Kurze Geschichte einer langen Regenfahrt

Heute vor genau 26 Jahren, es war ein Sonntag, startete ich bei einer sogenannten Radtourenfahrt (RTF). Radtouristikfahrten sind durch Richtungspfeile ausgewiesene Strecken über 45, 75, 115 Kilometer und mehr mit Kontrollposten unterwegs, wo man Verpflegung bekommt und sich eine Streckenkarte abstempeln lassen kann. RTF werden von lokalen Radsportvereinen ausgerichtet. Man zahlt eine Startgebühr, bekommt eine Startnummer angeheftet und fährt los. Viele Radsportler sind in Vereinsgruppen am Start, manche treffen sich zufällig und fahren zusammen, wenn sie etwa gleich gut trainiert sind, manche fahren alleine, denn es gibt unter Radsportlern ungesellige Typen. Am Ende der Radsportsaison wird eine Bezirksabschlussfahrt ausgerichtet. Von der am 3. Oktober 1993 handelt folgender Bericht, den ich am nächsten Tag für mein Tagebuch verfasst habe.

Streckenkarte

Die Bezirksabschlussfahrt wollte ich heuer keinesfalls versäumen. Darum tat ich mir an, um halb sieben aufzustehen und eine Stunde darauf nach Unterbruch zu fahren. Das Land lag im Nebel, aber ich war guter Hoffnung, es werde im Laufe des Tages aufklaren. Widerstrebend hatte ich meine Sachen und die Rennmaschine ins Auto geladen und war über Würselen Richtung Startplatz gefahren.

Am Start wenig Volk. Ich schaute gar nicht erst nach Mitgesellen, sondern fuhr sogleich los. Augenblicklich setzte Regen ein, zuerst nur spärlich, aber aus hohem Himmel, und das weiß ich inzwischen: solcher Regen hört so bald nicht auf. Ich überholte einige Fahrer, und kurz hinter der holländischen Grenze wurde ich selbst von einem Paar eingeholt. Vorneweg ein ungestümer Junger dahinter ein Älterer aus Immendorf, wie sein Trikot verriet. Ich schloss mich ihnen an, beteiligte mich auch bald an der Führungsarbeit, doch ehe wir uns versahen, kam die erste Kontrolle. Das muss in Posterholt gewesen sein, denn gleich hinter der Kontrolle zweigte die 45-er Strecke ab.

Es gab hier heißen Tee aus einem oben offenen Kessel, in den es also hinein regnete, was aber der Temperatur offensichtlich nichts tat, denn der Tee war so heiß, dass ich ihn nicht rechtzeitig zum Start der beiden hinunter bekam. Dann sah ich aber auch, dass der Junge in die 45-er Strecke abbog. Der Alte aber hatte gut 500 Meter Vorsprung, und bei ihm war ein neuer schneller Mann. Ich musste ziemlich beißen, um heranzukommen. Als ich den Alten endlich gestellt hatte, war der andere weggesprungen. Es dauerte noch gut zwei Kilometer, bis ich ihn hatte. Er trug keine Startnummer. Durch seine Pelerine schimmerte das Trikot eines niederländischen Vereins. Wir fuhren eine Zeit zusammen, wobei wir einiges Volk überholten. Dann aber kam schon die nächste Kontrolle in Sicht. Das war in Echt, an der zweiten Streckenteilung. Der Holländer fuhr natürlich weiter. Wer da am Kontrollpunkt stand und mit mir losfuhr, wählte die 75-er Tour, und so war ich auf der 115-er Strecke bald ziemlich alleine.

Sie führte über den Julianakanal und bald darauf über die Maas nach Belgien. Ab Maaseik wiesen die Pfeile über viele Kilometer stracks nach Süden. Es ging elend lang und eintönig an jener breiten eigenartigen Straße entlang, die nach Maasmechelen führt. Es ist sicher die seltsamste Straße des Landstrichs. Von Maaseik bis Maasmechelen ist sie außerhalb der Ortschaften von lockerer Bebauung gesäumt. Meist handelt es sich um Geschäftshäuser, und eine Menge Bars und Clubs sind dabei. Sie ist vierspurig+Busspur, und besteht stellenweise aus großen Betonplatten mit Anstoßrillen dazwischen. Neben der Busspur ist der Fahrradweg, abgetrennt durch eine unterbrochene Linie. Ich hatte den Wind von vorne und Regen im Gesicht und fuhr immer geradeaus. Links und rechts der Straße lag des Land grau in grau, die Bars wirkten schäbig, und auf dem Fahrradweg waren alle paar Meter runde Kanaldeckel, denen ich ausweichen musste. Das war, um Depressionen zu kriegen, wenn man dazu veranlagt ist.

