Die Gleichzeitigkeit von vorher und nachher

Ist die Zeit erst in die Welt gekommen, als sie vom Menschen gemessen wurde? Anders gefragt: existiert Zeit nur, wenn man sie misst, also wirkt der Messvorgang zurück auf die Zeit und erzeugt oder modifiziert sie? Das sollten einmal Quantenphysiker beantworten. Die Frage nach der Modifikation gilt es zu bedenken, wenn am Sonntag, dem 27. Oktober, wieder das kosmische Räderwerk für eine ganze Stunde angehalten und unsere Zeit zurückgestellt wird.

Folgendes: In meinem Bücherregal am anderen Ende des Zimmers lehnt eine Uhr. Eine weitere hängt direkt hinter mir an der Wand. Beide Uhren ticken etwa gleich laut. Die Wanduhr tickt eine halbe Sekunde vor der Regaluhr, so dass diese wie ein Echo hinterherlappt.

Da mir meistens alles zu langsam vorangeht, entschloss ich mich, in der Wanduhrzeit zu leben, also quasi eine halbe Sekunde in der Zukunft. Doch da tat sich ein Problem auf, das mich hart am Wahnsinn vorbeischrammen ließ. Wenn ich mich nämlich auf das Ticken der Regaluhr konzentrierte, war sie der Wanduhr voraus, und die Wanduhr lappte eine halbe Sekunde hinterher.

Konzentrierte ich mich auf die Wanduhr, kippte die Situation wieder. Es entstand das seltsame Phänomen, dass beide Uhren und mithin ich gleichzeitig im Vorher und im Nachher waren, ganz wie ich meine Aufmerksamkeit richtete. Das ließ ich eine Weile geschehen, bis es mir zuviel wurde und ich in ein Zimmer ohne Uhr flüchtete. Dort nahm mich die Zeit wieder in ihre warmen Arme der Unbegreiflichkeit.

19 Kommentare zu “Die Gleichzeitigkeit von vorher und nachher

        • Danke für den Hinweis. Ich kannte XKCD und den Zeichner nicht. Ja, das Lettering ist O.K., abgesehen vom Verzicht auf Sprechblasen. In einer Doku über den psychedelischen Undergroundzeichner Robert Crumb waren Comix seines Bruders zu sehen, dessen Sprechblasentexte zunehmend ausuferten, so dass in den Bildkästen kaum noch Platz für Zeichnungen war.

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  1. Vor einiger… nun ja, ZEIT… las ich einen Bericht über „Zeit“. Ich kann mich nicht mehr erinnern, worum es eigentlich ging. Dem allgemeinen Modegeschmack nach vermutlich darum, nicht immer zu hetzen, sondern sich mehr Zeit zu nehmen oder so ähnlich. Woran ich mich allerdings gut erinnere ist ein Satz, der aussagte, dass noch vor hundert Jahren (ungefähr) der Satz „Ich habe keine Zeit“ völlig unbekannt war. Wenn man so darüber nachdenkt, ist der Satz auch wirklich doof. Nur ganz wenige Menschen haben wirklich keine Zeit. Vielleicht, weil sie dummerweise gerade sterben müssen; sowas kann einem wirklich enorm viel Zeit klauen. Ansonsten HAT man natürlich genau die Zeit, die auch die Menschen, die Zeit haben, haben.
    Vermutlich sollte ich um 0:16 Uhr keine Kommentare mehr schreiben. Blöde Zeit für sowas, und ich merke, dass der Satz mit den zwei „haben“ hintereinander irgendwie merkwürdig klingt, aber jedenfalls fiel mir das bei Deinem Eintrag ein.
    Übrigens solltest Du Dir nicht von einer Uhr sagen lassen, in welcher Zeit Du gerade lebst. Dann hast Du nämlich das Problem, dass, wenn eine Sanduhr verstopft, die Zeit anhält. Wir hatten mal so eine 3-Minuten-Sanduhr im Badezimmer, die verstopfte gerne. Keiner von uns hatte Lust, sich während des Zeitstillstandes die Zähne weiter zu putzen (und weiter. Und weiter). Das ist wohl auch nicht so gut für’s Zahnfleisch.
    Jetzt ist es 0:19 Uhr. Zeit, ins Bett zu gehen.
    Gute Nacht.

