Automat, komm sprich mit mir!

Manchmal sind Wörter besonders faszinierend, bei denen man sich verlesen hat. Lang ist’s her, da hatte ich einen Kollegen mit Sprachfehler. Er war Buchdrucker und bediente die große Rotationsmaschine. Einmal glaubte er, im satirischen Magazin Pardon das Wort „Karwenmänner“ gelesen zu haben, kam in die Setzerei, mit dem Finger auf der aufgeschlagenen Zeitschrift, um sich mit mir über die „Ka-ka-kar-wenmänner“ zu amüsieren. Da stand aber nicht das seltsame „Karwenmänner“, sondern „Kaventsmänner“, was übertragen viel Großes und Dickes meinte. Eigentlich ist Kaventsmann der seemännische Ausdruck für eine Riesenwelle, so hoch und schwer, dass sie ein Schiff überrollen und zum Kentern bringen kann.

Zu dieser Zeit lag meine damalige Liebste im Krankenhaus. Früher gab es in Krankenhäusern strenge Besuchszeiten. Damit ich sie täglich besuchen konnte, erlaubte mir mein Chef einen Teil der Arbeitstunden auf den späten Abend zu verlegen. Ich hatte eigentlich nie viel zu tun. Was an Arbeit anfiel, war am Vormittag zu schaffen. So stand ich abends in einer verlassenen Druckerei einsam zwischen den Setzkastenregalen und langweilte mich. Keine Maschine lief, kein Kollege kam vorbei, um mit mir über Karwenmänner zu lachen, und in dieser lähmenden Stille war nur das eintönige Brummen der Neonlampen über mir. Die Zeit wollte und wollte nicht vorbeigehen. Neben dem Eingang zum Druckereisaal stand ein klobiges schwarzes Telefon. So eines mit Wählscheibe. Man musste eine Eins vorwählen, um eine Leitung nach draußen zu bekommen.

Weil ich keine Uhr hatte, rief ich die Zeitansage an, wählte die Eins, wartete bis das Freizeichen kam und wählte dann 119, um an der Hörermuschel zu lauschen. Eine Frauenstimme sagte: „Beim nächsten Ton ist es 20 Uhr, 19 Minuten und 50 Sekunden.“ Aufgelegt, ein paar Schritte gegangen, wieder 119 gewählt: „Beim nächsten Ton ist es 20 Uhr 21 Minuten und 0 Sekunden. PIEP. Beim nächsten Ton ist es 20 Uhr 21 Minuten und 10 Sekunden.“ Die Zeit verging, wie mir schien, dadurch noch langsamer. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn die Dame angefangen hätte, rückwärts zu zählen, mindestens aber nicht über die Minute hinausgehen würde. Natürlich wusste ich, dass da am anderen Ende nicht das Fräulein vom Amt die Uhr ablas. Aber die mechanisierte Stimme bot mir in dieser großen, menschenleeren Druckerei zumindest die Gewähr, nicht von Gott und aller Welt verlassen zu sein. So einfach bin ich gestrickt, dass mir diese kaum verborgene Illusion zum Trost reichen konnte.
Zeitansage anhören

Bei Lidl haben sie seit geraumer Zeit schon automatisierte Ansagen. Eine professionelle, wohl modulierte Frauenstimme sagt:

    „Sehr geehrte Kunden! Wir öffnen Kasse drei für Sie!
    Bitte legen Sie Ihre Ware auf das Kassenband!

    „Sehr geehrte Kunden! Wir schließen Kasse eins!“

„…für Sie!“, ergänze ich bei mir, weils hier geflissentlich weggelassen wurde. Die sehr geehrten Kunden könnten sich sonst veralbert vorkommen. Was man nicht automatisiert hat, ist: „Dankeschön für Ihren Einkauf!“ Es kommt noch immer papageienartig aus Kassierer- oder Kassiererinnenmund. Obwohl, es wäre zu überdenken. Manche vernuscheln die obligatorische Abschiedsformel auch und man versteht nur „Ka-ka-karwenmänner“. Da wäre so eine professionelle, wohl modulierte Frauenstimme vielleicht wirkungsvoller. Allerdings müsste das Personal dann in Playback geschult werden. Und man bräuchte auch eine Männerstimme, denn es wäre strange, wenn der Deutschrusse an Kasse vier plötzlich mit einer wohl modulierten Frauenstimmer reden würde. Es wäre aber auch befremdlich, wenn er den Mund zur Playbackansage bewegen würde, aber die Ansage gar nicht käme, weil der verantwortliche Computer sich aufgehängt hat, bzw. sein Programmierer.

