Die Schreibstube (10) – Unter Verdacht


Die Türklingel schrillte. In seltsamer Eintracht erschraken wir. Geraets starrte mich durch seine starke Brille an. Da wurde gegen die Tür gehämmert und gerufen. Als Geraets aufgestanden und in den Flur gegangen war, splitterte Holz, gefolgt von Tumult. Ein Schuss fiel, dann stürmten brüllend drei martialisch vermummte Polizisten  ins Zimmer. Mir wurde schwarz vor Augen.

„Geraets war Mitglied einer europaweit agierenden Bande, die sich auf Kunstfälschung und Kunstraub spezialisiert hat: Man hatte das Haus an der Montagne schon längere Zeit beobachtet, und als Sie eintrafen, glaubte man, endlich einen der Hintermänner zu erwischen“, erklärte mein Anwalt Dr. Rudolph, als er mich aus dem Lütticher Justizpalast abholte, wo ich fünf Tage in Untersuchungshaft gesessen hatte.
„Sehe ich aus wie ein verfluchter Hintermann?“
„Nein, Sie sehen aus wie einer, der sich die Finger niemals schmutzig macht“, sagte Dr. Rudolph trocken.
„Was ist mit Geraets?“
„In Notwehr erschossen. Die Polizei gab an, er habe mit einer Waffe auf sie gezielt.“
„Geraets war unbewaffnet“, sagte ich düster. „Es war wohl eher eine Hinrichtung, damit er nichts über die wahren Hintermänner ausplaudern konnte. Jeder weiß, dass Lüttich von der Mafia kontrolliert wird.“
Rudolph ignorierte meinen Einwand. „Jedenfalls lag man so falsch nicht, als man Sie für einen Hintermann hielt. Über Sie ist man auf Direktor Mennicken und Reibach aufmerksam geworden.“
„Was habe ich mit Reibach zu tun?“
„Mennicken ist verhaftet worden, Reibach nicht.“ Dr. Rudolph warf mir einen vielsagenden Blick zu. „Ich habe mit einem Beamten von der Aachener Abteilung „organisierte Kriminalität“ gesprochen. Man hat dort Reibach schon länger im Visier. Doch nichts ist ihm nachzuweisen.“

Helen, eine Gangsterbraut?, dachte ich. Die Sache ist ja noch heißer als ich vermutet habe.
„Sie sollten Ihre Liaison zu Frau Reibach vernünftiger Weise beenden“, sagte Dr. Rudolph.
„Was mischen Sie sich da ein, Rudolph?!“, sagte ich wütend.

Meine Füße raschelten durch Herbstlaub. Ich schlug den Kragen hoch, denn der kräftige Novemberwind war nun wieder zu spüren, und ich trug unter der Jacke nur ein Hemd. Auf dem Weg ins Museum musste ich laufen und kam auf die letzte Minute an, wo die Gesprächsrunde mit einer japanischen Künstlerin stattfinden sollte, die sich mit Alltagsgegenständen und Buchkunst beschäftigt. Ich fand eine Tischrunde vor mit etwa 20 Leuten, nur ein Stuhl war noch frei. Und so hatte ich mich neben die Japanerin an die Stirnseite setzen müssen, weshalb nun alle auch auf mich schauten, wenn die junge Frau an meiner Seite sprach. Ich war vom Lauf erhitzt und hatte die Idee, dass die anderen mir ansehen könnten, wie ich dampfte. Ich zog die Jacke aus und krempelte die Hemdsärmel hoch, was beinah so wirkte, als wollte ich mich streitend und raufend ins Gespräch einmischen. Eine ziemlich selbstbewusste Frau Dr. XY mit drei verschiedenen Haarfarben in der schrägen Frisur moderierte die Runde und schlug einige Sprachpflöcke ein, um den Rahmen des Sagbaren einzugrenzen. Als sie schwieg, wurde es betreten still, bis zwei betagte Damen sich nacheinander erbarmten und wohlwollende Fragen stellten. Dankbar ließ sich die Künstlerin darauf ein, und es kam zu einem Hin und Her der Artigkeiten. Schon bald dachte ich, dass es Künstlern verboten werden sollte, öffentlich über ihre Arbeit zu sprechen, denn wären sie in der Lage, ihre Ideen verbal auszudrücken, bräuchten sie doch keine Kunst zu machen.

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür und Helen schaute herein. Geliebte Helen! So schmal und schön in ihrem dünnen Mantel, den Hauch eines Glühens auf ihrem Blondschopf. Augenblicklich wurde alles um mich herum Nebensache. Bei der nächsten Gelegenheit erhob ich mich und ging nach draußen. Helen wartete in einer Nische auf mich. Wir sanken uns in die Arme. Mir war, als würde ich wieder in meine verlorene Hälfte einrasten. Der Entbehrungsschmerz, der seit Wochen in meiner Brust gesessen hatte, löste sich auf.

„Es ist jetzt schwieriger, dass wir uns treffen“, sagte Helen. „Thomas ahnt was.“
„Wie das?“
„In der Zeitung hat ein Bericht gestanden über die Ereignisse an der Montagne und dass du verhaftet warst. Er hats gelesen und gesagt: ‚Der Kerl will was von dir!’“

„Zweifellos!“, sagte ich.

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