Ferne Rufe (2) – Eimer oder Kübel?

Es wurde nie eindeutig geklärt, wem die Spionvögel gehörten, wer ihre Kamerabilder und Tondateien empfing und welche Zwecke damit verfolgt wurden. Es gab Gerüchte. Konkretes wusste niemand. Der Kulturwissenschaftler Steffen Gaukler verwies darauf, von der Idee, Vögel als Spione auszusenden, werde schon in der Edda erzählt. Der germanische Göttervater Odin habe zwei Raben gehabt, Hugin und Munin. Sie wären täglich über die Lande geflogen, und wenn sie zurückkamen, landeten sie auf Odins Schultern, um ihm ins Ohr zu flüstern, was sie gesehen hatten. Der die Spionvögel gebaut habe, sei gewiss durch die Tausende Jahre alte Mär von Odins Raben inspiriert worden. Odinsvögel nannten wir sie darob.

Aber die Sache erübrigte sich. Aus heiterem Himmel und ohne jede weitere Vorahnung, wurden alle technischen Einrichtungen der Fernkommunikation mit einem Schlag lahmgelegt. Kein Smartphone funktionierte noch, keine Funkverbindung – mit Draht oder drahtlos, und die Computer waren nur noch Schrott. Die Odinsvögel, die wir noch nicht erwischt hatte, fielen tot vom Himmel. So endeten schlagartig jene unglücklichen letzten Tage, da die Welt von Karnevalsprinzessinnen, Büttenrednern und Horrorclowns regiert wurde. Es wurde erzählt, es sei über unseren Köpfen ein Cyberkrieg entbrannt. Die Chinesen hätten die Odinsvögel geschickt, deren zweite Generation auch gezielt töten konnte, und der Gegenschlag der Amerikaner sei um einiges zu heftig geraten. Wieder andere wussten, eine gigantische Sonneneruption habe einen Elektromagnetischen Impuls verursacht und alles lahmgelegt. Doch viele verfielen einer neuen Religion und beteten die Guten Aliens an, die im letzten Moment verhindert hätten, dass die Menschheit sich und den Planeten zerstörte.
Eine Weile herrschte Gewalt und Chaos.
Wir fielen trotzdem nicht in die Steinzeit zurück. Dazu war die Menschheit zu klug. Bis in die 1970-er Jahre waren wir ohne Computer gut ausgekommen, und dieser Zustand ließ sich zwar mühsam, aber doch annähernd wiederherstellen. Der Wegfall jeder Fernkommunikation ließ die Menschen zusammenrücken. Neue Ordnungen kleiner Strukturen bildeten sich aus. Sie konnten nicht größer sein als Menschenmaß. Steffen Gaukler hatte in alter Zeit bekanntlich über Cupidos Pfeil promoviert, hatte sich also wissenschaftlich mit rätselhaften Fernwirkungen beschäftigt und war darum in unserem Stamm ein gefragter Mann. Denn indem wir keine technischen Hilfsmittel der Fernkommunikation mehr hatten, schärfte sich unser sechster Sinn.

Ich saß schreibend im Park an meinem Lieblingsplatz nahe der Mauerpforte und erörterte bei mir, ob die Wörter „Kübel“ oder „Eimer“ passender wären für Gedanken, die zu obszön waren, als dass ich sie hätte niederzuschreiben gewagt. Plötzlich stand von der Nachbarbank ein altes Fräuchen auf und schob mit ihrem Rollator davon, als hätte sie genug von meinen Gedanken. Ich war ein wenig nach ihr bei den Bänken eingetroffen, hatte beobachtet, wie sie ihren Rollator rückwärts neben der Bankreihe einparkte und darauf Platz nahm, als gäbe es ein Verbot, sich einfach nach Belieben niederzulassen. Sie hatte ihre eigene Sitzgelegenheit stets bei sich, aber gesessen werden durfte nur, wo Sitzen durch öffentliche Bänke vorgesehen war. Jedenfalls hatte ich leise gegrüßt, als ich mich nebenan auf der Bank niederließ. Sie aber reagierte nicht, war offenbar schwerhörig oder taub. Natürlich arbeitete auch kein Hörgerät mehr, und ich dankte den Guten Aliens, dass meine Brille nicht elektronisch funktionierte, sondern einfach über geschliffene Linsen. Sie war also schwerhörig oder taub. Dass sie trotzdem meine schmutzigen Gedanken hatte hören können …

Fortsetzung

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