Nützliche Betrachtung einer Wiese

Wenn ein Kind eine Wiese malen will, dann taucht es den Pinsel in grüne Farbe und malt eine Fläche aus. Im Vergleich mit der realen Wiese ist das eine ahnungslose Abstraktion, die Reduzierung auf ein hervorstechendes Merkmal. Physikalisch verhält es sich so: Das Gras der Wiese, soweit sie nicht vertrocknet ist wie heuer, das Gras einer saftigen Wiese absorbiert vom Sonnenlicht alle Farben des Spektrums und reflektiert das Grün, das wir sehen, weshalb Grün die einzige Farbe ist, die die grüne Wiese nicht hat.

Noch abstrakter als die gemalte Wiese ist unsere sprachliche Erfassung der Welt. Wir hängen an den differenzierten Mikrokosmos das Etikett „Wiese“, als wäre damit alles gesagt. Überhaupt, die Erscheinungen mit Begriffen zu belegen, gleichsam Namensschildchen daran zu kleben wie Gras, Wiese, Teichrose, mein Schuh kommt mir dreister und ignoranter vor, als würde ein vermeintlich blinder Maulwurf seine Schaufelhändchen in Fingerfarbe tauchen und einen Spaten malen. Ja, der Maulwurf hat tatsächlich Händchen, Klauen mehr, obwohl uns sein Name glauben macht, er würde die Erdhügel in der Wiese mit dem Maul aufwerfen.

Unsere Ahnen hatten dem Tier noch den Namen mūwerfo (ahd.) ‚Haufenwerfer‘ angehängt. Die plappernden Nachfahren machten daraus „Moltwurf“ (mhd.) ‚Erdwerfer‘, und in jüngerer Zeit wurde daraus ‚Maulwurf‘. Aber schon die althochdeutsche Bezeichnung tat dem Tierchen Unrecht. Denn sein Leben ist keinesfalls Haufen werfen. Es spielt sich unter der Erde ab und ist Gangsysteme zu graben auf der Suche nach Nahrung. Haufenwerfer, das ist die von Interessen geleitete Außensicht des Menschen. Viel mehr leistet unsere Sprache nicht, als von Interessen geleitete Etiketten der menschlichen Außensicht zu bieten.

Als ich klein war, erlebte ich, wie mein Großvater im Garten mit dem Spaten auf den „Moterhofd“ lauerte und in den Erdhaufen stach, wenn er sich hob, ganz im Bewusstsein, dass die menschliche Sicht auf die Welt die rechte und richtige sei. Ich glaube, es ist die verschleiernde Wirkung der Sprache, dass viele Menschen ihr Sein in der Welt nie in Zweifel ziehen. Ob mein Großvater das später mal getan hat, wenn er schweigend in seinem Lieblingssessel saß und mit den Fingern auf der Armlehne trommelte, weiß ich nicht. Fingerklimpern soll ja den Geist beflügeln.

3 Kommentare zu “Nützliche Betrachtung einer Wiese

  1. „Farbe“ ist selbst ein Begriff und bezeichnet das, was nicht absorbiert, sondern reflektiert wird, jedenfalls für die menschliche Anschauung. Die Wiese hat (für uns) die Farbe Grün. Gibt es eine Farbe, die die Wiese „an sich“ hat, also ohne unsere Anschauung? Das werden wir wohl nie herausbekommen, allerdings wissen wir, das bestimmte Insekten mit einem anderen Farbspektrum andere Farben sehen. Farbe ist also nichts, was den Dingen eigen ist, sondern was das jeweilige Auge sieht.
    Das soll kein Widerspruch sein zu dem, was Du weiter ausführst, im Gegenteil, ich stimme Dir zu: Das menschliche Maß ist allzuschnell bereit, sich für das Maß aller Dinge zu halten.

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    • Weil Farben ein Element unserer Anschauung sind, glaube ich nicht an eine „Farbe an sich.“ Das dachte ich spontan, aber dann fiel mir auf, wenn ich die „Farbe an sich“ bestreite, weil sie ohne Wahrnehmung nicht da ist, bestreite ich eine von der Wahrnehmung unabhängige physikalische Realität. „Farbe an sich“ könnte die gemeinsame Schnittmenge sein, die sich aus der Wahrnehmung verschiedener Spezies ergibt aber wäre das nicht nur die Addition, mithin Steigerung der Subjektivität, ohne dass sich eine Objektivität ergeben würde?
      Wenn Intersubjektivität keine Annäherung an Objektivität mit sich bringt, dann vielleicht, weil Objektivität nicht mehr als eine Fiktion ist. Wie aber können wir etwas wahrnehmen, das gar nicht existiert? Mit deiner Frage nach der „Farbe an sich“ kommt man auf seltsame gedankliche Wege. Hoffentlich gibt es einen „Weg an sich.“ 😉

      Liken

      • Leben wir in einer „richtigen“ oder in einer illusorischen Welt – diese Frage würden die meisten wohl mit „Natürlich in einer richtigen“ beantworten, allein, weil die Vorstellung einer illusorischen Welt unangenehm ist. Aber warum eigentlich? Wenn innerhalb eines illusorischen Weltsystems die Kontinuität gegeben ist, kann es uns egal sein, oder? Wenn es dagegen plötzlich von einem Tag auf den anderen kein Bier mehr gibt, weil die Kontinuität aus unerfindlichen Gründen abreißt, dann bin ich auch gegen die Illusion.;-)

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