Speed-Dating, Teil 1

„Du kannst Lisette nicht ewig nachtrauern.“
„Mach ich ja gar nicht. Langsam kommt meine Ataraxie zurück.“
„Ataraxie?“
„Die Seelenruhe.Warum sollte ich sie für eine neue Frau aufs Spiel setzen? Ich kenne die ja nicht mal, hehe.“
„Allmählich wirst du kauzig. Du bist doch gerade erst 55 und viel zu jung für ein Leben als Einsiedler. Und du kannst nicht erwarten, dass eines Tages eine passende Frau bei dir klingelt, sich bis zur fünften Etage hinauf quält, um dich kennenzulernen.“
„Warum nicht?“
„Weil man dem Schicksal schon mal auf die Sprünge helfen muss.“
„Sagst du.“
„Ja, sage ich als deine Schwester. Weil ich mir Sorgen mache. Und deshalb habe ich dich zum Speed-Dating angemeldet.“
„Speed-Dating. Schon vom Wort kriege ich Herpes. Speed-Dating gehört für mich zur Prollkultur wie Essen vom Bringdienst und das „Manni“-Schild hinter der Windschutzscheibe eines LKW. Und das Geschehen erst. Da sitzen langweilige Menschen, krampfhaft darauf bedacht, ihre Einsamkeit zu verbergen und reden Blabla. Ich heiße Franz und du? Blablabla. Wohnst du auch in Münster? Blablabla. Warum bist du beim Speed-Dating? Blablabla.“
„Ist dir aufgefallen, dass nur die Antworten bei dir aus Blablabla bestehen? Man muss sich schon für sein Gegenüber interessieren.“
„Ich muss mich überhaupt nicht für wildfremde Frauen interessieren.“
„Du sollst sie ja auch kennenlernen.“
„Nervensäge!“
„Lieber Franz, bitte tu mir den Gefallen und geh da hin!“

„Ich heiße Franz und du?“
„Ich bin die Gundula.“

„Du schreckst zurück. Gefällt dir mein Name nicht?“
„Doch! Gundula. Warum nicht? Aber ‚Ich bin die Gundula‘ verstößt gegen mein Sprachgefühl.“
„Warum?“
„Das willst du nicht wissen.“
„Doch! Sags mir!“
„Aber nicht, dass es nachher Beschwerden gibt“
„Ich beschwere mich nicht. Wir müssen die Zeit ja irgendwie rumkriegen.“
„Also: Die Konkreta des deutschen Substantivs haben zwei Untergruppen: Name und Klassenbezeichnung. Klassenbezeichnungen wie: Frau, Bömmelmütze, Marderhund, Pelztierfarm können mit einem Artikel versehen werden. Personennamen jedoch bezeichnen Einzelwesen und keine Klasse von Wesen. Deshalb benötigen sie keinen Artikel. Es ist irreführend, wenn eine Frau sich vorstellt: „Ich bin die Sandra.“ Gehört sie also einer Klasse der Sandras an? Was kennzeichnet diese Klasse? Sind alle Sandras blond, aufgebrezelt und arbeiten in einem Fingernagelstudio?“
„Klingt, als hättest du heute Morgen den Duden gefrühstückt.“
„Besser als einen Clown.“
„Aber du bist schon ein komischer Kauz, gell?“
„Sagt meine Schwester auch. Ihretwegen bin ich überhaupt hier. Wenn sie mich nicht so gedrängt hätte …“

    Es gongt.

„Unsere Zeit ist um, Franz. Machs gut. Und vielen Dank an deine Schwester für die spezielle Erfahrung.“
„Hast du Lust, dass wir uns wiedersehen? Ich soll das fragen, hat sie mir aufgetragen.“
„Sag ihr einen schönen Gruß, bevor ich mich mit dir treffe, lackiere ich mir lieber mal in Ruhe die Fußnägel.“

Fortsetzung

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27 Kommentare zu “Speed-Dating, Teil 1

  1. Unterhaltsam ist der Text auf jeden Fall. Erinnert mich an diesen eindrucksvollen Film, in dem Senta Berger und Mario Adorf zum Beispiel mitgespielt haben. Das es ein Prollspektakel ist, wusste ich nicht…nun ja, man kann lachen, und sich auf die nächste Folge freuen.Die lese ich dann mit Prollkaugummi, so richtig drauf rumknatschend…

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  2. Ich mache Speed-Dating manchmal als Methode bei Seminaren. Aber natürlich nicht zur Verkuppelung, sondern zur Gruppendynamik, und mit inhaltlicher Vorgabe. 😁

    Bei uns (im Süden) ist eine Vorstellung mit „die/der“ sehr üblich, aber wir machen ja auch sonst allerlei sprachlichen Unfug, aus der Hannoveraner-hochdeutschen Perspektive betrachtet. Weil aus „die Anna“ aber schnell „Diana“ wird, hab ich mir das früh abgewöhnt…

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    • Speed Dating als Übung zur Gruppendynamik? Das wusste ich nicht. Danke für den Hinweis.
      Soweit ich mich erinnere, kam der Artikel bei Vornamen in der Jugendsprache der Endsechziger in Mode. Ich weiß noch, dass es mir gefiel, als es plötzlich „der Jules“ hieß. „Die Anna“ = „Diana“ finde ich witzig.

