„Mimimimie!“ Mückenalarm

Gerade glitt ich in den Schlaf, da hörte ich nah meinem linken Ohr das Sirren einer Mücke. Ich machte Licht und versuchte sie zu finden, fand sie aber nicht. Also löschte ich das Licht wieder. Ich muss schon geschlafen haben, da erwachte ich von einem durchdringenden „Mimimimie!“ Ich sprang auf, öffnete das Fenster und brüllt hinaus, weil ich die Welt für die nächtliche Ruhestörung bestrafen wollte. Doch meinem Mund entrang sich nur ein fast tonloses Fauchen. Eine Weile mühte ich mich vergeblich, einen lauten Ton herauszubringen. Dann schloss ich das Fenster und legte ich mich wieder ins Bett.

Da lag schon jemand und wollte nicht beiseite rücken – ich selbst. Wir beratschlagten kurz, ob alles nur geträumt war. Möglicherweise hatte ich das Sirren der Mücke im Traum in „Mimimimie!“ umgewandelt, war gar nicht aufgestanden und hatte nicht versucht, aus dem Fenster zu brüllen, sondern hatte einfach so gebrüllt. Dann hoffe ich, wirklich keinen Ton hervorgebracht zu haben. Es wäre mir gegenüber meinen Ober- und Unternachbarn peinlich. Freilich sind die Wohnungen im Haus nicht besonders hellhörig. Hätte ich leise gebrüllt, wäre es vermutlich nicht zu hören gewesen. Hohe Frequenzen hört man hingegen gut. Möglicherweise hatte meine Obernachbarin im Traum laut „Mimimimie!“ gerufen und die Mücke und ich wären schuldlos.

Dann aber wäre mein Zorn auf die Welt nicht zu erklären. Ich würde mich doch freuen über ein „Mimimimie!“ aus menschlichem Mund, weil es doch gemeinhin der Auftakt für ein Ständchen ist. Meines Wissens kann man so ein Ständchen entgegennehmen, ohne von einem Saugrüssel gestochen zu werden und am nächsten Tag juckende Quaddeln zu haben. Die Mücke, von der derlei zu befürchten war, habe ich heute tagsüber erwischt. Damit der Text nicht so depressiv endet, hier eine Mückengeschichte aus dem Jahr 1994:

    Stiller Tod

    Ein heißer Nachmittag im Juli. Vor dem ehemaligen Bahnhof von Kornelimünster, wo der Radweg der Vennbahntrasse aus dem überwucherten Hohlweg tritt, klatschte mir eine Mücke auf den rechten Unterarm, die sich wohl auf der angrenzenden Kuhwiese mit Blut vollgesoffen hatte. Klatschte mir besinnungslos auf den Arm und zerplatzte, so dass ein dicker Blutflatsch mir über die Haut rann. Ja, weiß denn so eine Mücke nicht, wann genug ist? Muss die sich den Wanst derart vollschlagen, dass die leiseste Berührung sie zerreißt?

    Bei der Imkerei am Ortsausgang, wo die Straße sich steil aus dem Tal der Inde windet, springt ein Bächlein in einen steinernen Trog. Hier im Schatten einer Kastanie knie ich hin und tauche einen Arm tief ins Becken. Wer kann schon von sich sagen, dass er das getan hätte? Und die Mücke, deren Reste jetzt davonschwimmen, wird glücklich vergangen sein, in ihrem Blutrausch. So hatten wir beide was davon.