Nächtlicher Besucher

Der, mit dem ich die Kammer teilte, der Kamerad war nicht da. Überhaupt, so schien mir, den fehlenden Geräuschen nach zu urteilen, war ich allein auf der obersten Etage unterm Dach. Ausgeflogen war das ganze Volk, geflohen vor der Hitze. Die hatte sich dagegen im stillen Haus festgesetzt und mich mürbe gemacht. Ohne Licht zu machen warf ich mich nackt aufs klamme Bett. Die Tür zum Balkon stand weit offen in Erwartung des Gewitters, das Abkühlung bringen sollte. Bevor ich mich hinlegte, hatte ich fern am Himmel schon Wetterleuchten und zuckende Blitze gesehen.

Ein heftiges Krachen ließ mich erwachen. Das Gewitter war jetzt genau über mir. Ich fröstelte im Sturmwind, der durch die Balkontür hereinfegte und von innen an der Zimmertür rappelte. Noch im Halbschlaf kroch ich unter die Decke. Und plötzlich war mir, als würde der Herr des Sturms persönlich in der Balkontür stehen. Er war eine einzige Sturmböe, ganz aus Luft gemacht. Und stand einfach da, schien niemanden zu sehen. Mein Bett war direkt beim Fenster und das Bett in Blickrichtung verwaist. Vielleicht war er gar nicht meinetwegen gekommen, sondern suchte den Kameraden. Was wusste ich schon über ihn? Ein Schnauben ging wie eine Stoßwelle durch die ganze Kammer, dann trat der Sturm zurück und war weg. Der erlösende Gewitterregen ging nieder.

Augenblicklich schlief ich wieder ein.

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2 Kommentare zu “Nächtlicher Besucher

  1. Guten Morgen, lieber Jules,
    Der Sturm ist ein beeindruckender Besucher, das ist wohl wahr. Hier im Fünften, in meinem tinyflat, singt der Wind nachts oft Lieder. In Dänemark lehnte ich mich vor gefühlt tausend Jahren mal an den Wind und wollte umfallen wie ein Tränensack – doch er hielt mich mit substanzlosen Armen fest.
    Wenn allerdings der Wind beginnt zu brüllen statt zu singen, macht er mich vor Schreck taubstumm.
    Doch pfeifen, ja, das darf er. Dann dreh ich mich auch nach ihm um.
    Komm gut durch den Montag und liebe Grüße von Amélie

    Gefällt 1 Person

    • Hallo, liebe Amélie,
      dein „tinyflat“ liegt also in der fünften Etage. Das ist schon mächtig hoch. Da kratzt das Haus gewiss an Winden, von denen der gemeine Erdbewohner nur eine Ahnung hat, wenn ihm unten am Gebäude ein Fallwind die Haare strubbelt. Brüllende Winde hörte ich selten. Im,französischen Zentralmassiv haben die Kamine Wolfsziegel, las ich, die bei bestimmter Windrichtung zu pfeifen beginnen, womit sie vor dem Eintreffen der Wölfe warnen.
      Einen schönen Start in die Woche
      wünscht Jules

      Gefällt 1 Person

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