Nützliche Betrachtung einer Wiese

Wenn ein Kind eine Wiese malen will, dann taucht es den Pinsel in grüne Farbe und malt eine Fläche aus. Im Vergleich mit der realen Wiese ist das eine ahnungslose Abstraktion, die Reduzierung auf ein hervorstechendes Merkmal. Physikalisch verhält es sich so: Das Gras der Wiese, soweit sie nicht vertrocknet ist wie heuer, das Gras einer saftigen Wiese absorbiert vom Sonnenlicht alle Farben des Spektrums und reflektiert das Grün, das wir sehen, weshalb Grün die einzige Farbe ist, die die grüne Wiese nicht hat.

Noch abstrakter als die gemalte Wiese ist unsere sprachliche Erfassung der Welt. Wir hängen an den differenzierten Mikrokosmos das Etikett „Wiese“, als wäre damit alles gesagt. Überhaupt, die Erscheinungen mit Begriffen zu belegen, gleichsam Namensschildchen daran zu kleben wie Gras, Wiese, Teichrose, mein Schuh kommt mir dreister und ignoranter vor, als würde ein vermeintlich blinder Maulwurf seine Schaufelhändchen in Fingerfarbe tauchen und einen Spaten malen. Ja, der Maulwurf hat tatsächlich Händchen, Klauen mehr, obwohl uns sein Name glauben macht, er würde die Erdhügel in der Wiese mit dem Maul aufwerfen.

Unsere Ahnen hatten dem Tier noch den Namen mūwerfo (ahd.) ‚Haufenwerfer‘ angehängt. Die plappernden Nachfahren machten daraus „Moltwurf“ (mhd.) ‚Erdwerfer‘, und in jüngerer Zeit wurde daraus ‚Maulwurf‘. Aber schon die althochdeutsche Bezeichnung tat dem Tierchen Unrecht. Denn sein Leben ist keinesfalls Haufen werfen. Es spielt sich unter der Erde ab und ist Gangsysteme zu graben auf der Suche nach Nahrung. Haufenwerfer, das ist die von Interessen geleitete Außensicht des Menschen. Viel mehr leistet unsere Sprache nicht, als von Interessen geleitete Etiketten der menschlichen Außensicht zu bieten.

Als ich klein war, erlebte ich, wie mein Großvater im Garten mit dem Spaten auf den „Moterhofd“ lauerte und in den Erdhaufen stach, wenn er sich hob, ganz im Bewusstsein, dass die menschliche Sicht auf die Welt die rechte und richtige sei. Ich glaube, es ist die verschleiernde Wirkung der Sprache, dass viele Menschen ihr Sein in der Welt nie in Zweifel ziehen. Ob mein Großvater das später mal getan hat, wenn er schweigend in seinem Lieblingssessel saß und mit den Fingern auf der Armlehne trommelte, weiß ich nicht. Fingerklimpern soll ja den Geist beflügeln.

Tote Taube – Ein winziges Abenteuer

Morgens gilt mein erster Blick aus dem Fenster dem allmählich rekultivierten Beet rund um den Spitzahorn vorm Haus. Was musste ich vor Tagen sehen? Wo schon allerhand Blumen gepflanzt sind, lag eine verendete Taube. Offenbar hatte ein Tier daran genagt, und so hoffte ich, in der Nacht werde es den Kadaver wegschleppen. Das geschah aber nicht, wie ich allmorgendlich feststellte. Obwohl ich auf dem Land aufgewachsen bin und ein Handwerk gelernt habe, bin ich alles andere als handfest. Böse Zungen behaupten, ich wäre zimperlich. Folglich war ich einigermaßen hilf- und ratlos.

Die tote Taube legte sich als Schatten auf mein Gemüt. Wie sie entfernen, ohne ihr zu nahe zu kommen? Am besten wäre es, ich hätte eine Schüppe. Am vergangenen Samstag habe ich mit meinem Unternachbarn eine schöne Hortensie gepflanzt. Ich hatte sie auf dem Markt gekauft, und er hat das Loch gebuddelt mit dem Spaten, den der andere Unternachbar zur Verfügung gestellt hatte. Den Spaten hatte ich aber am Samstag schon zurückgebracht.

