Die Welt ist Hammer und du bist Amboss

Grafik: JvdL

arum sollte ein Ufo nicht die Form eines Containers haben? Was wissen wir schon darüber. Jedenfalls zieht ein Container unter den sich ballenden Kumuluswolken dahin und kreist über der fernen Stadt. Mal blitzt er silbrig im Sonnenlicht, mal verschmilzt er mit dem Schatten einer Wolke, verschwindet und taucht wieder auf. Die Sicht ist gut, am südöstlichen Horizont erhebt sich blaugrau die Eifel, doch die Stadt selbst ist nicht zu sehen. Sie liegt ja in einem Kessel, und ich schaue von der deutsch-niederländischen Grenze vergeblich nach ihren Türmen aus. Eigentlich sollte man sich nicht dauernd umsehen, wenn man vorwärts will. Das gilt beim Radfahren wie im Leben überhaupt, denn man neigt in die Richtung zu lenken, in die man schaut. Außerdem ist das hier keine gute Gegend, und ich bin fremd. Da gilt es vorauszuschauen. Doch jetzt führt die Straße eine Weile an der Grenze entlang. So kann ich während des Fahrens sehen, dass der außerirdische Container gerade den Lousberg überfliegt. Das gibt mir einen Größenvergleich. Demnach wäre der Container etwa 75 Meter lang. Das ist nicht viel für ein außerirdisches Flugobjekt. Es ist damit nicht länger als ein modernes Uboot.

Der amerikanische Schriftsteller H. P. Lovecraft verfolgte in seinen phantastischen Erzählungen die Idee, dass vor Äonen mächtige Wesen aus dem All auf die Erde gekommen sind und seither tief in ihrem Innern leben. Es wäre plausibel, wenn diese Wesen ab und zu Erkundungsboote in die Oberwelt schicken würden, um zu schauen, was sich über ihren Köpfen so alles tut. Ihre Oboote wären dann vielleicht als Container getarnt, so dass der unbefangene menschliche Betrachter sagen würde. „Ach, da kreist ja ein überdimensionaler Container über der Stadt. Da denke ich mir lieber nichts bei.“

Die Gegend hier hat den düsteren Charakter einer Grenzregion und ist mit einer weiteren Hypothek beladen. Einst hat man tief in der Erde nach Kohle gegraben. Jetzt sind die Flöze erschöpft. Zurück blieben leere Gänge und Hallen. Viele Menschen haben etwas leise Verwirrtes, denn ihre Väter haben sich selbst die Existenz abgegraben, indem sie das Kohlevorkommen erschöpften. Das Leben ist mühsamer als im Landesinnern von niederländisch Limburg, und wer kann, geht weg. Deshalb tragen viele Häuser das Schild: „Te koop“ (zu verkaufen). Im allgemeinen Verfall zeigen sich Versuche, ihm zu trotzen. So gibt es ein hartnäckiges Nebeneinander zwischen fortschreitendem Niedergang und zaghafter Erneuerung. Da hat einer in der Wildnis einen Garten angelegt, und vorne in die Einfahrt hat er zwei mächtige schwarzweiße Hunde aus Plastik gestellt. Sie sitzen eng aneinander gedrückt auf den Hinterbeinen und beäugen misstrauisch die Vorbeikommenden, in diesem Fall mich.

An manchen Tagen fühlt sich der Mensch dünnhäutiger als sonst, was wohl an einer temporären Schärfung der Sinne liegt. Man kann diesen Zustand den Launen des Wetters zuschreiben. An solchen Tagen scheint etwas in der Luft zu liegen, eine unwägbare Zudringlichkeit der Umwelt, die den Schutzpanzer durchdringt und unser Innerstes berührt. Du bist Amboss und die Welt ist Hammer. Manchmal zeigen sich rätselhafte Erscheinungen, man verliest die Schlagzeilen am Kiosk, sieht vermeintlich Bekannte, die sich beim Näherkommen in Fremde verwandeln, entdeckt Bilder im Laubwerk oder in Wolkenformationen. Das alles sorgt für Unruhe auf dem Pavianfelsen Erde, auch wenn kein Unbekanntes Flugobjekt über Städten kreist. Man sollte sich dann vor Autofahrern in Acht nehmen, denn wenn die Welt sich zudringlich zeigt und gewohnte Wahrnehmungsmuster verwirrt, muss der Mensch mehr beachten als er beachten kann. Eigentlich ist die Dünnhäutigkeit recht produktiv, denn die übersteigerte Wahrnehmung reizt die Phantasie und erlaubt neue Denkwege, soweit man nicht zufällig von einem gerade überforderten Autofahrer umgefahren wird, derweil man grad in den schönsten Gedanken ist.