In Dilsen dann endlich die Abzweigung nach links. Hier musste ich an der Ampel warten, und wie ich gerade Grün bekam, sah ich von weitem den Alten aus Immendorf ankommen. Einige hundert Meter weiter hatte ich den Weg verloren. Die Streckenpfeile fehlten. Da wartete ich auf den Kerl, um seine Meinung zu hören. Denn ich dachte, er sei aus dem Selfkantort lmmendorf und somit ortskundig. Das war er aber beides nicht, er kam aus Immendorf bei Köln-Brühl. Wir rollten langsam weiter durch ein enges Sträßchen. Hinter einer Kurve sahen wir ein freistehendes hohes Haus, an dem am heiligen Sonntag eine lange Aluleiter lehnte, über die zwei Männer geradewegs auf das steile Dach gestiegen waren. Was sie da taten, war nicht klar, mir schien aber, der eine hatte einen Eimer bei sich. Dieser junge Mann sah uns ratlos herumkurven und zeigte deshalb den Weg, indem er mit dem ausgestrecktem Arm eine weite Linkskurve beschrieb. Das war ziemlich gewagt, denn er kniete unmittelbar über der Brandmauer, nur wenige Zentimeter vom Abgrund entfernt. Zum Glück behielt er das Gleichgewicht. Man möchte ja schließlich nicht schuld sein, dass in Dilsen einer vom Dach fällt. Wir folgten seiner Anweisung und landeten in einer Sackgasse. Also zurück.

Inzwischen waren die zwei vom Dach herabgestiegen und standen unten an der Leiter.
„Ich glaube, das war falsch”, sagte ich.
Er: ”Iedereen rijdt dar!“ (Jeder fährt da lang.)
„Iedereen?”
”Ja, tweemaal línksaf! En over de brug en over de beek!” (Zweimal links und über die Brücke und den Bach.) Er sah nicht aus, als wollte er uns veräppeln, darum fuhren wir ”tweemal links“, wo Iedereen fährt.
Wir landeten im Feld. Da war der Weg mit einem Mal schön matschig, denn es regnete wohlgemerkt weiterhin. Ob Iedereen aber hier lang gefahren war? Ein älteres Ehepaar kam über den Deich gefahren. Ich fragte die Leute nach dem Weg. „Ach, ihr wollt zur Fähre?“, sagte der Mann auf Holländisch. Ich erstaunt: „Zur Fähre, naar de pont?“ Fähre sei richtig, sagte der Immendorfer, dass hätte ihm „der Norman” gestern am Telefon noch gesagt, dass man mit der Fähre die Maas überqueren müsse. „Wer zum Teufel ist Norman?“ dachte ich und wandte mich wieder den Leuten zu. Die sagten, wir sollten nur über den Deich fahren. Am Schluss noch ein Stück ”Makadam” , dann wäre da schon die Fähre. „Dankuwell, tot ziens!” Wir fuhren los. Auf dem Deich spülte ich meinen Äpfel, (den bekam man am Start, zusammen mit einem Müsliríegel) mit Sprudel aus meiner Flasche und aß ihn anschließend. Trotz dieser Verrichtungen während der Fahrt, konnte der Immendorfer mein Tempo nicht halten, dass ich auf ihn warten musste.

Plötzlich endete der Deichweg. Aber hundert Meter weiter sahen wir die Straße. Das Wegstück bis dort war Sandpiste. Nun waren wir wieder auf der richtigen Strecke, denn von uns rollten welche mit Startnummer zur Fähre hinab. Die Maas führte nach den heftigen Regenfällen der letzten Wochen ungewöhnlich viel Wasser. Gemeinhin ist sie hier nur ein Rinnsal, weil Holländer und Belgier bei Maastricht Wasser für ihre Kanäle, den Albertkanal und den Julianakanal, abzweigen. Dann ist die Fähre ein Witz. Du fährst rauf, holst dreimal Luft und bist drüben. Diesmal dauerte die Fahrt mindestens sieben Atemzüge (kann auch einer mehr gewesen sein.) Es fuhren mit uns fünf RTF-er auf das Fährdeck, und dann kamen noch drei total verdreckte junge Burschen mit schlammbespritzten Bikes dazu. Die waren guter Dinge und lachten, obwohl sie bezahlen mussten. Wir fuhren umsonst rüber. Das war wohl im Startpreis inbegriffen. Der Fährmann lachte uns zu und sagte etwas, aber das ging im Knattern des Dieselmotors unter. Vermutlich hätte ich seinen Dialekt sowieso nicht verstanden. Es schien ihm auch nichts auszumachen, dass ihn keiner verstand.

