Reizwortgeschichte – Tee aus der Feldflasche

In dem fremden Dorf in der Ebene hätte ich niemals so einen steilen Anstieg vermutet. Er tat sich auf, als wir nach langer Wanderung den Dorfplatz überquert hatten und nach rechts in eine Gasse einbogen. Urplötzlich stieß die Gasse bolzengerade himmelwärts, gepflastert mit groben Kopfsteinen, und zwar mit einer starken Wölbung in der Mitte und zu den Seiten abfallend. „Pardauz! Ein Kuriosum, das ich hier nicht erwartet hätte!“, rief Coster. Das Kopfsteinpflaster schien wie der Panzer einer uralten Schildkröte. In ihrer Wölbung taten sich mörderisch breite Fugen auf, und ich bedauerte jeden Radfahrer, der diese Gasse würde befahren wollen. Von „wollen“ dürfte keine Rede sein, denn als wir ein wenig himmelan gestiegen waren, taten sich Felder auf. An einem hölzernen Masten am Wegesrand klebte ein Plakat, aus dem hervorging, dass just an diesem Abend um 20 Uhr der Giro d’Italia vorbeikommen würde. Ich geriet in Verzückung, stellte mir vor, wie das Peleton über dieses Kopfsteinpflaster hinwegfliegen würde, dachte an die verzerrten Gesichter ausgemergelter Männer, konnte aber bei meinen Weggefährten keine Begeisterung wecken. Einem tropfte plötzlich das Blut vom Finger. Die Ursache seiner Verletzung hatte ich nicht mitbekommen, und man beschloss zurückzugehen. Ich hätte also allein im Dorf bleiben müssen, um die Stunden bis 20 Uhr zu überbrücken.

Während ich noch unschlüssig erwog, mit den anderen zurückzugehen und den langen Weg zum Dorf gegen Abend nochmals zu unternehmen, mahnte Coster zum Aufbruch, und unvermittelt fand ich mich zurückgelassen in der Fremde. Unschlüssig stieg ich hinab zum Dorfplatz und sah keine Seele. Das Dorf wirkte wie ausgestorben. War ich etwa in eine Wüstung geraten, und niemand außer mir würde um 20 Uhr den Anstieg säumen, wenn der Giro über das Kopfsteinpflaster hoch stürmte? Auch fiel mir auf, dass 20 Uhr um diese Jahreszeit schon spät für ein Radrennen wäre. Man müsste in der Dämmerung fahren, was in beleuchteten Städten kein Problem ist, aber hier in dieser Einöde über eine Kopfsteinpflasterpassage? Und überhaupt, wurde der Giro nicht im Juni ausgetragen und war längst entschieden? Wo war ich nur leichtfertig hineingeraten? War ich vorgesehen als einziger Zuschauer eines Geisterradrennens?

Ich sah mich in der Dämmerung einsam an der Strecke stehen und warten. Oben am Mast direkt über dem Plakat hing ein altertümlicher Lautsprecher. Aus dessen Trichter erscholl aus weiter Ferne die hohle Stimme eines Speakers und kündigte das sich nähernde Rennen an, dann zerriss ein Knattern die Abendstille, und drei, vier, fünf Gestalten auf Motorrädern wischten vorbei, eine Trillerpfeife schrillte, ein Auto kam hupend den Berg hinauf, dann wieder erwartungsvolle Stille. Urplötzlich quälte sich ein einsamer Ausreißer über das Kopfsteinpflaster hinan, und was ich als schmerzverzerrtes Gesicht wähnte zu erkennen, waren das nicht die gebleckten Zähne eines Totenschädels? Mir blieb kaum Zeit mich abzuwenden, da rauschte das Peleton heran. Ich spürte es mehr als ich sah. Ein eisiger Luftzug strich vorbei, zauste meine Haare und brachte meine Beinkleider zum Flattern. Ich hörte Schneuzen, unterdrückte Rufe, sausende Fahrradketten, sah nicht hin, denn hunderte Totenschädel wären zuviel für meine angespannten Nerven gewesen. Es hätte mich umgerissen, und dann wäre ich erwacht, wie sich blanke Schädel über mich beugten, um mich in den Besenwagen zu schleppen, der am Schluss jedes Rennens fährt.

„Was haben die mir bloß in den Tee getan? So ein Bubenstück!“, rief ich aus, nachdem ich einen letzten kräftigen Schluck aus meiner Feldflasche genommen hatte. Da erschollen Stimmen vom Dorfplatz her. Es gab allda tatsächlich eine Bäckerei, die mir zuvor nicht aufgefallen war. Vor der Bäckerei hatte sich eine Menschentraube versammelt. Ich trat hinzu und gewahrte, wie die schöne Bäckereiverkäuferin im schwer verständlichen Idiom der Gegend mit einem jungen Mann stritt. Er solle sie endlich in Ruhe lassen mit seinem Liebesdrang, sie sei doch viel zu alt für ihn. „Wenn du so alt bist wie ich heute, bin ich ein altes Weib wie die da!“, sagte sie und deutete in die Runde. Tatsächlich war die Szenerie nur von alten schwarz gekleideten Frauen umstanden. Der Junge gab keine Ruhe mit seinen Liebesschwüren, und es schien ihr trotz allem zu gefallen, an der zarten Röte zu sehen, die über ihre Wangen zog.

Aus der Backstube hinterm Laden trat der Geselle hervor, die Hemdsärmel aufgekrempelt, die Hände mit Mehl bestäubt bis hinauf zu seinen kräftigen Unterarmen. Er herrschte den Jungen an: „Was fällt dir ein, mit meiner Meisterin zu poussieren?!“, sprachs, trat nah vor den liebestollen Jungen und stieß ihn zurück. Der wollte nicht weichen. Die beiden gaben ein Bild ab wie alter Bock und junger Bock, spielten das ewige Lied der Natur. Ich konnte den Jungen verstehen, denn mich drängte ebenfalls, mit dem glutvoll schönen Weib zu charmieren. Um diese blitzsaubere Schönheit hätte ich mich liebend gerne geprügelt. Doch da spürte ich eine harte Hand in meinem Kragen. Eine alte stämmige Frau zog mich hoch, riss mich fort und stieß mich in ihre unordentliche, finstere Wohnstube, wo ich über ihr Nachtgeschirr stolperte und mir die Schuhe einnässte. Dann wies die Alte mich an, einen Haufen alter Socken zu sortieren.

Den letzten Schluck Tee hätte ich nicht nehmen sollen.

    Verwendete Wörter: bolzengerade, pardauz, Beinkleider, Bubenstück, poussieren, charmieren, allda, Nachtgeschirr.
Werbeanzeigen

7 Kommentare zu “Reizwortgeschichte – Tee aus der Feldflasche

  1. Pingback: Versinkende Wörter beim Schopf gepackt

    • Danke, freut mich. Zugrunde liegt eine Phantasie, die ich seit einigen Wochen hegte, nämlich mutterseelenallein in der Dämmerung an der Strecke eines geisterhaften Zeitfahrens zu stehen, und das einzig Menschliche sind ein einsamer Fahrer und die Stimme aus dem Lautsprecher. Bäckerin, liebestolle Männer und Sockensortieren waren Traumbilder. Der Rest kam von den versinkenden Reizwörtern her, zu denen ungebräuchliche wie Feldflasche, ausgemergelt, Wüstung passen. Das alles fügte sich beim Schreiben wie von selbst. Du kennst das. Man kann noch daran feilen, aber schon die erste Fassung ist fertig.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.