Heute morgen nun war nötig, die Blumen zu gießen. Dann würde ich die tote Taube nicht länger ignorieren können. Wer zimperlich ist, sollte sich wenigstens zu helfen wissen. Ich hatte noch eine überflüssige Teleskopstange. An der wollte ich das Kehrblech befestigen, so dass ich die verwesende Taube aus der Distanz aus dem Beet heben könnte. Aber wohin dann damit? In die Biotonne? In den Hausmüll? Eher nicht.

Das Kehrblech befestigte ich mit zwei Kabelbindern und hatte nun eine vielversprechende Konstruktion. Ich füllt die Gießkanne und schritt, mit beiden bewaffnet, zur Tat. Der Kadaver war schon von Insekten umschwirrt. Ich schob das Kehrblech darunter und bekam ihn noch in einem Stück darauf und trug ihn hinüber zum Gebüsch am Fußweg, wo ich ihn entsorgte. Im Ahorn oben gurrte die andere Taube des monogamen Paars ihr eintöniges Klagelied. Ich hoffe, sie findet sich bald ab, jetzt, wo der Kadaver der Partnertaube nicht mehr zu sehen ist, denn das Klagelied klingt wirklich unschön. Teleskopstange und Kehrblech passten genau in unsere große Mülltonne. Hoffentlich macht die Müllabfuhr keinen Ärger.

Auf Stimmen hören

In letzter Zeit beobachte ich bei mir eine seltsame Verhaltensweise. Wann immer ich etwas Nötiges zu erledigen habe, sagt mir eine innere Stimme, das könne ich doch auch morgen tun. Das passiert selbst dann, wenn mir die Vernunft sagt, dass ich dadurch in Bedrängnis gerate. Auch diesen Sachverhalt heute aufzuschreiben, riet mir die Stimme aufzuschieben. Man kann auf diese Weise sein ganzes Leben aufschieben. In manchen Fällen wird man dann von anderen geschoben, in anderen hat man den Nachteil, etwas entbehren zu müssen. Ich habe beispielsweise eine Rechnung von etwa 6 Euro zu bezahlen, müsste dazu aber die Rechnung suchen. Die Stimme sagt, ich solle mir die Suche sparen und warten, bis man mich mahnt, dann den Betrag sofort überwiesen, dann könne ich die Mahngebühr ignorieren. Man werde mich nicht wegen der Mahngebühr nochmals mahnen. Das ist einigermaßen gerissen. Blöd ist, wenn ich eigentlich aufstehen möchte und mir die 11. Etappe der Tour de France anschauen. Die Stimme sagt nichts, aber ich kann mich ums Verrecken nicht erheben, sondern bleibe sitzen und tippe hier einfach was.

An einer Sache hat mich die Stimme nicht hindern können: Ich war soeben bei der Post und habe endlich ein Rezensionsexemplar von Buchkultur im Abendrot abgeschickt, das ich schon eine Weile verschicken wollte. Davon habe ich nämlich eine überarbeitete und um einiges erweiterte Neuauflage erstellt (nur die Printversion). Darauf will ich auch hier im Teestübchen schon seit April hinweisen, aber die Stimme hat es mich immer wieder verschieben lassen. Wer das Buch noch nicht hat, sollte nicht länger aufschieben und es unbedingt jetzt kaufen. Es lohnt sich! Wer es schon hat, kann sich hier ergänzend das Ergebnis einer vergessenen Vorarbeit, ein PDF der ausführlich kommentierten Bibliographie herunterladen …
PDF Kommentierte Bibliographie

Perspektivwechsel

Ich habe weiß Gott einen schönen Weg zur Arbeit gehabt. Meistens bin ich mit dem Fahrrad gefahren, und ich fuhr in Gegenrichtung. Während sich Autoschlangen stadtwärts wälzten, fuhr ich abseits der Hauptverkehrsstraßen hinaus aufs Land, nicht irgendwohin, sondern ins schöne Münsterländchen, benannt nach der ehemaligen Reichsabtei Kornelimünster. Im Ortsteil Niederforstbach durchfuhr ich ein Neubaugebiet, und dann schoss ich eine kurze Rampe hinab auf die Vennbahntrasse, ein altes Bahngleis, das nun Fahrradweg ist. Der schwingt im weiten Bogen auf ein Tal zu. Schon bald rollte ich über einen Viadukt, dessen mächtige Pfeilerbögen aus den Bruchsteinen der Nordeifel gemauert sind. Unten schlängelte sich der Rollefbach durch die Wiesen. Unvorstellbar, dass dieses Rinnsal so ein tiefes Tal geformt hat. Stünde man im Bach und würde hinaufblicken, könnte man auf die Idee kommen, den Radfahrer um seinen Weg zu beneiden, dass es doch herrlich sein müsste, hoch oben über den Viadukt zu rollen.
[Vennbahn-Viadukt – Foto: JvdL – größer: Klicken]

