Das Familiengeheimnis – Die Wahrheit über die Familie Oberberg

Ich verrate das Familiengeheimnis jetzt, ohne Rücksicht auf den Rest meiner weitverzweigten Familie, auch wenn meine Verwandten alles ableugnen, sogar alles als erfunden abtun werden. Das gehört natürlich dazu, ist quasi ein tragendes Element der Lügengebäude, die in meiner Familie errichtet sind. Also: Meine Mutter ist eine geborene Oberberg. Unter den Oberbergs kursiert in der Familie ein Hochstapler- und Schwindler-Gen. Damit meine ich nicht die bei Menschen übliche Flunkerei, sondern schon eine pathologische Sucht, falsche Tatsachen vorzuspiegeln. Mein Onkel Johannes beispielsweise behauptet, in unserer Ahnenreihe habe es einen Oberberg gegeben, der Kämmerer beim Sachsenkönig August gewesen sei. Da auch bei Onkel Johannes das Schwindler-Gen nachweislich wirksam ist, glaube ich die Geschichte nicht. Vermutlich war dieser Oberberg bei August nicht Finanzminister, sondern hat nur die Nachttöpfe geputzt.

Nicht alle in unserer Familie haben das Schwindler-Gen. Glücklicherweise komme ich auf meinen Vater, der wie sein Vater ein ehrlicher Handwerker war, nämlich Schmied. Ich bin unfähig zu lügen, quasi grundehrlich. Daher grenzt es an ein Wunder, dass ich trotz meiner proletarischen Herkunft einen akademischen Titel erringen konnte und zum Direktor dieser Klinik in kirchlicher Trägerschaft aufgestiegen bin. In der freien Wirtschaft hätte ich es mit meiner Ehrlichkeit nicht weit bringen können. Wie definiert schon Armbrose Bierce in Des Teufels Wörterbuch treffend: „Ehrlich, adj. – Im Geschäftsleben schwerbehindert.“ Köstlich!

Leider hat mein Bruder Friedrich das Schwindler-Gen. Er ist demgemäß ein erfolgreicher Geschäftsmann, ist Hauptgesellschafter der größten Wertsachendruckerei Europas, was um so mehr erstaunt, als er nicht mal einen Schulabschluss hat, obwohl er nach Auskunft unserer gemeinsamen Grundschullehrerin der Klügere von uns beiden war.

Als mein Vater starb, war mein Bruder 15 Jahre alt und besuchte das Gymnasium einer im Wald gelegenen Klosterschule. Vermutlich hat der Tod meines Vaters meinen Bruder aus der Bahn geworfen. Äußerlich war ihm nichts anzumerken. Er radelte weiterhin brav zur Schule und schien eifrig zu lernen. In Wahrheit hatte er am Waldrand nahe der Schule eine verlassene Nissenhütte entdeckt, aus der heraus er zusammen mit einem Freund einen Elvis-Presley-Fanklub betrieb. Die diversen postalischen Erfordernisse verhinderten naturgemäß den regelmäßigen Schulbesuch, so dass sein Zeugnis 87 Fehlstunden, diverse Fünfen und Sechsen und ein gnadenloses „Nicht versetzt“ auswies. Man empfahl seinen Abgang.

Meine Mutter suchte ihm eine Lehrstelle bei der Stadtverwaltung unserer Kreisstadt. In der Berufsschule traf mein Bruder zu seiner großen Freude wieder auf den Freund, mit dem er just den Fanklub betrieben hatte. Folge: erneutes Schwänzen, diesmal der Arbeit, und der Fanklub lebte wieder auf. Spätfolge: Als das ruchbar wurde, warf man ihn hinaus.

Als nächstes versuchte er sich in einer Buchdruckerlehre, lernte in der besten Kunstdruckerei der Stadt, vielmehr lernte nicht, sondern trieb sich stattdessen herum. Morgens trug er die lederne Aktenmappe mit Henkelmann und Thermoskanne pünktlich zum Zug, fuhr in die Stadt und setzte sich ins Bahnhofskino, wo in einer Endlosschleife Walt-Disney-Trickfilme liefen. Nach einigen Wochen fragte meine Mutter: „Sag, kriegst du überhaupt kein Geld?“ „Doch“, sagte er, „nur gibt es die Lohntüten immer freitags, und freitags habe ich Berufsschule.“ In der Kunstdruckerei hatte man ihn längst abgeschrieben. Er war nur dreimal dort gewesen. Danach fing er als Hilfskraft in besagter Wertsachendruckerei an, wurde bald Betriebsleiter, dann Geschäftsführer und zuletzt Gesellschafter. Irgendwann gehörte ihm das Unternehmen ganz. Fragen Sie mich nicht, wie das zuging.

Mein Cousin Wolfgang, auch ein Oberberg, studierte in Düsseldorf Architektur und Kunstgeschichte, promovierte über die Villa Hügel, das Anwesen des Stahlmagnaten Alfred Krupp in Essen. Danach nahm er eine Stelle im Planungsamt der Stadt Köln an. Zu Hause brachte er an der Tür ein großes Emailleschild an „Dr. Wolfgang Oberberg – Oberbaurat“, bis aufflog, dass er alle Zeugnisse und Testate der Universität gefälscht hatte. Auch seine Doktorarbeit war gefälscht. In der Villa Hügel kannte man ihn nicht. Er war dort nie gesehen worden. Die Stadt feuerte ihn, man erkannte ihm den Titel wieder ab, worauf er die Angaben auf seinem Schild einfach weiß überpinselte. Womit er seine Zeit verbracht hatte, als er angeblich nach Essen gefahren war, um in der Villa Hügel zu recherchieren, weiß niemand. Jedenfalls muss er viel Geld verschleudert haben. Seine arme Frau konnte die Privatinsolvenz nur abwehren, indem sie sich in nächtelanger Arbeit die Finger als Näherin zerstochen hat.

