Mallinckrodt

Wieder war aus dem Nichts ein Streit entbrannt. Er war sich keiner Schuld bewusst. Der Grund war ihre finstere Gesinnung, die sie in regelmäßigen Abständen überkam wie ein grässlicher Fluch, gegen den kein Kraut gewachsen war. Ein Glas mit Rotwein hatte sie gegen die Wand geworfen. Wie der Weinflecken sich blutrot über die Tapete verbreitete, überkam ihn ein bodenloser Grimm, schlimmer noch ein heftiger Grell. Da war dieser Wunsch zu wüten. Blitze zuckten vor seinen Augen, ein Wetterleuchten der Explosionen und Entladungen in seinem Kopf. Er kannte sich nicht mehr, hatte derlei noch nie verspürt. Als wäre die Haut der Zivilisation ihm vom Leib gerissen worden und hätte das Tier bloßgelegt, seine finstere Schattenseite. Zu ihrer eigenen Sicherheit packte er sie beim Oberarm und setzte sie vor die Tür. Mit zitternden Fingern legte er eine CD dieser vier durchgeknallten finnischen Cellisten ein, startete „Path“ und drehte die Lautstärke auf, so weit, dass diese gewalttätige Musik sich irr an den Wänden stieß, wo es ihr nicht gelang hinaus zu fliehen auf die nächtliche Straße, und ihm war als würde die Tür, die er hinter ihr zugeknallt hatte, noch immer in ihrem Rahmen schwingen. Diese Musik zu hören, war Teufel mit Belzebub auszutreiben. Wie die vier Musiker im Video einen Kampf ausfechten mit ihren schier übermächtigen Schatten, so kämpfte auch er die Schatten in sich nieder.

Und tatsächlich gelang es ihm, sich zu beruhigen, ja es erheiterte ihn die Erinnerung an ihr verblüfftes Gesicht, als er sie wortlos vor die Tür geschoben hatte. Noch immer lief Path und da kam ihm wieder dieser Unheil verkündende Name in den Sinn: „Mallinckrodt.“ Er wusste nichts damit anzufangen, hatte keine Ahnung, von wo ihm das Wort zugeflogen war. Vorne erinnerte es schwach an das lateinische malus für schlecht, böse, aber das auslautende -rott war zuverlässig die Bezeichnung für Rodung. Noch zur Römerzeit war das Land von dichten, schier undurchdringlichen Wäldern überzogen. Da bot jede Lichtung die Gelegenheit aufzuatmen, den Himmel zu sehen und in die Sonne, ans Licht zu treten. Es muss natürliche Lichtungen gegeben haben in der Welt unserer Vorfahren. Doch für die meisten hat man Brände legen, Bäume fällen und Wurzeln ausgraben müssen, ein hartes und mühsames Unterfangen. Warum sollte eine solche Lichtung als böse verschrien sein? Weil dort Böses geschehen war? Was geschah in Mallinckrodt? Warum kam ihm dieses unheilige Wort in den Sinn, wann immer er Path von Apokalyptica hörte?

 

5 Kommentare zu “Mallinckrodt

  1. Puh, Bangen mit langen Haaren verursacht vorübergehende Blindheit und höchst angenehmes Gedankengepurzele. Nur Idioten und Deppen lassen ihren Gefühlen freien Lauf, schimpfte ein Freund kürzlich schriftlich und ich dachte: kommt auch drauf an, was für Gefühle, hm…?. Die hellen, dürfen die nicht bangen zu hipper Mucke mit Krachgitarren? Bisschen Pogo geht doch immer?
    Der schöne Rotwein. Hoffentlich kein wertvoller… Und das Glas erst? Und die weiße Tapete? Da muss erst einmal die Wuttreppe her: also ab die Post sofort raus vor die Tür mit der Wütedame, befiehlt die Supernanny.
    Alle reden immerfort von männlicher Gewalt. Doch selten lese ich etwas von weiblicher Gewalt: dabei randalieren Frauen genauso wie Männer, nur nennen sie das dann anders: nämlich Nervenzusammenbruch und das verlangt nach einem Verständnis, weil es eben krank und nicht einfach nur nach unbeherrscht, hilflos und schwach klingt.
    Gestern erzählte mir einer von einer, die starr und stumm wie Lots Salzsäulenehefrau neben ihm lag.
    Hatte sie wohl Bodum und Gomeras Untergang mit ansehen müssen?
    Oder lag es daran, dass er nicht Lot hieß…?
    Sowas schauert mir Gruftgänsehäute.
    Dann lieber bangen und den vier genial durchgeknallten Cellisten von Apokalyptica lauschen.
    Die klingen so verführerisch ungewöhnlich und lebendig.
    Liebe Grüße von Amélie

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    • Weibliche Gewalt gibt es, man hört nur selten davon, aber das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass häusliche Gewalt wie Gewalt überhaupt überwiegend Männersache ist. Doch Dinge an die Wand zu werfen, scheint mir ein Frauending zu sein. Ich habs mehrfach erlebt. Besser das als eine, die starr und stumm im Bette liegt. Fast wäre ich reingefallen auf Bodum und Gomera, liebe Amélie. Bodum ist doch dieser Kaffeebereiter und Gomera die Insel der Pfeifsprache El Silbo. 😉
      Lieben Gruß, Jules

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      • Es geht um Gewalt, die kann viele Formen annehmen und sie ist immer bedrohlich. Könnte nicht selbst ein Schweigen nicht nur sowohl gewaltig sein als auch Gewalt wie einen Schlag erzeugen – in einer indirekten Form?
        Worte können Gewalt sein, schon ein Gewaltgedanke bereitet den Pfad zur Tat.
        Path- perfekter Musik-Titel zu Deinem Text.
        Mir sind schon seit immer hübsche zerbrechliche Dinge und Sachen viel zu schade zum Schmeißen.
        Meine alte schwarze Porzellankatze war ein Geschenk meiner ersten großen Liebe. Ich bettete sie ganz sanft in den Restmülleimer.
        Liebe Grüße,
        Amélie

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  2. Pingback: Lehrer Schulz wäre begeistert

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