Die Prophezeiung der Kaffeekanne

„Komplizierte Woche“, meinte meine Kaffeekanne, als es aus dem Filter in sie hineintropfte. Was sagt mir das? Sagt es mir überhaupt was? Sollte meine Kaffeekanne prophetische Fähigkeiten besitzen, würde ich mich nicht groß wundern. Früher las man die Zukunft aus dem Kaffeesatz. Warum sollte die Fähigkeit des Kaffeesatzes nicht auf meine Kanne übergegangen sein? Der einzige Unterschied: der Kaffeesatz las nicht vor, sondern es musste eine kundige Kaffeesatzleserin daraus lesen und dessen Struktur interpretieren, weil natürlich keine Wörter im Kaffeesatz zu sehen waren.

Fraglich ist, ob sich die hell plätschernde Rede meiner Kaffeekanne auf mein oder ihr Leben bezieht. Was könnte es Kompliziertes in einer Kannenexistenz geben? Ich trage sie morgens vom Wohnzimmertisch in die Küche, gieße den Rest vom Vortag in den Ausguss, fülle kochendes Wasser aus dem Wasserkocher ein und gieße es wieder aus, wenn die Kanne sich erwärmt hat, dann stelle ich ihr den Porzellanfilter auf den Kopf, natürlich mit Filtertüte und Kaffeepulver, und gieße mit kochendem Wasser auf. Was soll daran kompliziert sein? Nur beim Aufgießen sah ich einmal eine professionelle Kaffeebereiterin, das Wasser in einer kreisförmigen Bewegung ins Pulver gießen. Was das sollte, weiß ich nicht. Ergibt das rechts- oder linksdrehenden Kaffee? Ich jedenfalls mache das nicht. Das Komplizierteste, das meine Kaffeekanne erlebt hat, war ihre Aussetzung. Vor einer Weile befand sie sich noch in einem anderen Haushalt. Dort hat sie eines Tages ein Mensch aus dem Überfluss seiner Besitztümer ergriffen, nach draußen getragen und zum Verschenken auf ein Fensterbrett gesetzt. Dann bummelte ich vorbei, es war ein Sonntag, fand die weiße Porzellankanne formschön und tadellos, sprach: „Komm mit! Du frierst!“ und besitze sie seither.

Natürlich könnte sich „Komplizierte Woche“ auf mich und meine Existenz beziehen. Freilich glaube ich nicht, dass eine simple weiße Porzellankaffeekanne auch nur den entferntesten Schimmer von einer menschlichen Existenz haben kann, so dass sie einschätzen könnte, was über die Komplexität des alltäglichen Lebens derart hinausgeht, dass man Ende der Woche befinden könnte, sie sei kompliziert gewesen. Mein Leben, meine lieben Damen und Herren, ist immer nur kompliziert gewesen, wenn eine Frau in selbiges getreten ist. Das aber möchte ich mir prophylaktisch für die kommenden Wochen verbitten.

17 Kommentare zu “Die Prophezeiung der Kaffeekanne

  1. Als Kind wurde mir manchmal „Marianne! Kaffeekanne!“ hinterhergerufen. Ich kann mich also ziemlich gut in das Wesen einer Kaffeekanne einfühlen. Ja, ich wage sogar zu behaupten, auch in das Wesen einer Porzellankaffeekanne. 😉

    Ich gieße übrigens das Wasser immer rechtsdrehend in den Kaffeefilter. Wann immer ich es tue, frage ich mich, warum ich es so tue, und finde keine Antwort darauf. Deshalb hast Du mich gerade richtig zum Lachen gebracht, mit dem „rechtsdrehenden Kaffee“. Ich glaube, ich setze mal Wasser auf.
    Dir einen schönen Tag!
    Marianne

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    • Ich musste eine Weile über den kindlichen Neckruf nachdenken und was er bei dir angerichtet hat, liebe Marianne. Grundsätzlich ist ja meine wie deine Personifikation der Kaffeekanne rein literarisch. 😉
      Freut mich, dich zum Lachen gebracht zu haben. Meine natürliche Drehbewegung beim Aufguss wäre linksdrehend, wie ich beim einstigen Lauftraining immer gegen den Uhrzeigersinn um die Bahn gelaufen bin.
      Dir ebenfalls einen schönen Tag,
      Jules

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  2. Mit derlei Prophezeiungen heißt es sorgsam umzugehen. Am Gefährlichsten wäre wohl, der Angelegenheit (den Frauen) aus dem Wege gehen zu wollen, indem du beispielsweise eine Einsiedelei für den besagten Zeitraum zu beziehen gedenkst, auf dem Weg dorthin aber von einer unachtsamen Dame im SUV angefahren wirst, um sodann von einer einsamen rotlockigen Krankenschwester liebevoll umsorgt zu werden, während eine smarte Rechtsanwältin dich vor Gericht vertritt. Wie in der griechischen Tragödie würdest du das Unglück durch dein Tun erst recht hervorrufen. Ob die Sache sich umkehren lässt, indem du in der kommenden Woche zu jeder Frau besonders charmant bist, wäre einen Versuch und mindestens zwei bis drei Berichte wert 😊

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  3. welch freundliche geste, dieses arme, bekanntermaßen an wärme gewöhnte, ding aus der kälte mitzunehmen.
    was den rechts-links-drehenden aufguß angeht, habe ich die theorie, dass dieser aus einer zeit herrührt, da die filter und deren löcher noch so groß waren, dass es kaum aufstau gab. auf diese weise wurde aller kaffee im filter gleichmäßig durchfeuchtet. ich selbst tat das damals, als ich noch Kaffee auf diese weise zubereitete, aus eben diesem grund so.

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  4. Also zur Eingussrichtung von Sahne in Ostfriesischen Schwarztee kann ich was beitragen, vllt verleiht das auch der Kaffeediskussion eine neue Perspektive:

    Die Sahne wird gegen den Uhrzeigersinn eingegossen, um in der Teepause quasi die Zeit anzuhalten.

    Gefällt 2 Personen

  5. Es war einmal ’ne Kaffeekanne
    mir scheint, sie war so gar nicht „panne“.
    Sie plauderte mit Herrn TT.
    Ob ihm das recht, ach und oh weh,
    das ist nicht so ersichtlich,
    doch ich bin zuversichtlich,
    denn weiblich Dingen immerhin,
    schleicht leichter sich in TT’s Sinn.

    Na denn.

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