Tote Taube – Ein winziges Abenteuer

Morgens gilt mein erster Blick aus dem Fenster dem allmählich rekultivierten Beet rund um den Spitzahorn vorm Haus. Was musste ich vor Tagen sehen? Wo schon allerhand Blumen gepflanzt sind, lag eine verendete Taube. Offenbar hatte ein Tier daran genagt, und so hoffte ich, in der Nacht werde es den Kadaver wegschleppen. Das geschah aber nicht, wie ich allmorgendlich feststellte. Obwohl ich auf dem Land aufgewachsen bin und ein Handwerk gelernt habe, bin ich alles andere als handfest. Böse Zungen behaupten, ich wäre zimperlich. Folglich war ich einigermaßen hilf- und ratlos.

Die tote Taube legte sich als Schatten auf mein Gemüt. Wie sie entfernen, ohne ihr zu nahe zu kommen? Am besten wäre es, ich hätte eine Schüppe. Am vergangenen Samstag habe ich mit meinem Unternachbarn eine schöne Hortensie gepflanzt. Ich hatte sie auf dem Markt gekauft, und er hat das Loch gebuddelt mit dem Spaten, den der andere Unternachbar zur Verfügung gestellt hatte. Den Spaten hatte ich aber am Samstag schon zurückgebracht.

Heute morgen nun war nötig, die Blumen zu gießen. Dann würde ich die tote Taube nicht länger ignorieren können. Wer zimperlich ist, sollte sich wenigstens zu helfen wissen. Ich hatte noch eine überflüssige Teleskopstange. An der wollte ich das Kehrblech befestigen, so dass ich die verwesende Taube aus der Distanz aus dem Beet heben könnte. Aber wohin dann damit? In die Biotonne? In den Hausmüll? Eher nicht.

Das Kehrblech befestigte ich mit zwei Kabelbindern und hatte nun eine vielversprechende Konstruktion. Ich füllt die Gießkanne und schritt, mit beiden bewaffnet, zur Tat. Der Kadaver war schon von Insekten umschwirrt. Ich schob das Kehrblech darunter und bekam ihn noch in einem Stück darauf und trug ihn hinüber zum Gebüsch am Fußweg, wo ich ihn entsorgte. Im Ahorn oben gurrte die andere Taube des monogamen Paars ihr eintöniges Klagelied. Ich hoffe, sie findet sich bald ab, jetzt, wo der Kadaver der Partnertaube nicht mehr zu sehen ist, denn das Klagelied klingt wirklich unschön. Teleskopstange und Kehrblech passten genau in unsere große Mülltonne. Hoffentlich macht die Müllabfuhr keinen Ärger.

4 Kommentare zu “Tote Taube – Ein winziges Abenteuer

  1. Gerade habe ich aus Reflex wieder mal ein winziges außerirdisches Raumschiff vernichtet, die besonders immer dann auftauchen, wenn in meiner Küchenzeile eine Zwiebel unbemerkt vor sich hingammelt. Womit ich sagen will: Du bist nicht der Einzige, der sich mit unangenehmen Alltagserscheinungen herumplagen muß. Das zum Trost (wenn es denn einer ist).

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