Die Wahrheit ist, das bisschen Herrlichkeit geht durch das Alltägliche rasch verloren. Man flucht höchstens, wenn es an den Rinnen in der betonierten Fahrbahn rumpelt. Du bist irgendwo ganz oben, aber so richtig wertschätzen könntest du es nur, wenn du unten stündest. Ob es eine menschliche Eigenart ist, nicht wirklich schätzen zu können, wenn man oben ist? Es schadet jedenfalls nicht, die Perspektive zu wechseln.

Aber da unten wartete niemand und schaute zu mir hoch. Da hatten sich rotbunte Kühe unter den überhängenden Büschen versammelt, um Schatten zu finden. Die flachen Bachufer hatten sie mit ihren Hufen zertrampelt. Perspektivwechsel schön und gut. Aber da unten möchte ich nicht als permanent schwangere Hochleistungsmilchkuh mit nassen Hufen im Schlamm stehen. Ähem, übers Thema hinausgeschossen. Es rollte einfach zu gut.

Aber um Kühe und ihre Perspektive geht es. Wir müssen leider einige hundert Meter zurück. Ich bin spät dran. Wo die Vennbahntrasse, vom Bahnhof Brand kommend, die Münsterstraße quert, eine Schlaufe, die ich aus Zeitgründen nicht fahre, just dort treibt ein Bauer seine gut 50 Kühe über die Straße, so dass wir warten müssen. Links und rechts der Vennbahntrasse hat er Wiesen. Die linke Wiese ist abgegrast. Darum treibt er die Herde auf die rechte Wiese. Die Kühe traben gleichmütig durchs offene Gatter, da plötzlich regt sich Aufregung in der Herde. Einige Kühe haben sich verlaufen, streben auf gleicher Höhe mit der Herde vorwärts auf der parallelen Wiese. Eine um die andere Kuh der Herde bemerkt den Irrtum ihre Artgenossinnen, bleibt stehen und blökt hinüber. Ich verstehe kein Muhen, aber sie rufen wohl: „Hallo, liebe Freundinnen! Ihr seid auf der falschen Seite!“ Blöken es ausdauernd hinüber, bis die Irrläufer sich besinnen und umkehren.

Das Erlebnis fiel mir ein, als ich die Meldung über die lautstarke Wiedersehensfeier von Kühen in der Zeitung las. Landläufig geht die Rede von dummen Kühen, womit der Mensch sich vom Leib hält, das Leid wahrzunehmen, das dem Nutzvieh bedenkenlos angetan wird. Aber Kühe, die ihre Artgenossinnen rufen, die sich verlaufen haben, oder ein lautstarkes Wiedersehen feiern, erinnern daran, dass auch im Umgang mit Tieren ein Perspektivwechsel fällig ist.

Prima Fernsehen mit Jeremias Coster

Eigentlich sollte ich um drei Uhr im Café Mohren sein, wo ich mit Coster verabredet war. Um zehn vor drei verließ ich das Haus und wusste, ich würde mich verspäten. Für einen Moment keimte Unruhe in mir auf. Dann sagte ich mir, dass ich noch zehn Minuten vor dem Zuspätkommen hätte, und diese Lebenszeit wollte ich keinesfalls mit innerem Hader verbringen. Es könnte mich schließlich just ein Auto überfahren, derweil ich gerade denke: „Ich komme zu spät!“ Dann hätte ich das Jenseits herbeigepfiffen. Da stelle ich mir lieber vor, ich wäre immerzu genau richtig in der Zeit. Also dachte ich andere Gedanken. Seltsam genug dachte ich etwas, wovon später auch Coster sprechen würde, allerdings radikaler und boshafter als ich es gewagt hätte. Beim Supermarkt, dessen Mitarbeiter zeitweilig in T-Shirts gezwängt waren, auf denen stand: „Wir werden Sie begeistern!“, dachte ich: „Mist, ich hab mal wieder ums Verrecken keine Lust, mich auf diese Weise begeistern zu lassen.“

