Episode aus dem Lehrerdasein (4) – Notenverhandlung

Ein Freund schrieb mir von seiner Ärztin. Ihr in unseren Breiten ungewöhnlicher Name erinnerte mich daran, dass ich als Lehrer zwar nicht sie, aber vermutlich ihren Ehemann und den Sohn gekannt habe. Ich unterrichtete ihn in Deutsch. Leider war der recht begriffsstutzig und auch nicht besonders lernfreudig, eher unwillig, so dass ich nicht umhin konnte, seine Leistung mit Mangelhaft zu bewerten. Darauf sagte sich der Vater zu meiner Sprechstunde an. Ohne sich für meine Einlassungen zu interessieren, wie etwa der Sohn seine Leistungen verbessern könnte, sagte er: „Für mich als Professor der Augenheilkunde ist es undenkbar, dass mein Sohn in Deutsch eine Fünf bekommt.“ Ich sagte: „Ich benote ja nicht Sie Professor der Augenheilkunde, sondern die Leistung Ihres Sohnes, und die ist leider mangelhaft.“

Wir schieden nicht einvernehmlich. Er kündigte an, sich diesbezüglich an den Direktor zu wenden, was ihm aber nicht half. In der Notengebung ist der Direktor einer Schule nicht weisungsbefugt. Ich hatte ja schon erlebt, dass Eltern die Noten ihrer Kinder gesundbeten wollten, aber dass Eltern aus ihrer gesellschaftlichen Stellung den Anspruch auf gute Noten für ihre Kinder herleiten, war mir zuvor nicht untergekommen. Derlei Vorstellungen existieren vermutlich in den Köpfen bestimmter Eltern, aber es ist nicht üblich, sie so dreist zu äußern.

Für Lehrpersonen ist es überdies gefährlich, sich auf derlei Ansinnen einzulassen, denn es spricht sich herum. Man gerät in den Ruch, leicht einzuknicken, und ruft Nachahmer hervor. Ich habe erlebt, dass ein Kollege in der Zeugniskonferenz ein Ausreichend in seinem mündlichen Fach in ein Befriedigend geändert hat, weil ein juristischer Widerspruch der Eltern gegen die Vier vorlag. Ihr Kind benötigte einen Ausgleich in einem wissenschaftlichen Fach, um versetzt zu werden. Den Grund für sein Einknicken nannte der Kollege offen. Er hatte das aufreibende Widerspruchsverfahren gegen eine Note schon einmal durchgemacht und scheute den emotionalen Stress und den Arbeitsaufwand. „Ich verderbe mir sonst die ganzen Ferien.“ Sprachs mit zitternden Fingern und setzte die Note herauf.

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13 Kommentare zu “Episode aus dem Lehrerdasein (4) – Notenverhandlung

  1. Darum beneide ich Lehrer nun wirklich nicht. Auch nicht um das Benoten, aber noch viel weniger um diese Diskussionen. Wie lächerlich eines Vaters, seine eigenen Verdienste hier anzuführen. Augenheilkunde hin oder her. Wenn er nicht sieht wie dreist und dämlich das ist, dann ist er blind.

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    • Wie Andrea weiter oben schon sagt, ist Notengebung für viele Lehrer die „am meisten belastende Tätigkeit.“ Man muss schon sehr abgestumpft sein, um das gut zu finden. Ein Kollege Mathematik fand nichts dabei, seine Leistungsansprüche als Selektionsinstrument einzusetzen und sagte Schülerinnen und Schülern schon mal gerne: „Du gehörst nicht aufs Gymnasium!“
      Du hast Mit „Augenheilkunde“ und „blind“ eine hübsche Spitze gefunden.

      Gefällt 1 Person

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