Was sage ich, – beinah hätte ich die Abzweigung übersehen, die mich endlich von den öden Hausreihen und den vorbei brausenden Autos erlöst. Wenn man alle körperhaften Farben in einen Eimer gießt, bekommt man tiefes, dreckiges Braun. Ähnlich geht es mit fernem Autolärm. Egal, wer sich gerade in den Wahn eingereiht hat, es ist stets die gleiche grollende Kakophonie. Was mag all die Autofahrer bewogen haben, dass sie daheim in die Schuh und dann in ihr Auto gesprungen sind, um just im Augenblick auf der Grenzstraße hinter anderen herzufahren, die ebenso Heim und Herd verlassen haben? Haben sie an diesem Sonntagnachmittag wichtige Dinge zu erledigen, fühlen sie sich unbehaust oder brauchen sie einfach nur das Gefühl, noch dazu zu gehören wie jene hupenden Autokorso-Teilnehmer nach Fußballspielen?

Der Weg führt eine Weile am Waldrand vorbei. Ich tauche in den feuchten Tunnel unter einer aufgegebenen Bahnlinie ein und rolle wieder hinaus. Dann folgt der Weg der Bahnstrecke, auf der man früher die Kohle weggefahren hat. Üppiger Wildwuchs längs der Schneise, geil wuchern Holunder und Brombeere. Mal ziehen die Gleise auf gleicher Höhe dahin, mal schneiden sie in einen sanften Hügel ein und verschwinden hinter den dichten Büschen.

„Knallt die Strolche ab wie kaltblütige Hunde!“, ruft im schlecht synchronisierten Western „Bandolero“ der Anführer einer mordlustigen Reiterschar. Das lässt fragen, ob die Reiter selbst kaltblütige Hunde sind oder ob sie die anderen abknallen sollen, wie sie sonst kaltblütige Hunde abzuknallen pflegen. Solche Hunde begegnen mir nicht. Andere schon. Vom nächsten Ortsteil des zersiedelten Kerkrade kommen Leute her, um sie auszuführen. Wo es am wenigsten zu bewachen gibt, hat man die größten Hunde, möglichst beißwütige, solche, die an starken Leinen zerren und die Zähne fletschen.

Zwei Gestalten tauchen vor mir auf, offenbar Vater und Sohn. Sie halten zwei Kampfhunde an der kurzen Leine. Als ich mich vorbeimogle, fragt der Alte bang: „Hebt U en grijze hond gezien, Mijnheer?“ Nein, und mir wäre auch ganz Recht, wenn der entlaufene graue Hund sich nicht im Tal vor mir herumtreiben würde, wo nämlich Gebell ertönt, das weiter hinten beim Gehöft von einem anderen Hund aufgenommen und weiter getratscht wird. Da gibt es offenbar eine Hunde-Postenkette, die meine Ankunft schon von weit her ankündigt, und vermutlich will der entlaufene graue Hund einfach nur mitmachen. So werde ich hinter der nächsten Wegbiegung gebührend am Tor eines Hauses empfangen. Ein junger Schäferhund reckt sich am Gitter und bellt sich die Seele aus dem Leib, bis er von seiner Mutter zurückgebellt wird, worauf er sich mit gesenktem Kopf an ihre Seite begibt. Ich überquere eine Landstraße. Auf der anderen Seite setzt sich das Tal fort. Auf den Hauswiesen eines Gehöfts grasen Pferde, und weiter hinten steht einsam in einer Senke das Haus, in das ich hineingehen will. Auf der anderen Straßenseite ragt ein altes Industriegebäude mit architektonisch interessanter Fassade.

