugierig auf meine Mitmenschen geschaut. „Die unterhaltendste Fläche auf der Erde für uns ist die vom menschlichen Gesicht“, notiert Georg Christoph Lichtenberg im Jahr 1776 in sein Sudelbuch. Seit einigen Jahren schaue ich nicht mehr offen in fremde Gesichter, namentlich nicht in die junger Frauen. Es schmerzen mich sonst die gleichgültigen Blicke, mit denen sie mich unsichtbar machen. Sich unsichtbar zu fühlen, ist also durchaus ein reziproker Effekt.

Als ich kürzlich das Leipziger Buchdruckmuseum besucht habe, mussten wir in den Ortsteil Schleußig. Mein Sohn, der im benachbarten Lindenau lebt, sagte „Scheußlich“ sei die bei Lindenauern übliche Verballhornung, nicht wegen der durchaus hübschen Gründerzeitbebauung, sondern der Leute wegen, die sich dort eingenistet haben. An der Straßenbahnhaltestelle sah ich später einige und fragte, was wohl das ihnen Gemeinsame ist. Was mir auffiel, war arrogantes Auftreten. Der Volksmund hält das Attribut „hochnäsig“ bereit. Der ich die These vertrete, man könne sich in andere einfühlen, wenn man deren Habitus nachahmt, versuche ich es gelegentlich mit einer hohen Nase. Es hilft aber nicht, mich einzufühlen. Einziger Effekt, mir tut seit Tagen der Nacken weh. Vielleicht muss man von klein auf daran gewöhnt sein, die Nase hoch zu tragen, muss beizeiten eingelebt werden in diese Haltung, wie das Kind, von dem einmal ein Poetryslammer erzählte. Er hatte einen Vater mit Kind beobachtet, wie sie in der Fußgängerzone bei einem Bettler stehen geblieben waren. Der Mann sagte dem am Boden sitzenden Armen, dass er ihm nichts geben werde.  Der Bettler solle arbeiten gehen, statt herumzusitzen und zu betteln. Darauf habe das Kind gefragt: „Papa, darf ICH das dem nächsten Penner sagen?“

Ich will aufhören, meinen Nacken zu strapazieren, denn so wie solche Leute wollte ich mich dann lieber doch nicht fühlen.