Speed Dating, Teil 3

Speed Dating Teil 1

    O Gott, welch ein Stress! Andere Frau, und wieder der gleiche Schmarrn. Und das Schlimmste, diese gefällt mir, gefällt mir sogar sehr mit ihren glatten grauen Haaren, dem Bob mit Männerfanglocken und den klugen Augen. Und wie sie die Lesebrille zwischen den Fingern baumeln lässt, nachdem sie die Karte studiert hat. Hätte dieses aparte Weib mal bei mir geklingelt. Aber hier in dieser Situation werde ich es gewiss versieben.

„Hallo, ich bin Franz, und wer sind Sie?“

„Gina.“

    Upps! Beinah das Bierglas umgekippt.

„Gina? Das ist beinah hübsch.“

„Beinah hübsch? Haben Sie je gehört oder gelesen, wie ein Mann einer Frau sagt, ihr Name sei beinah hübsch?“

„Gina ist eben nur eine Kurzform, irgendwie rausgeschnitten aus dem eigentlichen Namen. Und in Ihrem Fall sind vorne zwei Buchstaben abgehackt, nämlich Re. Das ist bekanntlich der ägyptische Sonnengott. Sein Name durfte bei Nacht niemals ausgesprochen werden. Vielleicht haben Ihre Eltern das Re der Bequemlichkeit wegen gestrichen, denn es wäre doch lästig, Sie tagsüber Regina zu rufen, nachts aber Gina.“

„Glauben Sie, meine Eltern hätten sich gesagt, ach, wir nennen das Kindlein Gina, damit wir es in tiefer Nacht aus dem Bett rufen können? Was unterstehen Sie sich, meine guten Eltern zu beleidigen?“

„Wenn kleine Kinder einen Alptraum haben, dann schrecken sie hoch und rufen, so dass die Eltern mitten aus den süßesten Träumen gerissen werden. So wäre es nur ausgleichende Gerechtigkeit, wenn die Eltern es umgekehrt auch machen dürften.“

„Eine solche Barbarei nennen Sie Gerechtigkeit? Ich habe den Eindruck, dass Sie die Sache immer schlimmer machen. Ihre Antwort ging daneben. Sie hätten sagen können: ‚Gina, bitte verzeihen Sie mir. Als ich Ihren hübschen Namen hörte, stieß ich versehentlich an unseren Tisch, und beinah wäre mein Bierglas umgefallen. Dabei ist mir dummerweise das ‚beinah’ in den Satz gerutscht. Eigentlich wäre es aber überaus schade gewesen, wenn ich meine Gesprächspartnerin mit Bier übergossen hätte. Und ‚überaus’ müsste in den Satz hinein, nicht ‚beinah’. ‚Der Name Gina ist überaus hübsch.’ Das hätten Sie sagen können.“

„Ich …“

„Stattdessen rufen Sie den altägyptischen Sonnengott zur Hilfe, dessen Name bei Nacht niemals genannt werden darf. Schauen Sie doch mal zum Fenster hinaus, da IST finstre Nacht. Nun haben Sie es an Ehrfurcht fehlen lassen, ein Tabu gebrochen, die Majestät dieses Gottes geschmäht, wodurch Sie gegebenenfalls der göttlichen Bestrafung anheim fallen.“

„Wohl kaum! Wenn ich Sie anschaue, ist es taghell. Ihre Schönheit überstrahlt alles. Und überhaupt, wieso kennen Sie sich in ägyptischer Mythologie aus? Zufällig habe ich am Nebentisch mitgehört, wie Sie meinem Vorgänger gesagt haben, Sie wären Professorin für Visuelle Kommunikation.“

„An eine solche Aussage kann ich mich nicht erinnern. Ich bin Ethnologin und nie etwas anderes gewesen.“

„Als Kind schon.“

„Und übrigens, Ihre Spekulationen über meinen Namen sind eitle und ungeschickte Wissenschaft. ‚Regina’ ist Latein und bedeutet ‚Königin’. Gina ist demnach eine Prinzessin. Das ist Ihr Glück, Franz. Sie genießen meinen Schutz, sonst hätten Sie soeben den Zorn des Sonnengottes auf sich gezogen, und er würde Sie rachsüchtig verfolgen von hier bis in die Steinzeit und zurück. Ihre Ausflüchte sind nämlich nur Wortgeklingel. ‚Ich habe mich leider versprochen’, hätte zwar auch nicht geholfen, aber es wäre kürzer gewesen, und wir hätten das Thema wechseln können. Ich fürchte, unsere Zeit ist gleich um, und ich muss gehen.“

„Ich hatte mich sowieso schon über Ihre Anwesenheit beim Speed-Dating gewundert.“

„Warum?“

„Ich dachte, dass eine aparte, überaus kluge Frau wie Sie es nicht nötig hat. Aber wenn Sie Ethnologin sind, dann ist das für Sie eine Sorte Feldforschung, oder?“

    Beim alten Knigge gelesen: ‚Sag einer schönen Frau, dass sie klug ist und einer klugen, dass sie schön ist.‘ Zur Sicherheit beides, hehe. Himmel! Jetzt legt sie ihre Hand auf meine und dieses Lächeln! Ich bin hin und weg. Meine Ataraxie schiebt sich verstohlen zur Tür, um sich polnisch zu verabschieden.

„Sie hätten das auch nicht nötig, Franz. Eigentlich sollten Sie zu Hause sitzen und warten, bis das Glück bei Ihnen klingelt. Wu wei, verstehen Sie?“

„Ja, ein daoistisches Prinzip. Aber ich wohne auf der 5. Etage.“

„Was soll’s? Die Klingel ist unten.“