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        • Danke für den Hinweis. Ein abschreckendes Beispiel ist John F. Kennedy mit seinem berühmten Satz: „Ich bin ein Pfannkuchen“, so zu lesen im Roman Berlin Game (deutsch: Brahms vier, 1984). Darin behauptet der britische Autors Len Deighton, J.F. Kennedys: „Ich bin ein Berliner“ sei von den Berlinern als „Ich bin ein Berliner (Pfannkuchen)“ verstanden worden, worauf großes Gelächter ausbrach. Tatsächlich hätte es korrekt „Ich bin Berliner“ heißen müssen (ohne unbestimmten Artikel), denn Berlin ist ein Name. [von hier]

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      • Du findest das nicht mehr witzig, wenn es dir selbst passiert. so ziemlich die halbe Kindheit lang.
        Übrigens ist eine Steigerung von „die …“ und „der … “ (eigentlich ganz logisch) „das Julia“. Ich war mal mit einer Frau aus der Pfalz im Urlaub, die ihre Tochter regelmäßig so titulierte.

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        • Das kenne ich auch aus dem Kölner Raum. Meine Mutter war keine Sprachpuristin. Doch wenn ich als Kind einen Satz sagte wie: „Die hat mich geärgert“, korrigierte meine Mutter: „Die steht om Maat un verköv Äppel!“ (Die steht auf dem Markt und verkauft Äpfel.) „Die“ ist eben kein Personalpronomen, sondern ein Artikel (Geschlechtswort), und allenfalls eine namenlose Marktfrau dürfte man so abfällig benennen als wäre sie ein Ding.

          Der Lehrer fordert Fritzchen auf, einen Satz mit den Artikeln der, die, das zu bilden. Fritzchen sagt:

          Meine Schwester bekommt ein Kind.
          Der die das gemacht hat, ist abgehauen.

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  3. Der Flirt ist doch ganz vielversprechend. Den Gedanken an Speed Dating finde ich schon etwas verrückt. Positiv verrückt mit dem Mut zum Scheitern. Man kann das Format Speed Dating übrigens auch für die Politik benutzen. In Frankfurt gab es unlängst ein Speed Dating mit lokalen Politikerinnen und Politikern mit Fragen zum Thema Politik.

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  4. Lieber Jules,
    „Klassenbezeichnungen wie: Frau, Bömmelmütze, Marderhund, Pelztierfarm können mit einem Artikel versehen werden.“ – Ja, aber mit dem unbestimmten. „Ich bin die Frau“, „Ich bin die Bömmelmütze“, etc. wäre Unsinn, denn es gibt ja viele davon.
    „Personennamen jedoch bezeichnen Einzelwesen und keine Klasse von Wesen. Deshalb benötigen sie keinen Artikel. Es ist irreführend, wenn eine Frau sich vorstellt: „Ich bin die Sandra.“ Gehört sie also einer Klasse der Sandras an?“
    Personen benötigen keinen unbestimmten Artikel, der für ein Klassenwesen sinnig wäre: „Das ist eine Katze“ ist ok, aber „Das ist eine Sandra“ ist Unsinn; es ist ja eine ganz bestimmte Sandra und nicht – wie Du schon sagst – eine Sandra aus der Klasse der Sandras. Personen benötigen aber auch keinen bestimmten Artikel – denn es gibt nicht „die“ Sandra (an sich), es gibt mehrere Sandras.
    In Trier habe ich als Kind übrigens auch ganz selbstverständlich gelernt, alle Personennamen mit dem bestimmten Artikel zu verzieren: die (hätt) Petra, der (dä) Stefan, der (dä) Karl Marx, und es hat unglaublich lange gedauert, bis ich mir das endlich abgewöhnt habe.

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    • Liebe Dorothea,
      unabhängig vom Kontext funktionieren auch bestimmte Artikel. „Die Frau trägt eine Bömmelmütze mit Puschel. Der Puschel wird aus dem Fell des Marderhunds gemacht, der ausdrücklich in der Pelztierfarm dafür gezüchtet wird.“

      „Das ist eine Sandra“ hingegen macht das Problem deutlich. Was du aus dem Moselfränkischen kennst, gibt es im Ripuarischen auch.

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  5. Schon beim ersten kurzen Treffen ein Volltreffer in die gegenteilige Richtung, lieber Jules. Wie viele dieser kurzen Begegnungen hat man? Mindestens fünf schätze ich und freue mich auf schmunzelndes weiter lesen. Mit Speed Dating kenne ich mich nicht aus. Wenn mich jemand interessiert rede ich zu gerne und zu viel und wenn das Gegenteil der Fall ist dann erscheinen mir 5 Minuten reine Zeitverschwendung. Liebe Grüße.

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    • Ja, da hat es nicht gepasst. Mir tun beide leid. Wieviele Runden es beim echten Speed Dating gibt, weiß ich auch nicht, liebe MItzi.Ich habe drei Szenen geschrieben, die dritte kommt heute um 0:01 Uhr. Ich bin sicher, dass du kein Speed Dating brauchst, freue mich aber, dass dir die fiktiven Szenen bislang gefallen. Ich habe mich einer Autorengruppe angeschlossen, und Speed Dating war die inspirierende Text-Aufgabe des Gruppenleiters.
      Das Problem, bei Interesse zuviel zu reden, kenne ich von mir auch.
      Lieben Gruß.

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      • Ich bin noch nicht zum weiter lesen gekommen, lieber Jules. Aber ich freue mich zu lesen, dass noch zwei weitere Artikel zu entdecken sind.
        Speeddating wäre mich schlicht zu anstrengend. Wenn, dann müsste man es mit sehr viel Humor nehmen. Besser aber, einfach fiktiv darüber zu schreiben.

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  6. Pingback: Speed Dating, Teil 3

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