Die Schreibstube (9) – Also spricht Aldebert


„Worum geht es dann?“
„Im Sattelrohr des Fahrrads hat ein handschriftliches Manuskript gesteckt. Ich wüsste gern, wo es verblieben ist.“
„Ich ahnte, dass es darum geht. Ihr Direktor Mennicken war ganz wild darauf, die Handschrift zu bergen. Ich musste dazu das Sattelrohr noch weiter aufschlitzen. Heraus kamen fünf Blätter einer frühmittelalterlichen Handschrift mit rätselhaftem Inhalt, offenbar geschrieben im 9. Jahrhundert, ein Dokument von unschätzbarem Wert. Ich habe eine Übersetzung oben. Wollen Sie sie sehen, Herr Erlenberg?“
„Bitte, ich brenne darauf.“
Geraets verließ den Raum und kam wenig später mit einer Abschrift wieder.
„Der Text ist leider fragmentarisch, aber ich habe übersetzt, was da ist. Der Kontext bleibt unklar. Hier, schauen Sie! Er legte mir die Abschrift vor. Ich las:

    „Also spricht Aldebert:

    Du klagst, es wäre nicht leicht, ein Höfling zu sein. Dein Herrscher kenne keine Gnade, verfolge jede leise Kränkung mit bodenlosem Grimm. Unentwegt müssest du ihm zu Diensten sein. Seine Metze hingegen sei eine schwarze Witwe. Wer ihr nutze, den hebe sie an die Brust. Sei dieses Spiel vergessen, finde sich der Narr ganz unten an der Tafel, allein mit seiner Not, dem Bischof könnte der Treuebruch sich offenbaren.

    Was also, frage ich Dich, hält dich dort am Hofe?

    Es sind die Vorrechte eines Manns im Zentrum der Macht. Draußen im Lande küsst man dir die Füße. Weht dein Hauch vorbei, saugt ein jeder ihn ein. Du hast also Macht, und es kommt dir zu / der gutgläubigen Menschen vereinte Kraft. Teilst sie nur mit wenigen. Du hast Wissen über das Tun und Lassen deines Bischofs. Dieses Wissen ist dir wie Honig. Mehr noch ein Lebenselixier, das dich in der Sänfte schweben lässt. Sobald du den Bischofsitz verlassen hast, kannst du dich in der Aufmerksamkeit von Hunderten sonnen, ja, von Tausenden, die auf verschiedenen Wegen von dir gehört, von Mund zu Ohr, von Schrift zu Auge. Mal wirst du als Quelle deiner Ergüsse genannt, mal hast du eine Intrige gesponnen und lässt boshafte Kunde durchsickern. Du streust Gerüchte und machst dich davon. Sollen andere sich das Maul verbrennen. Das kann deine Position nur stärken. Du stiftest an, dass man hinter dem Rücken des Bischofs feixt und seine Metze schamlos betrachtet. Du spielst ein Ränkespiel. Gleichzeitig betreibst du die Ausbreitung deiner Macht, reißt dir Stücke aus dem Land, eignest dir an, wonach dich gelüstet. Verderbte und verkommene Mönche legen falsche Urkunden für dich an, statt die heiligen Worte zu kopieren.

    Ja, du bist ein Spieler mit hohem Einsatz, verstehst zu gewinnen, weil du die heimlichen Regeln im Reich verstehst. Und der süßeste Sieg, das ist eine hohe Beute mit geringem Einsatz, mit einem Strich deiner Feder, mit einem Wink deiner Hand. Wenn das niedere Volk zu dir spricht: Wir dienen Euch für Gotteslohn, – dann weißt du genau, warum du am Hofe des Bischofs bist.

    Solche, die so mächtig, verderbt und gerissen sind wie du, kultivierte Bestien des Zusammenlebens, immer bereit, die Schneide des geschliffenen Verstands zu führen und andere lustvoll zu verderben, solche behandelst du mit Respekt. Ihr steht in Verbindung mit der Gabe der Schrift. Sie kam von Gott, aber von euch wird sie missbraucht.

    Auf dein Geheiß schleppen sie einen Mann herbei. Du befiehlst, ihm den Kopf zu scheren. Mit wundem Haupt sinkt er vor dir auf die Knie, und du schreibst auf den blanken Schädel dieser armen Kreatur deine Botschaft. Dann werfen sie den Mann ins Loch, wo er hockt, bis ihm die Haare gewachsen. Ist seine Mähne gesprossen, zerrt man ihn zurück ans Licht. Du nennst ihm sein Ziel. Mit einem Tritt schickst du ihn auf den Weg, damit er lernt zu laufen und nicht wagt zu säumen. Was hast du ihm auf den Kopf gepinselt? Was verbirgt sich unter seinem Haar? Er weiß es nicht, wüsste es nicht, würde man ihm die Kopfhaut abziehen und vorlegen. So ahnt er nicht, derweil er läuft, die Nachschrift unter deiner Botschaft:

    „Und nun, mein Bruder im Geiste, memoriere meine Worte. Dann schlage dem Boten den Schädel ein und wirf ihn unter die Schweine!“

    Da sinkt er hin, der tumbe Mann, dem die Freiheit versprochen, als man ihn sandte. Deine Nachricht / er trug sie auf dem Haupte treu, über gefahrvolle Wege hinweg. Dein schmählicher Brief aber hat befohlen: Dieses Kind Gottes hat seinen Zweck erfüllt / als Laufbursche im Netz der Ränke, der geschliffenen Bosheit, der gemeinen Lust an den verderbten Auswüchsen der unersättlichen Gier.

    Warum also beschmutzt du mein Ohr mit deinen Klagen? Hast du es nicht besser angetroffen als dein Bote? Soll ich dir den Schädel rasieren und dir aufschreiben, wer du bist, damit der Engel des Herrn erkennt, wohin sein Flammenschwert gehört? Was grinst du mich an, du hässlicher Schädel, du Speichellecker vor dem Herrn? Wähnst du dich sicher, weil du Zacharias verführt, die Anzahl der Engel zu mindern? Glaubst du, deine Ränke werden überdauern / über Jahrtausende hinweg? Ich sage dir, du Wicht, höre meine Worte: Dereinst wird es freie Menschen geben, mit eigenem Kopf und besser vernetzt als du. Sie werden mutig sich erheben und dein verderbtes schwarzes Netz in Stücke hauen.“

Ich ließ die Abschrift sinken „Puh! Starker Tobak!“ Aber jetzt sagen Sie, Herr Geraets, wo ist das Original?“
„Das Original? Aber das weiß ich nicht. Ihr Direktor Menni …“
Die Türklingel schrillte.

Fortsetzung

Ein Kommentar zu “Die Schreibstube (9) – Also spricht Aldebert

  1. Pingback: Die Schreibstube (8) – An der langen Treppe

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.