Die Schreibstube (7) – Friedemann Mennicken

Kapitel 1
An der mondänen Theaterstraße eröffnete ein Wiener Kaffeehaus. Als mir die Einladung zur Eröffnung ins Haus getrudelt war, hatte ich sie achtlos weggelegt, doch an diesem Abend war ich mal wieder von einem Konglomerat aus Entbehrung und Eifersucht geplagt. Ich hatte Helen 14 Tage nicht sehen können. Sie hatte sich einen hartnäckigen grippalen Infekt eingefangen, und ich machte mir ernsthaft Sorgen, weil sie nicht gesund wurde. Also beschloss ich, mich abzulenken und der Einladung zu folgen. Ein Wiener Kaffeehaus war eine Bereicherung für unsere Stadt. Ich kannte den Innenarchitekten, der die Gestaltung übernommen hatte. Ihn würde ich treffen und gewiss weitere Leute meinesgleichen. Ich würde sehen, dass es auch noch ein Leben ohne Helen gibt und könnte mich amüsieren. Die schwere Fassade des prächtigen Jugendstilgebäudes war in farbiges Licht getaucht, und das schien an diesem dunklen Herbstabend die Menschen wie magisch anzulocken. Es herrschte ein reger Andrang an der Eingangstreppe, die zur Hochparterre führte. Ich ließ mich mitziehen und stieg die mit rotem Teppich belegten Marmorstufen hinauf.

Oben wartete ein livrierter Portier. Indem mir die Schwingtür geöffnet wurde, sah ich neugierig durch die seitliche Glasfront in die Kaffeehausrunde. Da fiel mein Blick auf einen Tisch an der Wand. Eine schöne rotblonde Frau, elegant in kurzer schwarzer Jacke, beugte sich gerade nach vorn und zündete ihre Zigarette an. Helen. Thomas Reibach, ihr Mann, schaute zu mir herüber, und unsere Blicke kreuzten sich. Ich ließ den Portier stehen, drehte mich auf der Stelle um, stolperte die Treppe hinab und trat wie benommen auf die Straße. Wie konnte Helen dort sitzen und rauchen? Und ich hatte mir Gedanken gemacht. Ich brauchte eine Weile, mich zu beruhigen. Dann sagte ich mir, dass es Unsinn sei, die Angelegenheit bedeutsam zu nehmen. Was war schon dabei, wenn sie sich wieder besser fühlte und mit ihrem Mann ins Kaffeehaus ging? Trotzdem wütete ein unkontrollierbarer Schmerz in meiner Brust. Nicht nur, dass ich mich betrogen sah. Etwas anderes beunruhigte mich. Bei Helen und ihrem Mann hatte ein weiterer Mann gesessen, im vertrauten Gespräch mit Helens Mann, Friedemann Mennicken, der ehemalige Direktor unseres Papiermuseums. Ich hatte nicht gewusst, dass er und Reibach sich kannten. Was hatten die beiden miteinander zu schaffen?

Dann besann ich mich, drehte und stieg wieder über den roten Teppich. Der Portier stemmte mir erneut die Tür auf, und ich ging hinein. Helen hatte sich gelangweilt zurückgelehnt, aber Reibach und Mennicken steckten die Köpfe zusammen. Ich fing die Kellnerin ab, die für den Tisch der drei zuständig war, steckte ihr 50 Euro zu und sagte, sie solle herausfinden, worüber die zwei sprachen. Sie ging zum Tisch und fragte etwas. Helen sah auf und verhandelte wohl eine neue Bestellung. Derweil fand ich einen Platz, an der langen Theke, wo ich mich unbeobachtet wähnte, doch den Tisch im Barspiegel sehen konnte. Die Kellnerin kam zurück. „Viel habe ich nicht mitbekommen“, raunte sie,  „aber es ging um einen gewissen Aldebert.“

Aldebert, Aldebert? Hatte es im Manuskript nicht geheißen: „Also spricht Aldebert: …. „? „Mennicken, du falscher Hund!“, stieß ich hervor. In diesem Augenblick sah er auf, als hätte er meinen leisen Fluch gehört, was freilich bei der Größe des Raums und dem beständigen Kommen und Gehen der vielen Eröffnungsgäste unmöglich gewesen war. Mennicken sah auf und blickte sich um. Dann senkte er den Kopf wieder und sprach weiter mit Reibach. Er wirkte dabei so verschlagen und verschwörerisch, wie ich ihn in all den Jahren nicht erlebt hatte, als er Direktor unseres Papiermuseums war.

Was war eigentlich mit der Handschrift geschehen, die wir im Sattelrohr des Papierfahrrads gesehen hatten? Wir hatten nicht mehr darüber gesprochen. Möglicherweise hatte Mennicken die Handschrift in seinen Besitz gebracht und unterschlagen, nachdem wir ihn entlassen hatten, quasi als Entschädigung für den Rauswurf? Ich hatte keine Ahnung, wieviel Blatt im Sattelrohr gesteckt hatten. Aber wenn die Handschrift aus dem 9. Jahrhundert stammt, der Schrift und ihrem Inhalt nach zu urteilen, musste sie einiges wert sein. Am Montagmorgen beauftragte ich eine Sekretärin herauszufinden, welchen Restaurator Mennicken mit der Wiederherstellung des Papierfahrrads betraut hatte.

Fortsetzung