Ich geh Leinau – Ein Hoch auf das Hannover Cünstler Kollektiv (HaCK)

„Ich geh Leinau“, war der Wortlaut meiner SMS an Konrad Fischer. Ich sandte sie gestern Abend von der Limmerstraße aus, wo wir eigentlich zum Limmern verabredet waren, aber niemand von HaCK zu sehen war. Was aussieht wie jugendsprachlicher Slang war dem Umstand geschuldet, dass ich keine Sitzgelegenheit fand und die SMS im Gehen geschrieben habe. Der Verzicht auf Präposition und Flexion hatte also praktische Gründe, vergleichbar der sprachlichen Verknappung in Kleinanzeigen oder dem Telegrammstil. Auf einer Fensterbank der Genossenschaftbäckerei Linden backt hätte ich sitzen können, aber ich sah dort jemanden, der den ganzen Tag vor Linden backt herumzuhängen scheint und mir letztens schon auf den Nerv gegangen war. Ich war am frühen Nachmittag dort gewesen und fand einen freien Platz an den Tischen unter der Markise. Neben mir saßen er und zwei weitere Müßiggänger beisammen, und ich wurde ungewollt Zeuge ihrer Unterhaltung. Es ging um gesellschaftspolitische Themen. Das meiste waren Allgemeinplätze, mit denen sie sich gegenseitig bestätigten, bei den Guten zu sein, die das Weltgeschehen von höherer Warte betrachten, aber mitunter schrammten sie auch an Verschwörungstheorien vorbei: dass die Autoindustrie längst vorliegende Lösungen für die Probleme des Schadstoffausstoßes in Safes hätten verschwinden lassen und dergleichen. Ich war bald genervt und dachte, wieviel schöner doch die absichtslos dahinplätschernden Gespräche von HaCK sind.

Und genau so eines entspann sich an den Tischen vor dem Leinau, wo wir nach meiner Dreiwort-SMS zu sechs, später acht Freunden saßen, von der Kellnerin Jessie erneut bevorzugt bedient wurden und zwei bis drei Elferkränze Kölsch tranken. Mit dem Gegenbild vor Augen wusste ich jeden einzelnen unserer Gruppe zu schätzen, Herrn Putzig, den Magister der Weltweisheit, der stets einen fröhlichen Hedonismus zur Schau stellt, aber als klug reflektierender Soziologe darauf achtet, dass niemand in geistige Trägheit verfällt und sich unbedacht auf dem Allgemeinplatz tummelt. „Ist dein Tagebuch noch auf Papyrus geschrieben?“, fragte er scherzhaft und legte mir gleich begütigend die Hand auf. Es ist aber schon eine Weile her, dass mich Frotzeleien wegen meines fortgeschrittenen Alters ärgern. Vor meinem 63. mochte ich nicht darauf angesprochen werden, weil ich mein Alter ignorierte, nicht zuletzt wegen einer Beziehung zu einer 29 Jahre jüngeren Frau. Inzwischen haben gesundheitliche Probleme mir abverlangt, mich mit meinem Lebensalter zu arrangieren. So kann ich genießen, der „Alterspräsident“ zu sein, wie mich mal ein gewisser Christopher getauft hat. Mir gegenüber saß Konrad Fischer, dessen Enthusiasmus, Belesenheit und praktische Intelligenz ich ungemein schätze. Unser Kontakt übers Bloggen, noch bei Twoday.net, war vor neun Jahren die Keimzelle für die HaCK-Treffen. Bald wird er mit seiner Familie aufs Land ziehen, und HaCK wird vermutlich seltener zusammenkommen. Bereichernd sind auch unsere beiden gut integrierten Neuzugänge, beide jünger als mein jüngster Sohn. So spannt sich der Altersbogen über fast 40 Jahre.

Ein bisschen wie ein weißer Hirsch, auch an diesem Abend nicht zu sehen, ist der stets gut gelaunte Musiker und Quantenphysiker Filipe d’Accord, dessen Idee der Name HaCK gewesen ist, ursprünglich, um die verschiedenen Künste/Künstler des Viertels unter einem Dach zu vereinen. Der Ausgangsgedanke war skurril genug, der Gruppe Bestand und Identität zu geben. Filipe, Vegetarier wie ich, hätschelte seit langem die jedermann verständliche Idee, eine Handvoll Hack ans Fenster des Vogelfrei, unserer früheren Stammkneipe, zu werfen, quasi als Gründungsritual. Der Wirt war einverstanden, wunderte sich überhaupt nicht, hielt uns vermutlich sowieso für seltsame Vögel, hatte auch keine Angst um sein Fenster, weil er dachte, Hack ist weich, und die werfen wie Mädchen. Geworfen wurde HaCK dann mit Schmackes gegen ein Bettuch, das Konrad an die Wand des Kulturzentrums Faust genagelt hatte. (Falls Kinder und Veganer mitlesen: Das Hack war vegetarisch.)

Der legendäre HaCK-Wurf, Fotos: Sandra Kliemann und Lorenzo ?, Gif-Animation: JvdL



Etwa ein Jahr nach dem Begräbnis wollten wir das Betttuch wieder ausgraben, in Kunstharz eingießen und Filipe zum Geburtstag schenken. Wir haben überall gebuddelt, aber das Betttuch war weg.

Musiktipp
The Mighty Mighty Bosstones – The Impression That I Get

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16 Kommentare zu “Ich geh Leinau – Ein Hoch auf das Hannover Cünstler Kollektiv (HaCK)

  1. Pingback: Weh! Unser gutes Vogelfrei hat zu!

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