Ferne Rufe (3) – Öffentliche Gedanken

Lautes Denken war mir schon vor dem Zusammenbruch der alten Zeit passiert und hatte mir sogar einen stillen Zwist eingebracht, und zwar mit der Frau von der Tankstelle, wo ich, als ich noch rauchte, gelegentlich mir Tabak geholt habe. Als ich die Frau nämlich zum ersten Mal gesehen hatte, brauchte ich nicht eine Sekunde für ein geringschätziges Urteil. Sie war Mitte bis Ende vierzig, recht groß und musste einmal eine blonde Kirmesschönheit gewesen sein. Sie kleidete sich noch immer wie eine Kirmesschönheit, was mich nicht gestört hätte, wenn die hautengen Jeans nicht gewesen wären. Diese Jeans nämlich schienen wie um ihren prallen Bauch herum geschneidert. Ein wenig von ihm hatte Platz, das Meiste dieses Bauches aber war durch die Jeans nach innen gequetscht, wodurch ihr gesamter Unterleib etwas steif Gepanzertes bekam. Gekrönt wurde dieser Anblick von einem martialischen Gürtel mit einer handtellergroßen Gürtelschnalle in Westernoptik. Das jedenfalls hatte mein ästhetisches Empfinden geschockt, nicht etwa die weißen falschen Fingernägel oder der hoffärtige Gesichtsausdruck der Frau.

Ich hatte das alles im Moment des ersten Anblicks wohl ziemlich laut gedacht. Jedenfalls war sofort zwischen uns alles schief gelaufen, was schief laufen konnte. Es begann damit, dass die Frau mich verächtlich ansah und partout nicht nach meinem Begehr fragen wollte. Ich wartete, doch sie war einfach hartnäckiger. Also gab ich nach und sagte ungefragt: „Van Nelle halbschwer und Canuma Blättchen, bitte!“

Sie drehte mir auf der Stelle den Rücken zu, nahm die Sachen aus dem Regal, knallte sie auf die Zeitschriften, die immer auf der Theke auslagen, nahm voller Verachtung meinen 10-Euro-Schein entgegen und zählte das Wechselgeld nah vor sich hin, so dass ich mich just dahin beugen musste, wo ich noch nicht einmal hätte hingucken wollen, wenn man mich vorher gefragt hätte: gegen ihren Panzerbauch.

Wenn ich „Danke“ und „Tschüss!“ sagte, war sie stets durch irgendwen oder irgendwas abgelenkt und überhörte meinen Gruß. Ich suchte den Grund für diese unangenehme Kaufsituation also bei mir und nahm mir vor, beim nächsten Mal besonders freundlich und charmant zu sein. Doch das würgte sie sofort durch ihr wortloses Angucken ab. Dann fluchte ich innerlich und sagte mir: „Verdammt, ich hab‘ der Tusse doch nichts getan!“

Hatte ich doch, denn ich wusste, dass meine Gedanken laut werden konnten. Bei der Kirmesschönheit waren sie durch eine gewisse innere Beteiligung laut geworden, aber hier im Park war die Situation völlig anders gewesen, als die Alte meine Gedanken gehört hatte. Es ging nicht um einen realen Eindruck, sondern um eine sexuelle Phantasie, die ich mir quasi nebenher gestattet hatte. Vielleicht bilde ich mir alles nur ein, vielleicht hat sie die Gedanken aus meinem Hinterstübchen gar nicht gehört, dachte ich und wandte mich wieder dem Buch zu, in dem ich seit Tagen las: „Die Handschrift von Saragossa. “ Etwas fesselte mich, ja, beflügelte augenblicklich meine Phantasie. Am Schluss des 17. Kapitel heißt es:

    „Der Kabbalist tat uns kund, er besitze Nachrichten vom Ewigen Juden. Dieser habe bereits den Balkan durchwandert und werde bald in Spanien eintreffen.“

Wie war das möglich? Auf welche Weise konnten die Nachrichten den Kabbalisten erreicht haben? Wer oder was eilte dem unseligen Wanderer Ahasver voraus und kündigte von seinem Kommen? Menschliche Postenketten, auf denen nächtens Botschaften weitergerufen werden? Aber hat man im Balkan derlei Postenketten aufgestellt? Hat nicht dort jede Region ihre eigene Sprache, so dass jedem Posten ein kundiger Diener beistehen müsste, der den nahenden Ruf übersetzen würde? Während ich noch darüber nachsann, kehrte das alte Frauchen durch die Mauerpforte zurück und schob mit seinem Rollator an mir vorbei bis hin zu den gelben Blumen. Plötzlich lachte es hell auf und sagte laut: „Eimer oder Kübel, das bleibt sich gleich!“
Und wie ich sie verdutzt anstarrte, ergänzte sie: „Ich bin auch einmal schön gewesen.“
Augenblicklich hatte ich das Bild einer aparten Schönheit vor Augen, wie sie sich mit nacktem Oberkörper, die Arme zum Himmel gereckt, wohlgefällig im Spiegel betrachtete.

Fortsetzung

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8 Kommentare zu “Ferne Rufe (3) – Öffentliche Gedanken

  1. Pingback: Ferne Rufe (2) – Eimer oder Kübel?

  2. Der Gedanke seine Gedanken immer unkontrolliert aussprechen zu müssen hat seinen Reiz. Jegliche Paranoia wäre überflüssig. Niemand wollte einen heimtückisch hintergehen, lediglich offen. Und wenn man von jedem Passanten auf seine Fehler hingewiesen würde, könnte man sich mit ihnen arrangieren oder gar Abhilfe schaffen. Ob Ohrfeigen von sexuellen Gedanken abbringen oder die freie Liebe ausbricht? Wirklich spannende Fragen.

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    • Mit „aussprechen müssen“ meinst du den tatsächlichen Sprechakt? Ich meinte eher den telepathischen gedanklichen Austausch. Hier wäre sicher auch eine Fertigkeit in der gedanklichen Selbstkontrolle nötig, vergleichbar der Selbstkontrolle bei Handlungen. Aber es wäre ein gutes Training der Empathie. Wenn beispielsweise ein Folterer die Schmerzen seines Opfers spürt, würde sich einiges bessern in der Welt.

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      • Der Gedanke des zwanghaften Aussprechens von Gedanken kam mir tatsächlich. Meinst du der Unterschied zur Telepathie ist wesentlich? Gedankenselbstkontrolle ist in beiden Fällen angesagt. Folter, um jemanden zum Reden zu bringen wäre auch überflüssig. Telepathie wäre zumindest leiser.

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  3. Pingback: Ferne Rufe (6) – Schmerzende Flieger

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