Dr. phil, Dr. ing. Jeremias Coster, dubioser Professor für Pataphysik an der RWTH Aachen, hatte auf der ersten Etage des Cafés einen Tisch am Fenster gewählt. „Hier hat man einen Butzenscheibenblick auf die Welt“, sagte er später, „und das ist manchmal gut für’s Gemüt.“ Vor sich hatte der Gemütsmensch ein Glas Wasser, einen Aachener Printenlikör und Kaffee im Glas. Als die junge Kellnerin an unseren Tisch trat, staunte ich erneut, wie gut sich Coster auf’s Charmieren versteht. Sie hatte nicht einen Blick für mich, sondern sonnte sich in seiner Aufmerksamkeit. Coster hätte also bester Stimmung sein müssen, war es aber nicht. Caféhausromantik mit Printenlikör, Kaffee und Kellnerin, das alles hatte Coster gleich einem Bollwerk vor sich aufgebaut, um eine grimmige Stimmung abzuhalten, die ihn beständig anzufliegen schien.

An der Kellnerin könne er ablesen, wie das Betriebsklima sei, sagte Coster. Und da der Chef des Cafés hinterm Tresen stünde, wäre ihre Fröhlichkeit auch nicht antrainiert, sondern käme aus dem Herzen. Denn wäre ihr Chef ein Leuteschinder, könnte sie das auf den kurzen Wegen zwischen Tresen und Gast nicht vergessen. Anders wäre es in einem Lokal einer Kette. Dort könnte die Freundlichkeit des Personals auch das Ergebnis eines Mitarbeitertrainings sein. Wo weite Wege lägen zwischen Unternehmensleitung und Personal, wo also der direkte Kontakt zwischen Chef und Untergebenem nicht vorliege, dort wolle er sein Geld nicht mehr hintragen.

Coster nippte an seinem Printenlikör und sagte: „Das ist mein Mittagessen.“ Er habe nämlich nichts mehr im Haus und könne sich „ums Verrecken“ nicht überwinden einzukaufen. „Schon wenn ich in der Tür das Kassenpiepen höre, kriesch isch et ärme Dier, Trithemius. Und sehe ich das Personal …“ Er nippte noch einmal an seinem Mittagessen und fuhr fort: „Weil der Einzelhandel langsam verschwindet, wissen wir nicht, welchen moralisch verkommenen Halunken man das Geld für den Einkauf in den Rachen wirft. Am Ende werden davon irgendwelche Drecksäcke fürstlich entlohnt, die sich nicht zu schade sind, eine Kassiererin fertig zu machen, weil sie angeblich 25 Cent gestohlen hat. Doch eigentlich kann man diese Leute nicht einmal von Herzen verachten, denn letzten Endes sind sie nur die Produkte einer gesellschaftlichen Entwicklung.“

„Sie meinen, der Mensch ist nicht für solche Großstrukturen gemacht?“

„Ganz genau!“, sagte Coster. „Großstrukturen jeglicher Art übersteigen das menschliche Fassungsvermögen. Der Mensch orientiert sich stets an seiner unmittelbaren Umgebung. Und wer fern ist von den ihm anvertrauen Mitarbeitern, ist zu jeder Schandtat bereit, wenn sie nur die Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung zufrieden stellt, also die eigene Familie oder den gesellschaftlichen Status befördert. Der richtet sich nämlich nicht nach überindividuellen moralischen Maßstäben. Wer das glaubt, ist erfrischend naiv. Ich bin sicher, die Herrschaften auf den Chefetagen verfügen über beste Manieren, wenn sie sich unter ihresgleichen befinden. Doch gegenüber den Menschen weit unter ihnen zeigen sie diese Manieren nicht. Sie sehen die Leute nicht und das macht sie zu dummen Affen. Vorsorglich entschuldige ich mich bei den Affen.“

Coster drängte zum Aufbruch, lud mich ein und schäkerte beim Bezahlen ausgiebig mit der Kellnerin. Sie sonnte sich erneut und sah nur ihn. Wer zahlt, bestimmt die Blickrichtung, dachte ich, was natürlich nicht stimmte, denn sie war nicht dem Geld, sondern Costers Liebenswürdigkeit erlegen. Im Rausgehen packte er meinen Arm. „Es hilft nur eins, Trithemius“, sagte er gut gelaunt: „Strenge Gesetze! Je größer gesellschaftliche oder wirtschaftliche Strukturen, desto strenger müssen sie gesetzlich überwacht werden. Also, wenn Überwachungskameras, dann auf den Chefetagen. Das wäre prima Fernsehen!“

