Ferne Rufe (1) – Wie Sie hören, hören Sie nichts

Ich gestehe, dass ich mich mordend an der Säuberung unseres Himmels beteiligt habe. Mit meinem Luftgewehr schoss ich 34 Vögel ab. Acht von ihnen waren Maschinen, die anderen 26 verbuchte ich unter Kollateralschaden. So endeten die Zeiten, wir Älteren erinnern uns, als es in den Baumwipfeln zwitscherte und tschilpte. Doch die Vögel sind ausgestorben. Andere sagen „wurden hingemordet.“ Aber es blieb uns keine Wahl, nachdem bekannt geworden war, dass viele Vögel in Wahrheit Maschinen waren, die Augen und Ohren verborgener Herrscher über die Vogelwelt. Ob ein Vogel ein harmloses Geschöpf Gottes war oder eine tückische Spionagemaschine mit Richtmikrophon und Hochleistungskamera, war vom Boden aus nicht zu erkennen gewesen, weshalb die gesamte Vogelwelt dem großen Morden zum Opfer gefallen ist. Was barbarisch klingt, ist pure Notwehr gewesen.

Es muss zu Beginn des Frühlings gewesen sein. Ein Pfeifen, Tschilpen, Tirilieren, ein Balzen und Nestbauen in den Bäumen rings um mein Haus, ich saß an meinem Arbeitsplatz, als plötzlich etwas mit Wucht gegen mein östliches Fenster flog. Nein, ich wollte mich nicht beim Schreiben stören lassen, als aber zum dritten Mal etwas gegen mein Fenster knallte, stand ich auf und guckte nach. Die Straße war leer, und gerade wollte ich mich wieder hinsetzen, da hüpfte aus dem Geäst vor dem Fenster eine Meise, flog stracks auf mein Fenster zu, knallte gegen die Scheibe und drehte wieder ab. Das ging eine Weile so weiter. Irgendwann war ich so genervt, dass ich das Fenster weit öffnete. Sollte der Vogel doch hereinkommen, wenn er so dringend wollte. Man hat ja schon verschiedentlich von tapetenfressenden Vögeln gehört. Als hätte ich damit einen Bann gebrochen, geschah dann gar nichts mehr. Erst als ich wieder saß, hörte ich unter meinem Fenster eine Frau hysterisch rufen: „Ich habe dir gesagt, du sollst tote Vögel nicht anfassen! Du sollst tote Vögel nicht anfassen!“ Eine Jungenstimme protestierte leise. Dann plötzlich Stille. Neugierig trat ich ans Fenster und schaute hinaus. Auf dem Gehweg unten hockte die schlanke Frau aus der Nachbarschaft neben ihrem kleinen Sohn. Ihr schwarzweiß gescheckter Hund an der langen Leine machte sich in unserem Beet zu schaffen, pinkelte den Baum an und scharrte, wo ich neue Blumen eingesät hatte. Aber etwas Anderes schockierte mich mehr. Der Sohn hielt den schlanken toten Vogel in der offenen Hand, dessen Genick offenbar gebrochen war, am baumelnden Köpfchen zu sehen, und die Mutter zerrupfte die kleine Meise mit der angewiderten Hingabe, mit der manche Frauen die Pickel ihrer Männer ausdrücken. Indem die Meise ihr Federkleid nach und nach verlor, zeigte sich ein mechanischer Körper.
„Was machen Sie da?“, fragte ich aus dem Fenster. Sie hob den Kopf und sagte:
“Ich packe was aus.“
„Was ist das?“
„Das weiß ich auch nicht, aber offenbar kein Vogel, eher sowas wie eine Drohne.“

Fortsetzung