Erst als ich wieder aus dem Haus herauskomme, wo ich halluzinogenes Gras gekauft habe, entdecke ich, dass sich über dem Portal des Industriegebäudes der Schriftzug „Slachthuis“ wölbt, und es ist auch nicht der Geruch von Pferdmist in der Luft, das ist ein Hauch von Verwesung gemischt mit dem Dampf von Pferdemist. Durch die verglaste Eingangstür kann ich ins Foyer des Schlachthauses sehen. Da steht ein großer, blinkender Süßigkeiten-Automat an der Wand. Wie muss man sich das etwa vorstellen, wenn der Schlachthof geöffnet ist? Kommen dann Kopfschlächter in blutbespritzten weißen Schürzen zum Automaten, um sich eine süße Stärkung zu ziehen, wonach ihnen die Arbeit wieder ganz leicht von der Hand geht, die Messer in wehrlose Kehlen fahren wie in Butter?

Derweil ich das schreibe, ist die Welt wieder leiser, obwohl die Cafétische am Markt dicht besetzt sind. Ein anhaltendes Raunen hängt in der Luft. Egal, wer grad das Maul auftut, das Raunen verändert sich nicht. „Entschuldigung, ist der Stuhl frei?“ Erst als mich die junge Frau zum zweiten Mal fragt, ob sie den leeren Stuhl wegnehmen darf, fühle ich mich gemeint. Tut mir Leid, schreiben distanziert. Und so fällt es mir auch leicht, mich zu distanzieren, als ein rotes Ferrari-Cabriolet vor meiner Nase vorbeirollt, in dem sich ein alter gebräunter Glatzkopf bewundern lässt. Mein lieber Mann, da hat der sich an seine Blech gewordene Psychose ein rotes Nummernschild gehängt, um im Schritttempo über den Markt zu fahren. Aber eigentlich hat kaum jemand hingeschaut. Es ist halt an manchen Tagen jeder mit sich beschäftigt.

9 Kommentare zu “Die Welt ist Hammer und du bist Amboss

  1. Danke für diesen Text.
    Ich habe mich mal beruflich eine Weile in einer Spedition getummelt und dabei gelernt, Container sind von ihren Maßen her berechenbar. Für mich, die ich mich nicht nie in „Ufowissenschaft“ eingearbeitet habe.
    Vor mehr als dreißig Jahren habe ich ab und an gekifft, dabei nicht erlebt, was andere dabei fanden.

    Vollmond ist, ich schlafe dann schlecht. Ich trinke jetzt das zweite Bier … Der Wecker ist gestellt. Morgen im Bürosessel will ich nicht nur pupsen.

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    • Danke für deinen Kommentar. Hab nachgelesen, dass die längsten Container, 40′ Standard, etwa 12 Meter lang sind. Dann wars wohl kein Container, sondern ein Ufo. In der Gegend gibt es viele Ufosichtungen. Als dieser Text entstand habe ich viel gekifft, einmal um die Schmerzen des Liebeskummers besser ertragen zu können, zum zweiten, um zu schreiben. Ich hörte zu dieser Zeit die Melodie meiner Sätze in der Tastatur, was ihnen die eigenartige Stimmung gab.
      So passend für eine Vollmondnacht.
      Schönen Bürotag!

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  2. Die Borg reisen ja im Kubus, der einem Container sehr ähnlich ist. Lästiger Weise wollen sie aber jedermann und – frau assimilieren und sind überhaupt recht unbeliebt. Apropos unbeliebt, ich mag im Café auch nicht gern von der Seite angequatscht werden, wenn ich einen luciden Moment zum Verständnis der Welt hatte…

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  3. Lieber Jules, es war ein Vergnügen deinen Gedanken zu folgen. Ja, warum soll ein solches Gefährt nicht die Form eines Containers haben? An dieser Frage blieb ich hängen, bevor ich mich mit deinen Gedanken gäbe weiter treiben lassen.
    Liebe Grüße

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