Nächtlicher Besucher

Der, mit dem ich die Kammer teilte, der Kamerad war nicht da. Überhaupt, so schien mir, den fehlenden Geräuschen nach zu urteilen, war ich allein auf der obersten Etage unterm Dach. Ausgeflogen war das ganze Volk, geflohen vor der Hitze. Die hatte sich dagegen im stillen Haus festgesetzt und mich mürbe gemacht. Ohne Licht zu machen warf ich mich nackt aufs klamme Bett. Die Tür zum Balkon stand weit offen in Erwartung des Gewitters, das Abkühlung bringen sollte. Bevor ich mich hinlegte, hatte ich fern am Himmel schon Wetterleuchten und zuckende Blitze gesehen.

Ein heftiges Krachen ließ mich erwachen. Das Gewitter war jetzt genau über mir. Ich fröstelte im Sturmwind, der durch die Balkontür hereinfegte und von innen an der Zimmertür rappelte. Noch im Halbschlaf kroch ich unter die Decke. Und plötzlich war mir, als würde der Herr des Sturms persönlich in der Balkontür stehen. Er war eine einzige Sturmböe, ganz aus Luft gemacht. Und stand einfach da, schien niemanden zu sehen. Mein Bett war direkt beim Fenster und das Bett in Blickrichtung verwaist. Vielleicht war er gar nicht meinetwegen gekommen, sondern suchte den Kameraden. Was wusste ich schon über ihn? Ein Schnauben ging wie eine Stoßwelle durch die ganze Kammer, dann trat der Sturm zurück und war weg. Der erlösende Gewitterregen ging nieder.

Augenblicklich schlief ich wieder ein.

Sich wundern und verstehen

Kennst du das? Du wachst du morgens auf und wunderst dich, wer du bist und dass du allerlei Dinge erledigen sollst, bis hin zum Kaffee machen. Und während du alles fast mechanisch erledigst, denkst du, na gut, dann füge ich mich eben in dieses Leben als Mensch des 21. Jahrhunderts. Wenn es blöd kommt, fremdelst du den ganzen Tag als wärst du im falschen Film. Wer gibt dir eigentlich die Gewissheit, dass du gestern nicht jemand anderes warst? Beweisen kannst du es nicht. Du erinnerst dich an deine Biographie? Es könnten auch fremde Erinnerungen sein. Du bist über Nacht einfach hineingeschlüpft, hast dir die fremden Erinnerungen angezogen wie eine Jacke. Am Ende warst du gestern noch die Ex-Geliebte von Horst Seehofer und hast gerade der BILD alles gebeichtet, wie es war mit Seehofer und so. Was hast du dir gedacht, als du ein Verhältnis mit einem verheirateten Politiker begonnen hast? Das war nicht gerade klug, oder? Na ja, wo die Liebe hinfällt. Vorstellen kannst du dir das heute nicht mehr, denn heute bist du im Körper eines Mannes erwacht und ins Bad gewankt. Ja, so geht es zu in der Welt. Alleweil ändert sich was.

Jetzt sitzt du in der Aachener Pontstraße vor dem Laden einer Bäckereikette, die keinen guten Ruf hat, da sich ihr Name dummerweise auf „Goebeln“ reimt. Bist trotzdem mutig hineingegangen, hast dir Kaffee und ein Brötchen aufs Tablett laden lassen, nach Milch musstest du fragen und bekamst die pampige Antwort, die stehe irgendwo auf den Tischen, und jetzt sitzt du draußen in der Sonne, trinkst deinen Kaffee, und was ist? Dein Brötchen fühlt sich auf der Unterseite feucht an. Das ist ein bisschen eklig, und hättest du jetzt Lust, dir die Zimpe der Verkäuferin noch einmal anzuschauen, dann würdest du hineingehen und das Brötchen reklamieren. Doch du hast dich ja auch in deiner früheren Existenz als Geliebte nicht gut um deine Belange gekümmert. Also hoffst du, das Brötchen werde in der Sonne rasch trocknen, am besten, bevor du beim Beißen an die nasse Stelle kommst.

