Ferne Rufe (4) – Keine Zeit

„Natürlich sind Sie in Ihrer Jugend eine ranke Schönheit gewesen, gnädige Frau. Ich habe nichts anderes gedacht.“

Sie schob mit ihrem Rollator näher heran. „Du hast gar nichts gedacht. Hast mich gar nicht gesehen, sondern nur den Rollator. In deinem Kopf ist ein vielstimmiges Durcheinander“, sagte die einstmals schöne Frau. „Und menschliche Postenketten! Was für eine alberne Idee! Du hast das Sprachproblem selbst eingewandt. Aber auch ohne das wäre die Nachrichtenübermittlung mit Rufposten absurd. Denke nur an das Stille-Post-Syndrom!“

„Möglicherweise hat man eine allgemeingültige Postenketten-Gemeinsprache, die auf wenige Lautzeichen reduziert ist, vergleichbar der Pfeifsprache El Silbo auf Gomera. Das würde den Einwand entkräften“, sagte ich.

„Selbst wenn, wo und wovon sollen die Posten leben, die außerhalb von Ortschaften in Wüsten und steinigen Einöden, auf Gebirgszügen oder in Schluchten stünden?“, fragte sie. Es wäre eine gigantische Infrastruktur erforderlich wie damals bei den Semaphoren, und das nur, um die baldige Ankunft eines unseligen Wanderers zu melden.“

„Semaphoren?“

„Die vergessene optische Telegrafie. In alter Zeit“, fuhr sie fort, „haben in unserer Gegend Signaltürme gestanden, etwa fünf Kilometer voneinander entfernt. Sie waren besetzt mit zwei Telegraphisten in königsblauen Uniformen, einem Ober- und einem Untertelegraphisten. Alle zwei Minuten hat der Obertelegrafist durch ein Fernrohr in der Turmwand den Signalmast auf dem Nachbarturm angeschaut. Wenn sich die Signalblätter verstellt haben, hat er diese Stellung dem Untertelegraphisten zugerufen. Der hat die Signalhebel an einem Gestänge bedient, das durch die Decke der Turmstube hinauf strebte zum Mast mit den Signalarmen. Jeden Morgen wurde die Nachricht B4 gesendet, was bedeutete „die Uhren werden gestellt!“ B4 flog vom Königspalast heran. Dass die Zeit gesendet wurde, war gleichsam der Weckruf für die Türme.“

„Musste die Zeit gesendet werden, weil man sonst keine hatte, also quasi zeitlos war?“

„Nein, es gab Zeit genug. Sie war nur von Ort zu Ort verschieden. Die Leute stellten die Kirchturmuhren nach dem Sonnenlauf. Aber für die Nachrichtenlinie brauchte man eine Einheitszeit. So lebten die Menschen der Türme in der Zeit des Königs, während in den Ortschaften ringsum die gottgegebene Zeit galt. Ich habe“, fuhr die Alte fort, „einen solchen Turm mit eigenen Augen gesehen, bevor die Signaltürme von aufgebrachten Bürgern gestürmt und niedergelegt wurden. Die Infrastruktur dieser Nachrichtenlinie war einfach aber ausgefeilt. Da die Türme auf Hügeln und Anhöhen standen, abseits von jeder Ansiedlung, hatte jeder der einsamen Türme ein Wohnhaus für die Telegraphisten und ihre Familien. Da gab es auch Stallungen und einen Garten, so dass man weitgehend autark lebte. Nur manchmal liefen die Frauen ins ferne Dorf hinab, um die Dinge zu kaufen, die Weiber für eine gute Hauswirtschaft brauchen. Schon damals ist das Phänomen bekannt gewesen, dass die Kunde von den herannahenden Frauen ihnen voraus geeilt war, so dass sie schon in den Läden erwartet und frostig empfangen wurden. Man sah in ihnen die Abgesandten der verhassten Türme.“

„Wieso waren die Türme verhasst?“

„Die Telegrafenlinie verstieß gegen alles Menschenmaß, und die Leute fanden es ungehörig, dass über ihre Köpfe hinweg Nachrichten ausgetauscht wurden. Es war verpönt, wie ihr nicht mögt, wenn hinter eurem Rücken getuschelt wird. Man sah in diesen Türmen eine feste Einrichtung des Tuschelns, der königlichen Flüsterpost, die nur verstehen konnte, wer wusste, was die geheimen Signalzeichen bedeuteten. Es wurde ja nicht nur gemeldet, wo ruhelose Männer sich gerade aufhielten wie Ahasver oder Melmoth, der Wanderer , der seine Seele dem Teufel verpfändet hat, um zu wissen.“

Plötzlich fährt ein heftiger Windstoß durch die Baumwipfel des Parks, bauscht und zerrt sie, dass ein gewaltiges Rauschen ertönt, ja, und nachdem der Sturm von den Bäumen abgelassen hat, dreht er noch mutwillig eine Runde auf der Wiese, so zu sehen an just abgerissenen Blättern, die wie toll im Kreis gewirbelt werden. Sollte am Ende der Wind die Nachrichten weiter tragen? Es heißt ja schon im Lied: „Der Wind hat mir ein Lied erzählt.“


„Wind, Hugin und Munin, Brieftauben, Postenketten, Semaphoren, das alles sind überflüssige Ideen. Alle Information ist schon immer in der Welt; man muss sie nur richtig zu lesen verstehen“, sagte die Alte und schob durch die Mauerpforte davon.
„Du denkst total mechanistisch“, rief sie noch.
„Sagt eine, die sich mit dem Rollator fortbewegt.“

Fortsetzung

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4 Kommentare zu “Ferne Rufe (4) – Keine Zeit

  1. Oh, wie habe ich das Spiel „Flüsterpost“ geliebt! Allerdings wurde es zunehmend albern in der Pubertät, wenn der/die erste einen sexuell konnotierten Begriff nannte, der dann vor lauter peinlichkeit absichtlich falsch verstanden wurde 😉

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    • „Flüsterpost“ habe ich nur von seiner hässlichen Seite gekannt. Bei der Bundeswehr mussten wir am Waldrand Schützenlöcher graben und drin sitzen. Dann wurden flüsternd Befehle durchgegeben, am Hang unten wäre der Feind. Als da plötzlich „feindliche“ Soldaten den Hang hoch stürmten, kam der Schießbefehl. Für mich der Anlass, erneut den Kriegsdienst zu verweigern.

      Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Ferne Rufe (3) – Öffentliche Gedanken

  3. Pingback: Ferne Rufe (6) – Schmerzende Flieger

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