Onkel Johannes trieb das Schwindler-Gen zu Verhaltensweisen, die denen meines Bruders aufs Haar glichen. Er hatte die Tochter eines Druckereibesitzers geheiratet, das Unternehmen übernommen und es in kurzer Zeit gegen die Wand gefahren, weil er seine Zeit statt zu arbeiten lieber mit den hübschen Sekretärinnen seiner Kunden verplauderte, wenn er die bestellten Drucksachen persönlich auslieferte. Eines Tages hieß es, er arbeite jetzt beim Kölner Arbeitsamt. Weil er kein Auto mehr hatte, fuhr er einige Wochen mit meinem Bruder und mir in die Stadt. Wir mussten dann früher aufstehen, ihn abholen und zum Arbeitsamt bringen, wo Onkel Johannes sich froh verabschiedete, voller Tatendrang die Treppen zum Gebäude hoch eilte, um es zum Hinterausgang wieder zu verlassen, wie später bekannt wurde. Er verbummelte seinen Tag am Rhein und in Cafés. Aber Onkel Johannes war aus meiner Sicht ein guter Mann. Als wir ihn eines Abends vom Arbeitsamt abgeholt hatten, sagte er meinem Bruder: „Fahr mich ens in de Oochener Stroß! Isch muss do jätt afholle!“ In der Aachener Straße stieg Onkel Johannes aus, ging in einen der Trödelläden, schleppte wenig später eine grüne Halda-Schreibmaschine an und schenkte sie mir! Sie hatte beim Trödler noch 80 DM gekostet, was damals viel Geld war. Zum Vergleich: Ein Kölsch kostete 50 Pfennig. Also hatte mein Onkel Johannes für mich auf 160 Gläser Kölsch verzichtet. Alle Fälle eint, dass man meinen Verwandten bis zuletzt blind geglaubt hat.

Damals arbeitete ich als Schriftsetzer in einer Kölner Druckerei. In der Druckerei wurde überwiegend mit Rotationsmaschinen von Rollen gedruckt, und bei jedem Rollenwechsel blieb ein Rollenkern übrig, auf dem noch viele Meter Papier aufgerollt waren. Einen solchen Rollenkern nahm ich mit nach Hause und träumte davon, ihn in meine Schreibmaschine einzuspannen. Mein Zimmer lag im 2. Obergeschoss hoch unterm Dach. Es hatte drei Dachgaubenfenster, durch die ich vom Schreibtisch aus den Himmel und die Wipfel einer Pappelreihe sehen konnte. An einem Samstag im Frühling, die Sonne schien durchs offene Fenster, an den Pappeln flirrten die frischgrünen Blätter, da stellte ich meine Halda auf den Schreibtisch und spannte die Rolle ein. Ich wollte einen so langen Text schreiben, dass ich das Papier zum Dachgaubenfenster hinausführen konnte, und weiter schreiben, bis die Papierbahn irgendwann den Erdboden berühren würde. Dazu stellte ich auf meiner Halda ein enges Zeilenmaß ein, hübsch in der Mitte zentriert, damit ich nicht zu lange auf den glorreichen Augenblick der Bodenhaftung meines Textes warten musste.

Anfangs schrieb ich ohne Punkt und Komma, schrieb „Die Wahrheit über die Familie Oberberg“ und dachte beim Schreiben kaum nach, sondern haute in die Tasten, was mir in den Sinn kam, und das einige Stunden lang, bis der ersehnte Augenblick gekommen war. Als die Bahn sich nach jeder Zeilenschaltung weiter durchbog, wusste ich, dass mein Text am Boden lag und lief die Treppen hinab vors Haus. Es war wunderbar: Die weiße Papierbahn stieg vor mir an den roten Klinkern hoch, wellte sich über den wilden Wein an der Mauer hinweg, spannte sich an der Regenrinne, dann über einige Reihen Dachschindel und wölbte sich in mein Dachfenster hinein, wo sie verschwand. Und mittendrin das Grau des schmalen Textstreifens.

Ich halte die Halda in Ehren. Sie sollte hinter mir auf einem Schreibtisch stehen, an dem üblicherweise meine Sekretärin sitzt und wichtige Korrespondenz erledigt. Die Halda ist nicht da, auch die Sekretärin nicht. Sie hat sich offenbar verspätet. Ich bin ungehalten, will nach draußen stürmen und alle zur Ordnung rufen. Aber was? Die Tür ist versperrt! So eine Schlamperei! Wütend hämmere, ja, trete ich gegen die Tür. Das geht doch nicht! Man kann mich nicht einfach einsperren. Sie versuchen, die Schlampereien zu decken, deren man hier in der Klinik frönt.
„Damit kommt ihr nicht durch, schreie ich, derweil ich weiter an die Tür hämmere. „Ich als euer Direktor werde aufräumen. Mit eisernem Besen werde ich kehren. Dieser Saustall muss ausgemistet werden!“ Als erstes werde ich verlangen, dass man unverzüglich das Gitter vor meinem Fenster entfernt.

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13 Kommentare zu “Das Familiengeheimnis – Die Wahrheit über die Familie Oberberg

    • Briefzensur wird man nicht wagen, wenngleich schon meine Kaltstellung eine „Unverschämtheit und klarer Rechtsbruch“ sind. Als Anwalt fällt mir Onkel Heinz ein, der nicht nur Kämmerer im Landkreis Starnberg ist, sondern auch eine große Nummer in der Landes-CSU. Er wird mir helfen müssen, damit ich seine dubiosen Machenschaften nicht enthülle.

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