Die Schreibstube (6) – Obsession und Liebesqual

Im Februar diesen Jahres veröffentlichte ich fünf Folgen einer Erzählung und beließ sie als Fragment. Inzwischen habe ich weitere Folgen geschrieben und die ersten Folgen daran angepasst. Zur Erinnerung hier der Link zu den ersten, leicht überarbeiteten Folgen.

Einer wie ich sollte kein Verhältnis haben. Ich bin dafür nicht gemacht. Als ich das merkte, war es zu spät. Ich war rettungslos in die Frau eines anderen verliebt. Wenn wir uns nicht sehen konnten, entbehrte ich sie, fand keine Ruhe, verlor das Interesse an vielem, was mir einst wichtig gewesen war. „Sie hat sich in Ihr Herz gekrallt“, sagte meine Vertraute, unsere Prokuristin Frau Kaspar, der ich mein Leid geklagt hatte. „Ich kenne solche Frauen“, fuhr sie fort, „wen sie haben, lassen sie nicht mehr los. Mein Neffe Günther ist auch an so eine geraten. Am Ende hat er sich aufgehängt.“ „Derlei mag ich nicht hören, Frau Kaspar. Es kommt mir vor wie Verrat an Helen.“ Doch insgeheim gab ich ihr Recht. Auf hellseherische Weise gelang es Helen immer wieder, meine Versuche, ihr zu entkommen, zu torpedieren. Nur ein Beispiel von vielen: Einmal sagte sie mir, wir könnten uns einige Tage nicht sehen, weil sie mit ihrem Mann nach Madrid fahren müsse. Ich verabredete mich mit der schönen Bibliothekarin, die ich auf einer Vernissage getroffen hatte, um auf andere Gedanken zu kommen. Just am Abend der Verabredung schickte mir Helen eine Nachricht, sie habe das ganze Wochenende Zeit, weil ihr Mann alleine gefahren sei. Natürlich versetzte ich die Bibliothekarin. So schlimm war es um mich bestellt.

„Wenn ich mit ihm schlafe, stelle ich mir vor, dass du es bist“, sagte Helen. Was eine Liebeserklärung sein sollte, geriet mir zur Höllenqual und pflanzte mir einen Pflock unter die Haut. Es war dies etwas, was ich bislang verdrängt hatte. Aber nun suchten solche Gedanken sich wie gierige Würmer in mein Gehirn zu bohren. Wenn ich nicht auf der Hut war, dann fragte ich mich, wann es denn wohl geschehen würde, ob es gerade in diesem Augenblick wäre, und dann quälte ich mich durch unruhige Stunden, bis ich sagen konnte, ganz gleich wie und wo sie es getan haben, jetzt wird es vorbei sein. Es war dies die Zeit, in der meine Schlafstörungen begannen. Manchmal dachte ich auch, dass es ungerecht sei, wenn Helen beim Ficken mit ihrem Mann an ihn mich dachte. Er bekam dann etwas, was ihm gar nicht zustand, da es nicht auf ihn gemünzt war.

Einmal schilderte sie mir ganz arglos das abendliche Ritual des Zubettgehens: „Zuerst gehe ich nach oben ins Bad, ziehe mich aus, putze mir die Zähne und so. Nach einiger Zeit ruft er von unten, ob ich fertig bin. Dann kommt er hoch und geht ins Bad. Ich liege schon im Bett, und wenn er dann ins Schlafzimmer kommt, bin ich oft schon eingeschlafen.“ Es war blauäugig, doch ich tröstete mich nun öfter mit der Vorstellung einer bereits schlafenden Helen. Andererseits war es gerade dieses konkrete Bild, das meine Phantasie beflügelte. Dieses Hin und Her von Hoffnung und Befürchtung, das brachte mir kreisförmige Gedanken, die durch meinen Kopf tickten, wenn ich nicht schlafen konnte. Francis Picabia, der Surrealist und Boxer, hatte gesagt: „Der Kopf ist rund, damit unsere Gedanken ihre Richtung ändern können“. Picabia war ein Lebemann und Spieler gewesen. Gewiss hatte er an die Bande eines Billardtisches gedacht. Meine trüben Gedanken hielten sich auf quälende Weise an Picabias Idee. Ich wischte sie beiseite, aber sie titschten inwändig gegen meine Schädeldecke und kehrten mit Drall zurück, um neues Unheil anzurichten. Manchmal lag ich wie gelähmt auf meinem Bett und schickte meine Blicke gegen Wände und Zimmerdecke. Aber wenn es mir gar zu unerträglich wurde, richtete sich etwas in mir auf, das besah mich von außen und versetzte mir einen kumpelhaften Rippenstoß. „Wenn deine Zimmerwände aus Kupfer wären, dann hätten sie lauter kleine Dellen wie getrieben.“

Dann sollte etwas geschehen, das mir alles in neues Licht setzte.

Fortsetzung