Die Schreibstube (8) – An der langen Treppe


Mennicken hatte einen Belgier in Lüttich beauftragt, R. Geraets, Montagne de Bueren Nr.21. Warum in Lüttich? Warum wurde kein örtlicher Restaurator genommen? Die Montagne de Bueren war mir ein Begriff. Ich war einmal mit meinem Freund Will, einem Galeristen aus Verviers, in Lüttich gewesen, und er hatte mir diese gigantische Treppe gezeigt. „Niemals würde ich ein Haus an dieser Treppe kaufen“, hatte er gesagt. „Stell dir nur vor, wenn man hier seinen Einkauf hoch schleppen muss! Und wenn du Besuch einlädst, der würde fragen, warum du so unbequem wohnst. Dann kannst du zwar von der schönen Aussicht über das Maastal schwärmen, der wird dich trotzdem für verrückt erklären, weil du den Leuten unnütze Plackerei abverlangst.“
Aber Mennicken hatte das beschädigte Exponat hochgeschleppt bis zum Haus Nr. 21 im oberen Drittel der Treppe. Wozu dieser Aufwand?

Ich nahm die Autobahnabfahrt, die Will damals gewählt hatte, und parkte auf demselben Parkplatz nahe der Maas. Lüttich war regenverhangen. Zum Glück musste ich nicht weit laufen bis zur Montagne de Bueren. Erneut stand ich überwältigt am Fuß der hohen Treppe. Sie war bei jedem Wetter eine Sensation. Ihre Stufen glänzten nass im Regen. Das Ende der Treppe verlor sich hoch oben im Nebel, der sie in eine unwirkliche Zwischenwelt zielen ließ. Der seltsam geformte Handlauf in der Mitte der Treppe, der sie in Berg- und Talfahrt unterteilte, strahlte im diffusen Licht dieses Regenabends in prachtvollem Blau. Ich machte mich an den Aufstieg. Das Haus Nummer 21 musste auf der linken Seite liegen. Von oben kam ein Mann herunter, der einen offenbar schweren Karton trug. Ich sah ihn aus dem Nebel auftauchen, dann elend lange auf mich zukommen. Endlich passierte er mit hochrotem Kopf. Die Treppe hatte etwa alle zehn Stufen einen kurzen gepflasterten Absatz. Schon bei meinem ersten gemeinsamen Gang mit Will hatte ich gedacht, dass diese Treppenabsätze den Aufstieg eigentlich erschwerten, denn sie unterbrachen immer wieder den Schrittrhythmus.

Außer Atem stand ich vor dem Haus Nr. 21. Das Reihenhaus war ein schlichter Klinkerbau aus dunkelroten Ziegeln. Es wirkte vernachlässigt. In Parterre waren die Rollläden herunter gelassen und zeigten einen verwitterten hellgrauen Anstrich, aus dem große Lackblasen herausgeplatzt waren. In der Haustür befand sich ein Fenster aus Milchglas. Dahinter war es dunkel. Es gab drei Türklingeln, doch die oberen Namensschilder waren blind. Auf der untersten stand R. Geraets. Die Klingel schrillte und verhallte wie ungehört im Flur. Niemand öffnete. Ich trat einige Schritte zurück und schaute zur Hausfassade hoch. Die Gardine am linken Fenster der ersten Etage bewegte sich. Sonst blieb alles still. Plötzlich sprang die Tür spaltbreit auf. Im Schatten des Hausflurs stand ein Mann und sah mich an. Ich sagte: „Herr Geraets? Ich komme vom Papiermuseum in Düren und würde Sie gerne sprechen wegen einer Restaurierung, die Sie für uns gemacht haben.“ Der Mann reagierte nicht. Ich versuchte mein holpriges Französich: „Monsieur Geraets? Je viens du musée du papier de Düren et j’aimerais vous parler d’une restauration que vous avez faite pour nous.“
Geraets öffnete die Tür etwas mehr, trat zur Seite und ließ mich ins Haus. Da war ein dunkler Flur, dessen Boden schwarzweiße Fliesen im Schachbrettmuster hatte. Sonst war er völlig schmucklos. Geraets schloss die Haustür und wies stumm auf eine Tür.

Wir gingen in einen finsteren Wohnraum. Dann flammte eine grelle Deckenleuchte auf, und ich konnte Geraets zum ersten Mal richtig sehen. Er war ein Mann in meinem Alter, eher etwas jünger, schmal und nicht hübsch, beileibe nicht. In ihm mischten sich die vielen Völker, die das heutige Belgien einst besessen hatten. Rodrigo, dachte ich, das R steht garantiert für Rodrigo. Das würde passen, denn in Geraets Gesicht war der spanische Einfluss unverkennbar. Er hatte eine große Nase im Gesicht, dunkles Haar und, wie ich sah, als Geraets zu sprechen anhob, schlechte Zähne, dunkel vom Nikotin. Er trug eine starke Brille.
„Wir können Deutsch miteinander reden“, sagte Geraets. „Bitte nehmen Sie irgendwo Platz!“

Das Wohnzimmer war eingerichtet im flämischen Neobarock, wie viele Belgier es gerne haben, dunkle überladene Eichenmöbel, nach dem Aussehen für ein ganzes Leben gedacht, doch in der Verarbeitung zu billig, um wirklich lange zu halten. Meistens gaben die Verschläge der Schranktüren nach ein paar Jahren den Geist auf und ließen die Türen ein wenig schief hängen. An der Längswand hing eine Vitrine. Darin standen auf schmalen horizontalen Leisten an die hundert kleine LKW-Modelle.

Ich zog den vorderen linken Stuhl vom Eichentisch weg und setzte mich. Geraets nahm am Kopfende des Tisches Platz, mit dem Rücken zur Tür.Er legte die Arme auf den Tisch, faltete die Hände und sah mich erwartungsvoll an.
„Sie sammeln Modellautos?“, fragte ich und deutete zum Regal hinüber. Geraets schaute sich um, als hätte er das Regal zum ersten Mal gesehen.
„Nein. Dieses Haus gehört meinem Cousin. Er hat ein neues Haus in Baelen und noch nicht alles abgeholt.“
Geraets lehnte sich zurück und musterte mich.
„Wer Sie sind und warum sind Sie hergekommen?“
„Johannes Erlenberg. Es geht um das rote Papierfahrrad, das unser Direktor Mennicken Ihnen zum Restaurieren gebracht hat.“
Geraets schaute mich misstrauisch an: „Ich erinnere mich. Sind Sie mit meiner Arbeit nicht zufrieden?“
„Doch, doch! Soweit ich das beurteilen kann, haben Sie perfekt gearbeitet.“

Fortsetzung