Gegenüber werden die oberen Etagen des Hauses Nr. 117 renoviert. Bist du vielleicht vor 170 Jahren der Bankkaufmann Julius Reuter gewesen? Dann hättest du dort unterm Dach einen Taubenschlag gehabt. Deine Täubchen fliegen für dich nach Brüssel und zurück. Das ist recht weit, und du bist stolz darauf, dass deine Täubchen die Strecke so sicher und rasch bewältigen. Selten verfliegt sich eine oder landet in einem wallonischen Kochtopf. Und deshalb versorgst du deine Täubchen gut, stehst unterm Dach, und durch die offenen Luken blinzelt die Morgensonne herein. Du magst es, die Staubteilchen im Lichtbündel tanzen zu sehen. Es ist, als hätten sie sich im Sonnenlicht zum Hochzeitstanz versammelt. „Hochzeit?“ Das Wort rührt etwas in dir an. Hattest du nicht gegen Morgen noch von einer schönen Hochzeit geträumt? Du wolltest einen bekannten Politiker heiraten, der leider schon eine Frau hatte. Seltsamer Traum.

Egal jetzt, die Börsenkurse müssen nach Brüssel gesandt werden. Du wickelst die Listen zu kleinen Rollen zusammen und steckst sie in Hülsen. Nun kommt, meine Täubchen! Seid meine Boten! Tragt die Depeschen brav nach Brüssel hin. Und während du ein ums andere Täubchen gen Himmel wirfst, denkst du, dass du ihnen bald den Hals umdrehen wirst. Werner von Siemens hat dir geraten, nach London zu gehen und dort ein Telegraphenbüro zu eröffnen. „Julius! Die Telegraphie wird die Welt verändern“, das hat Siemens dir gesagt.

Im Gartenpavillon hat das Mädchen gerade das Frühstück aufgetragen. Du küsst deine Frau auf die Stirn, setzt dich zu ihr und sagst: “Guten Morgen, meine Liebe. Neuste Nachrichten: In der Schule schildert der Lehrer die Wunder Jesu. ‚Die Blinden macht er sehen, die Lahmen macht er Gehen. Und was macht er mit den Tauben, na Wilhelm?‘ Wilhelm überlegt: ‚Die ließ er fliegen!‘ Die Tauben ließ er fliegen. Hihi! Genauso mache ich es auch.“ Und dann überzeugst du deine Frau, dass es gut ist, nach London zu gehen. Siemens hat dies gesagt! Siemens hat das gesagt! „Die Tauben können wir fliegen lassen wie Jesus, liebe Helma. – Oder ich drehe ihnen den Hals um.“
„Gott sei Dank!“

Gedenktafel in Aachen – (Foto: Iris Reinhardt für Wikipedia)

Unfassbar denkst du, während du leider in die feuchte Stelle des Brötchens beißt, dass die große stolze Nachrichtenagentur Reuters hier im Haus Nr. 117 der Pontstraße ihre Wurzeln in Taubenkot hat. „Damit begann sein Lebenswerk im Dienste des Nachrichtenverkehrs der Welt“, steht auf der Gedenktafel. Es ist eine Lüge. Es ging um Aktienhandel. Dass es Finanzleute waren, die ein Interesse am raschen Austausch von Börsennachrichten hatten, findest du einleuchtend. Wenns um Geldgeschäfte geht, ist Geschwindigkeit Trumpf. Wer als erster weiß, wie die Aktien stehen, kann ordentliche Gewinne machen. Da ist es auch plausibel, dass die Nachrichtenagentur Reuters noch heute 90 Prozent ihres Umsatzes mit Aktienhandel macht. Das Nachrichtengeschäft ist nur Beifang. Beifang wie die großen rauschenden Zeitungen. Letztlich sind auch sie nur Gelddruckmaschinen.

Manchmal ist es ganz erhellend, mit der Welt zu fremdeln, findest du doch auch.