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    • Gegen die These des ZEIT-Autors spricht die Anekdote, die aus dem alten Rom übermittelt wurde: Als der römische Kaiser Septimus einmal abwimmelte, er habe keine Zeit, rief aus der Menge ein altes Weib: „Du hast keine Zeit? Dann sei kein Kaiser!“ Eventuell ist keine Zeit zu haben einst ein Problem der Mächtigen gewesen. Heute erfasst es viele Menschen und es ist ein Privileg, der wahre Luxus, nicht auf den Ablauf der Zeit achten zu müssen.
      Bei Blog.de hatte ich neben dem Teppichhaus einen Bibliotheksblog – Das Motto: „Nimm dir ein bisschen Zeit und giib sie mir!“ Ich freue mich übrigens über deinen Kommentar von 0:16 Uhr. Von der Sanduhr dachte ich, käme die Wendung: Die Zeit verrinnt. Aber die Idee muss älter sein. Im alten Ägypten kannte man schon die Wasseruhr.
      Schönen Sonntag!

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  2. Schrödingers Katze läßt grüßen.;-)
    Zeit ist die Empfindung von vorher, jetzt und nachher. Die Einteilung in Abschnitte, die unsere heutige Zeit charaktersiert, ist willkürlich gesetzt. Wie wir diese Abschnitte herumschieben, dürfte eigentlich auf das Zeitempfinden keinen Einfluß haben. Daß ich die Stunde Freizeit, die man mir im Frühjahr gestohlen hat, am 27.10. endlich wiederkriege, darüber bin ich doch froh. Wenn ich zwischendurch gestorben wäre, hätte ich mich geärgert, daß mein Arbeitszeit- und Freizeitkonto nicht ausgeglichen ist, und ich würde mir überlegen, ob ich nicht mit der Rechtsschutzversicherung der Gewerkschaft dagegen klagen sollte. Wenn man die Sommerzeit beibehält, sollte man die Uhr im März zwischen 9 und 15 Uhr umstellen, ich bin mir sicher, alle Arbeitnehmer hätten dann nichts dagegen einzuwenden.

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    • Es geht letztlich um die Frage, wann der Mensch aus der Zeit gefallen ist, so dass er sie als ein äußeres Phänomen erkannt hat, das man messen kann. Ich glaube, dass es mit der Entwicklung der Sprache zusammenfällt.
      Ich bin absolut dafür, dass die Sommerzeit innerhalb von Arbeitszeiten eingestellt wird.

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  3. Wenn ein Baum umfällt und keiner hört es, knallt es dann?
    es wird behauptet, dass bis zur einführung des eisenbahnverkehrs so ziemlich jeder marktflecken seine eigene zeit hatte. was zu höchster verwirrung führte und umstiege ziemlich unzuverlässig machte. bis jemand auf die idee mit greenwich etc. kam.
    all das legt den gedanken nahe, dass zeit eine menschengemachte sache ist. hinwiederum macht es schon einen unterschied, ob man in der zeit(!) gleich nach dem urknall landet oder auf einem planeten, der neben einer atembaren atmosphäre noch ein paar andere nette ausstattungsstücke hat.

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    • Die lokale Zeit hängt ab vom Sonnenstand, gemessen am Zenit. Der unterscheidet sich bei uns von Ost nach West um mehr als eine halbe Stunde. Die Idee einer Einheitszeit kam in Deutschland auf, als Preußen eine optische Telegrafenlinie von Potsdam bis Koblenz baute. Auf der Linie wurde allmorgendlich das Signal gesendet: „Die Uhren werden gestellt“, so dass auf der Linie die Potsdamer Ortszeit galt, im Land ringsum die lokale Zeit.
      https://trittenheim.wordpress.com/2015/12/24/adventskalender-24-tuerchen-das-heiligabend-hoerspiel/
      Durch die Eisenbahn wurde eine Einheitszeit dann allgemein erforderlich, weil nur so ein geregeltere Betrieb möglich war, um die von dir genannte „Verwirrung“ zu vermeiden.
      Dein Hinweis auf den Urknall macht deutlich, dass nicht die Zeit, sondern das Zeiterleben „eine menschengemachte Sache“ ist. Der polnische Ingenieur Alfred Korzybski hält Zeitempfinden für ein semantisches Phänomen, weil der Mensch anders als das Tier mittels Sprache zeitliche Vorgänge erfassen und benennen kann.

