Wo ich niemals hinwollte – ein Reisebericht

„Das ist die Farbe Drommetenrot, in der die Sonne leuchtet am Tage des Gerichts.“ (Leo Perutz)

„Hier wollte ich niemals hin!“, dachte ich und schaute missmutig auf die Landschaft, durch die mein Zug zockelte. Das da alles sehen zu müssen, war verkehrt wie ich verkehrt herum saß, nachdem der Zug „Kopf gemacht“ hatte, um die Umleitungsstrecke zu befahren. Zuvor hatten wir 40 Minuten in Halle gestanden. Grund war ein „Notarzteinsatz an der Strecke“, was immer das bedeutet. Wenn sich jemand vor den Zug geworfen hat, braucht er keinen Notarzt mehr, höchstens wenn er sich versehentlich hinter einen Zug geworfen hätte und jetzt auf den nächsten wartet. Der aber kommt nicht. Er darf ja nicht fahren, weil der Notarzt sich dazu gehockt hat und versucht, die Person zu überreden. Zu was? „Polizistin erfolgreich – Lebensmüden zum Aufgeben überredet“, titelte einmal die Süddeutsche Zeitung und lobte die Polizistin für ihre „frisch zupackende Art.“

Rundum wurden Mobiltelefone gezückt und Verspätungsmeldungen abgesetzt: “Wir sitzen in Halle fest“, das klang wie selbstverständlich. „Halle, die Stadt, in der man festsitzt.“ Dann ein Knistern in der Lautsprecheranlage. Ein schnaufender Zugbegleiter kündigte an, unser Zug werde umgeleitet  – über? Bitterfeld! Na klar, und über NN und NN [Besser nicht nennen die Namen] Dort würden wir „Kopf machen“ und verkehrt Richtung Magdeburg fahren. „Der hörte sich an, als könnte er selbst einen Notarzt brauchen“, sagte ich der Dame neben mir. Die war eigentlich nicht da, telefonierte in einem fort mit der Verwandtschaft, auch mit einer „kleinen Maus“, wobei sie einen komplett närrischen Tonfall anschlug. Das arme Kind, dachte ich. Irgendwann muss es lernen, dass nicht alle Menschen sprechen wie durchgeknallte Tanten. Den Schock möchte ich nicht erleben.

Während unser Zug eine Gegend durchfuhr, die ich niemals hätte sehen wollen, wuchs unsere Verspätung auf 80 Minuten. Es gibt eben Landstriche, das rollt es einfach nicht, wie die Radsportler sagen. Keine Steigung zu sehen, kein Wind weht entgegen, aber man muss beständig harken, um überhaupt von der Stelle zu kommen. So auch da, wo der Zug fuhr und fuhr, aber immer mehr in der Zeit verharrte. Ich versuchte meinen Missmut zu zügeln und sagte mir, dass auch dieses oder jenes Dorf die Heimat von Menschen ist, in der sie aufwachsen, leben, lieben und hassen, genüsslich eine Currywurst verspeisen, das Auto putzen, das ererbte Hutzelhaus anstreichen, und verschlägt es sie in die Fremde, denken sie wehmütig an ihre Heimat zurück, wo es nicht rollt und sogar die Zeit nur unter Ächzen vorankommt. Eine anthropologische Konstante scheint zu sein, dass zum Verschönern der Hutzelhäusern gern der Farbton „Apricot“ genommen wird, ungeachtet der Tatsache, dass die Wandfarbe Apricot bei trübem Wetter sehr sehr deprimierend wirkt.

Gelegentlich gestattete ich mir einen Blick über den Gang, wo die kleine Frau saß, mit der das Elend angefangen hatte. Sie war in Halle eingestiegen und hatte sogleich berichtet, dass von Halle aus nichts mehr gehe, weil irgendwo ein Notarzt den Lauf der Dinge hemmt. In manchen Kulturen werden die Überbringer schlechter Nachrichten, wenn nicht er-, dann wenigstens geschlagen. Der Grund ist magisches Denken. Die Überbringer schlechter Nachrichten sind wenigstens fassbar; was sie hingegen berichten, bleibt abstrakt wie dieser imaginäre Notarzt. Wenn just beim Durchqueren dieses magischen Landstrichs ein bodenloser Grell auf die Frau in mir aufkeimte, wenn ich gebeutelt wurde von einer üblen Sorte atavistischen Hasses, dachte und fühlte ich wohl das Landesübliche. Das zu meiner Ehrenrettung. Zukünftig werde ich die Gegend und vor allem die Farbe Apricot meiden. Sie scheint noch verheerender zu wirken als das furchterregende Drommetenrot des Leo Perutz.