Ich möchte Hintertupfing lesen

Der US-amerikanische SF-Film Soylent Green von 1973 spielt im New York des Jahres 2022, für uns übermorgen. Die Hauptfigur, einen Polizisten, sieht man gelegentlich einen in der Stadt aufgehängten Kasten aufschließen und mit einem sich darin befindlichen Telefonhörer mit seiner Dienststelle telefonieren. Im Jahr 1973 war an Mobilfunk noch nicht zu denken. Das Beispiel habe ich oft vor Augen. Es ist dies Retro-Futurismus, eine Vorstellung von Zukunft, die niemals war.

Es gibt neben dieser filmisch-künstlerischen Umsetzung überkommener Ideen auch Ideen, die sich überholt haben und niemals dargestellt werden. Eine dieser Ideen hege ich seit langem und musste letztens feststellen, dass sie von der technologischen Entwicklung überrollt worden ist. Noch gar nicht in der Welt und schon plattgemacht.

Folgendes: Es geht um die Bahnhofsschilder (auch Stationsschilder), die in Bahnhöfen parallel und entlang der Bahngleise aufgestellt sind. Die Bahn hat sie an den meisten Stationen formal vereinheitlicht in Farbgebung, RAL 5023 Fernblau, und Schrifttype DB Type, für die Bahn entworfen von Erik Spiekermann und Christian Schwartz. Es handelt sich bei der DB Type um eine serifenlose Linearantiqua, in Deutschland auch Grotesk genannt. Ähnliche Schriften werden in ganz Europa auf Hinweisschildern verwendet, waren in Deutschland ursprünglich nach DIN 1451 gestaltet. Es geht, wie man sich denken kann, um Eindeutigkeit, Fernwirkung und gute Lesbarkeit.

Wenn ich Bahn fahre, dann meistens im Fernverkehr, so dass der Zug, in dem ich sitze, nur in größeren Bahnhöfen hält. Während der Zug durch die Landschaft sauste, als hätte er sich von der irdischen Welt in eine andere Dimension entzogen, während manche Reisenden nicht mal hinschauen, bedauere ich die unsoziale Missachtung der Welt da draußen. IC- und ICE-Züge fahren Menschen über die Köpfe der anderen hinweg. Sie entfernen die Menschen voneinander, obwohl sie verbinden. In den verschmähten Ortschaften ist auch menschliches Leben, wird geliebt, gehasst, sich erfreut oder gelitten, und mich hat schon immer interessiert, wie diese Orte heißen. Da aber die Fernzüge derart schnell an den Stationsschildern vorbeirauschen, ist die Entzifferung kaum möglich, obwohl sie doch aufgestellt sind, um Reisende zu informieren. Denn wer in Hintertupfingen lebt, muss nicht am Bahnhof nachschauen, wie sein Heimatort heißt. Lediglich wer versehentlich dort aussteigt, wäre dann die Zielperson des Stationsschildes und könnte ausrufen: „Was? Ich bin in Hintertupfingen?! Hätte ich nie gedacht! Hintertupfingen! So so!“

Hintertupfingen kann nicht lang genug sein – Grafik/Gifanimation: JvdL


Meine Idee also wäre, aus den Stationsschildern Anamorphosen zu machen, sie so zu strecken, dass man sie auch im Vorbeisausen lesen könnte. Billiger wäre freilich, mindestens ein Schild einige hundert Meter vom Gleis weg aufzustellen. Dann wäre es auch zu lesen. Während ich also erneut darüber nachdachte, meldete mein Smartphone eine einkommende Email. Bei der Gelegenheit rief ich Google maps auf und fand dort die ganze Gegend angezeigt, in der ich mich gerade befand.

Also meine anamorphosischen Stationsschilder sind quasi überflüssig wie die eingangs erwähnten Telefonblechkästen. Aber immerhin ist die Sache jetzt mal dargelegt, als „Produkt“ der Konzept-Art.

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