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13 Kommentare zu “Automat, komm sprich mit mir!

  1. Kennst du Korinthensänger? Ich auch nicht. Niemand kennt die. Aber Oma sprach immer von denen, wenn sie ihre Weihnachtspyramide aufstellte. Nach Jahren kam ich drauf, dass die Kerle eigentlich „Kurrendesänger“ heißen. Ich glaube, die hätten sich mit den Karwenmännern gut verstanden. Sie klingen ähnlich weihnachtlich.

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    • Kurrendesänger waren mir neu, gehören aber wohl in den evangelischen Glauben. Ich komme aus einer katholischen Region. Zum Weihnachtlichen passt der Witz des Kindes, das ein Krippenbild gemalt hat mit Jesuskindlein, Maria und Josef, Ochs und Esel und über allem ein großes lachendes Gesicht. Befragt, was das denn sein solle, sagt das Kind: „Das ist doch Owi!“ „Wie Owi?“ „Der aus dem Lied Stille Nacht: … Gottes Sohn, O wie lacht.“

      Gefällt 2 Personen

      • Einer meiner Lieblingswitze, danke Jules…er war irgendwo in einer meiner Kramschubladen und Feldlilie Danke für die Kurrendesänger, mir sind sie durch Erzählungen meines evangelisch getauften Vaters ein Begriff.
        Die Zeitansage habe ich auch schon mal in einem akuten Einsamkeitsanfall angerufen. Danach wurde es noch schlimmer und bei die Seelsorge war wie immer wenn man sie einmal im Leben echt gut brauchen könnte, selbstredend dauerbesetzt. Nach 150 mal wählen gab ich auf und bügelte lieber Geschirrtücher bis vier Uhr morgens. Der Sauberduft half mir so gut wie Seelsorge und endlich wurde mir wieder wärmer ums Klamme Gemüt. Kaventsmann – ich mag dieses Wort wie so viele andere aus dem Seemanslatein…
        „Jemandem etwas ‚verklickern“ mag ich auch.
        Liebe Grüße,
        Amélie

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  2. Bei der letzten Kaffeerunde berichtete eine meiner Tanten von einer seltsamen Krankheit, von der sich ihre kleine Enkelin befallen fühlte. Es handelte sich um den schmerzhaften „Trüffelpilz“. Die Mutter konnte sich nicht vorstellen, wovon das Kind spricht, bis die Oma schließlich durchblickte. Es war das Trommelfell. 😊

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      • Zum Thema Verlesen: Einmal las ich bei einem Stadtbummel:

        „Wirsch ließen“

        in einem Schaufenster. Die Sonne spiegelte sich im trüben Fensterglas, und ich musste zweimal hingucken, um den Text zu erkennen. Was für eine seltsame Botschaft.

        In Wahrheit hat dort natürlich „Wir schließen“ gestanden. Und ich habe nicht einmal zwei Minuten gebraucht, um dahinter zu kommen.

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  3. Die Zeitansage gehörte in eine Welt, in der die genaue Uhrzeit nicht für jeden ständig verfügbar war. Uhren gingen vor oder nach und das schadete wohl auch nicht. Jetzt schaut man auf das Display des Handys. Manchmal aber erwische ich mein Handy bei einer völlig falschen Zeit. Dann sputet es sich.

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    • Schon vor einer Weile habe ich wo gelesen, dass im Privaten die genaue Uhrzeit nicht mehr wichtig ist. Verabredungen beispielsweise können dynamisch gestaltet werden, da ersetzt das Smartphone die Uhr. Dein Handy scheint überdies magisch in der Zeit zu agieren.

      Liken

  4. Den Kaventsmann kenne ich aus dem Ruhrgebiet. Ich dachte das wär Bergmannssprache. Oder ist das da der „Oschi“? Für Freunde der Verhörer empfehle ich Axel Hackes „Der weiße Neger Wumbaba“. Mein Lieblingsverhörer hatte ich bei Reinhard Meys Lied „Annabell“ in dem er sich über das Vokabular der 68er lustig macht. Ich hörte immer „süße Krakawuhlpartie“ und kam erst nach intensiven Marxismusstudien darauf, dass es „süßer Auswuchs kranker Bourgeoisie“ heißen sollte.

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    • Danke für deinen Kurzbericht. Die Zeitansage der Bundespost unter 119 war kostenlos. Heute kostet jedes Anwählen der telefonischen Zeitansage 0,20€. Die Rufnummer bei der Telekom ist 0180-4-100100. Falls du mal in Verlegenheit kommst, liebe Mitzi.

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