Gedränge im Oberstübchen

Kennst du das, wenn du den Kopf voller Gedanken hast und alle wollen gleichzeitig raus, keiner will dem anderen den Vortritt lassen, und am Ende purzeln alle durcheinander? Ein Wunder, dass sie diesen hier haben passieren lassen, weil er quasi außer Konkurrenz lief. Metakommunikation ist Kommunikation über die Art und Weise der Kommunikation. Also durfte nur dieser Metagedanke raus, der über das Gedränge an der Pforte zum Schreiben mich zu Schreiben veranlasste. Vielleicht, so hängte sich ein Hintergedanke an, vielleicht kann ich ohne Aufhebens trotzdem schreiben, was da drängt, indem ich vorgebe über etwas ganz anderes zu schreiben, und siehe da, die Gedanken besinnen sich und nehmen geordnet Aufstellung wie einst die Kinder auf dem Pausenhof, um ganz gesittet paarweise in den Klassenraum zu gehen. Ja, das hätte funktionieren können, wenn nicht ein Rüpel in der ersten Reihe heimtückisch den Hacken nach innen gesetzt hätte, wodurch alle hinter ihm ins Stolpern kamen. Und einen gestolperten Text will ich der geehrten Leserschaft nicht zumuten.

So gibt es also nichts über eine Wiederbegegnung nach 20 Monaten zu lesen, nichts über die Tauben des Bankkaufmanns Julius Reuter im Taubenschlag der Aachener Pontstraße, Hausnummer 117, nichts über die Frage, ob meine Rede „wieder magischer Realismus“ sei. Auch nichts darüber, dass ich im Traum einen mutwillig in alle Einzelteile zerlegten Schrank zusammenbauen musste, was mir schier nicht gelingen wollte. Sogar nach dem Erwachen hatte ich noch ein schlechtes Gewissen, dass ich den Schrank in Einzelteilen zurückgelassen hatte. Aber was geht mich der Schrank an? Meiner wars nicht.

Mallinckrodt

Wieder war aus dem Nichts ein Streit entbrannt. Er war sich keiner Schuld bewusst. Der Grund war ihre finstere Gesinnung, die sie in regelmäßigen Abständen überkam wie ein grässlicher Fluch, gegen den kein Kraut gewachsen war. Ein Glas mit Rotwein hatte sie gegen die Wand geworfen. Wie der Weinflecken sich blutrot über die Tapete verbreitete, überkam ihn ein bodenloser Grimm, schlimmer noch ein heftiger Grell. Da war dieser Wunsch zu wüten. Blitze zuckten vor seinen Augen, ein Wetterleuchten der Explosionen und Entladungen in seinem Kopf. Er kannte sich nicht mehr, hatte derlei noch nie verspürt. Als wäre die Haut der Zivilisation ihm vom Leib gerissen worden und hätte das Tier bloßgelegt, seine finstere Schattenseite. Zu ihrer eigenen Sicherheit packte er sie beim Oberarm und setzte sie vor die Tür. Mit zitternden Fingern legte er eine CD dieser vier durchgeknallten finnischen Cellisten ein, startete „Path“ und drehte die Lautstärke auf, so weit, dass diese gewalttätige Musik sich irr an den Wänden stieß, wo es ihr nicht gelang hinaus zu fliehen auf die nächtliche Straße, und ihm war als würde die Tür, die er hinter ihr zugeknallt hatte, noch immer in ihrem Rahmen schwingen. Diese Musik zu hören, war Teufel mit Belzebub auszutreiben. Wie die vier Musiker im Video einen Kampf ausfechten mit ihren schier übermächtigen Schatten, so kämpfte auch er die Schatten in sich nieder.

Und tatsächlich gelang es ihm, sich zu beruhigen, ja es erheiterte ihn die Erinnerung an ihr verblüfftes Gesicht, als er sie wortlos vor die Tür geschoben hatte. Noch immer lief Path und da kam ihm wieder dieser Unheil verkündende Name in den Sinn: „Mallinckrodt.“ Er wusste nichts damit anzufangen, hatte keine Ahnung, von wo ihm das Wort zugeflogen war. Vorne erinnerte es schwach an das lateinische malus für schlecht, böse, aber das auslautende -rott war zuverlässig die Bezeichnung für Rodung. Noch zur Römerzeit war das Land von dichten, schier undurchdringlichen Wäldern überzogen. Da bot jede Lichtung die Gelegenheit aufzuatmen, den Himmel zu sehen und in die Sonne, ans Licht zu treten. Es muss natürliche Lichtungen gegeben haben in der Welt unserer Vorfahren. Doch für die meisten hat man Brände legen, Bäume fällen und Wurzeln ausgraben müssen, ein hartes und mühsames Unterfangen. Warum sollte eine solche Lichtung als böse verschrien sein? Weil dort Böses geschehen war? Was geschah in Mallinckrodt? Warum kam ihm dieses unheilige Wort in den Sinn, wann immer er Path von Apokalyptica hörte?