Da war noch eine Rotjacke aus St. Vith mit auf dem Boot, ein freundlicher Mann von 54 Jahren. Mit dem unterhielt ich mich während der „Überfahrt.“ Ich glaube, ich schaffte gerade zweieinhalb Sätze, da landeten wir schon am holländíschen Ufer an. Die Jungs bogen lachend nach links ab. Vermutlich kannten sie da eine besonders matschige Strecke, auf die sie sich freuten. Die beiden Alten blieben zurück, und so fuhr ich alleine Richtung Sittard. Inzwischen regnete es in Strömen. Als ich durch Sittard fuhr, schlingerte mein Hinterreifen so komisch. An der nächsten Ampel stellte ich fest, dass nur noch wenig Luft drin war. Hinter einer Unterführung pumpte ich testweise. Da kam ein fettes Pärchen vorbei, und der dicke Mann sagte selbstgefällig: „Ben je platgefallen?“ (Hast du einen Platten?) Ich sagte: „Een beetje“ (Ein bisschen), was irgendwie nicht die richtige Antwort war, sie gefiel im jedenfalls nicht, er zog einen Flunsch. Der Reifen hielt vorläufig die Luft, also stieg ich wieder auf die Fiets. In dem Moment kamen Rotjacke und Immendorf vorbei. Ich sprang hinterher und setzte mich an die Spitze. So fuhren wir zusammen bis zur nächsten Kontrolle. Hier sagte Rotjacke, auf mich zeigend, zu den Männern am Tisch: „Ich hab‘ einen guten Tempomacher gefunden.”
„Dat heißt Jangmacher, ne jute Jangmacher”, verbesserte ihn der am Stempelkissen. Dann sah er mich an und sagte: „Ja, der kenn ich, du bist doch aus Aachen, mir sin schon ma zusammen jefahren.“ Nun sah ich, dass er auf dem Nasenrücken einen auffälligen blauen Streifen hatte, fast wie ein Tintenfleck. Und da erkannte ich ihn wieder. Wir waren bei der Alsdorfer Rundfahrt zusammen gefahren. Er gehörte zu dem schnellen Paar, das meinen Begleiter aus Kerpen sauer gefahren hatte, so dass er zurückbleiben musste.

Eine Zeit blieben die zwei an meinem Hinterrad, was gewiss nicht eitle Freude war, denns Wasser spritzt einem ständig ins Gesicht. Irgendwo im Selfkant blieb erst Immendorf zurück, dann rief auch Rotjacke, jetzt sei ich zu schnell für ihn, ich solle ruhig fahren. Wir hatten jetzt Rückenwind und so konnte ich lange Zeit nah an die 50 km/h fahren. Vor Heinsberg musste ich wegen eines rücksichtslosen Autofahrers scharf herunterbremsen, wobei ich ein Stück seitwärts rutschte. Bis ich wieder auf Tempo war, kam auch o Wunder der Immendorfer wieder heran. Da musste er doch ziemlich hinter mir her gebolzt sein. Trotzdem holte er mich bis zum Ziel nicht ganz ein. Hier aß ich zwei Stücke Nusskuchen und trank einen Kaffee. Auf einmal kam auch Rotjacke heran, klopfte mir auf die Schulter und sagte: „Boah, du bist ja toll abgezischt!“ und dann bedankte er sich zum Abschied. ich wusste gar nicht wofür, aber hatte sowieso gerade den Mund voll und konnte nichts sagen als „Mhmpftschüss.“

Eigentlich war es trotz Regen eine schöne Abschlussfahrt. Zu Hause fand ich heraus, wer der ominöse „Norman“ ist. Er war einer der Verantwortlichen für die Bezírksabschlussfahrt.

4 Kommentare zu “Kurze Geschichte einer langen Regenfahrt

  1. Oh man… und ich bin immer schon ganz platt, wenn ich die Viertelstunde zur Arbeit fahre. Früher hat mir das nichts ausgemacht, aber inzwischen bemitleide ich mich durchaus immer selber :). Ich werde beim nächsten Regenguss mal an Dich denken!

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    • Mir geht es heute nicht anders, und ich staune, wie fit ich damals war. Alles ein Frage des Trainings, bzw., im Training zu bleiben. Leider habe ich das ab 2000 sträflich vernachlässigt.
      Ich bin immer gerne im Regen gefahren, weil dann mehr Sauerstoff in der Luft ist. Und wenn man einmal gut durchnässt ist, kann man sich drauf einstellen.

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