Anstiftung zum Zweifel

Ich wünschte, die Orthographie wäre vom Himmel gefallen. Oder irgendein Moses wäre vom Berg Sinai herabgestiegen und hätte orthographische Gesetzestafeln herangeschleppt, worauf Gott mit roter Kreide allerlei Fehler angestrichen hatte. Moses hätte sieben Jahre auf dem Berg Sinai gesessen und mit einem putzigen Meißel und desgleichen Hämmerchen die ehernen Gesetze der Rechtschreibung in die Gesetzestafeln geschlagen, und am Ende hätte Gott einen flüchtigen Blick drauf geworfen und dann mit roter Kreide darüber gesaut.

Jeder vernünftige Mensch wird einsehen, dass es so nicht gewesen sein kann, auch anders nicht. Wäre es so oder ähnlich gewesen, hätte Gott ebensogut für die Korrektur Sprühlack statt Kreide nehmen können, oder Edding oder Tipp-Ex flüssig. Jede Festlegung auf ein Verfahren ist eine blasphemische Verleugnung von Gottes Allmacht.

Als erklärter Heide kann ich Gottes Allmacht leugnen und sagen, dass mir die Tipp-Ex-Variante am besten gefällt. Wie Moses die ehernen orthographischen Gesetzestafeln den Berg herunter schleppt, sind sie übersät mit weißen Tipp-Ex-Flecken.

Leider muss ich vor den Kindern tun, als wäre es so oder ähnlich gewesen. Da ihr Glaube daran und die Einhaltung der Gesetze für eine erfolgreiche Schullaufbahn unerlässlich sind, weil ihr Lebensweg davon abhängt, fügen sie sich und wagen nicht zu zweifeln. Denn wer zweifelt, bekommt zur Strafe ein Scheißleben und muss bei RTL II  den  Deppen machen.

Dabei ist doch alles Menschenwerk. Die ganze Wissenschaft ist Menschenwerk. Irgendwo hat irgendeiner einen Pflock eingeschlagen und bestimmt: „Ab hier teile ich die Erscheinungen der Welt, benenne und vermesse sie. Zwar hat jede Wissenschaft ihren eigenen Pflock, aber auf der Metaebene menschlicher Erkenntnis geht alle Wissenschaft von nur einem Pflock aus. Zieht man den heraus, ergibt eins plus eins nicht mehr zwei, sondern irgendeine andere Zahl. Einige Äpfel fallen vom Baum, einige kreisen um den Erdball, und einige steigen in den Himmel auf.