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      • @ »Ist die Zeit erst in die Welt gekommen, als sie vom Menschen gemessen wurde?«

        Gemäß Relativitätstheorie gehören Raum & Zeit zusammen, und der Raum existierte jedenfalls bereits bevor er vom Menschen vermessen wurde. (Was freilich Ihre Eingangsfrage relativ unbeantwortet lässt ; )

        Eine »relative« Eisenbahnzeit gab es auch mal in Wien-Floridsdorf.

        Zeitmessinstrumente wurden indes nicht erst vom Menschen erfunden, wie Kollege krassNICK reimt:

        Hervorgebracht durch die Natur
        ward mit dem Ei die Eieruhr.
        Denn kocht im Wasser eines man
        und schlägt es auf, so weiß man dann:
        Ist innen hartgekocht das Ei,
        sind zehn Minuten nun vorbei.

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  4. zu deiner „Frage, wann der Mensch aus der Zeit gefallen ist, so dass er sie als ein äußeres Phänomen erkannt hat, das man messen kann.“
    Ich nehme an, die Zeit zu messen ist eine der vielen Äußerungen des Menschen, Kontrolle über Lebensvorgänge zu gewinnen. Man misst Zeit, damit man sie nicht verliert, damit man sie hat, damit man sie verwenden, kontrollieren kann…. Nicht so sehr die eigene Zeit freilich -, vor allem die äußere Zeit, die Zeit der anderen will man beherrschen, damit sie sich mit den eigenen Bedürfnissen koordinieren.
    Der Autokrator (Selbstherrscher, Kaiser) verwendet Zeit nach eigenem Dafürhalten. Aber vor seinem Triumphzug läuft der Narr und ruft: Vergiss nicht, dass du sterblich bist.
    Viel zu sagen wäre dazu.

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    • Als Künstlerin kennst du das Phänomen der völligen Zeitvergessenheit. In diesem Zustand schwimmt der Mensch in der Zeit, was viele gleichsam als Glück erleben. Es muss der quasi paradiesische Normalzustand gewesen sein, als der Mensch noch seinen tierischen Vorfahren nah war. Den zu verlieren, meinte ich mit „Aus der Zeit gefallen.“ Nicht mehr im Rhythmus der Natur zu schwingen, bringt gewiss den Wunsch hervor, sich die Natur und andere Individuen gefügig zu machen. Alles Festschreiben ist demnach ein Gewaltakt, der leider scheitern wird.

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  5. Nur in meiner Küche hängt eine Uhr – aus Sentimentalität, denn sie ist schon etwas altersschwach und der Sekundenzeiger klemmt manchmal. Das Zeiteisen am Handgelenk schaffte ich vor ein paar Jahren ab, genau wie den Volksverdummer Numero 1. So ganz ohne Zeit bin ich dank dem omnipräsenten Wischding jedoch nie- lasse allerdings das Wischding gerne mal ausgehen und bilde mir ein, während der Bildschirm Uff sagt und zu Schwarz verdorrt, dass jetzt die Zeit angehalten worden ist. Solange bis der Bus kommt jedenfalls🙈
    Liebe Grüße,
    Amélie

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  6. Kürzlich hörte ich, dass durch das Smartphone sich die Form von Verabredungen verändert habe. Es geschieht dynamisch, nicht mehr zu festen Uhrzeiten. Ich besitze auch noch eine Armbanduhr, trage sie jedoch fast nie. Aber sag, liebe Amélie, wird nicht die Zeit sowieso angehalten, wenn man auf Bahn oder Bus wartet? 😉
    Lieben Gruß,
    Jules

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