Linden backt – Linden denkt

Bei Rewe am Kassenband wendet sich der Mann vor mir um und sagt: „Ich habe nur diesen Bon, nicht dass du dich wunderst, warum ich hier stehe.“
„Kein Problem“, sage ich, „ich wundere mich schon lange nicht mehr.“
„Warum auch?“, meint er einvernehmlich, „ist ja alles logisch so.“
Logisch grad nicht, denke ich, aber plausibel. Zur Kassiererin sagt er: „Ich gucke mal, ob ich einen Cent habe.“ Tatsächlich findet er einen im Portemonnaie. So bekommt er für seinen Pfandbon ein 50-Cent-Stück. Mir gefällt, dass die Kassiererin freundlich auf den Cent gewartet hat.

Während ich noch überlege, welches Pfandgut in der Summe auf 49 Cent auskommt, beschließe ich, die belebte Limmerstraße entlang zu gehen und mich irgendwo hinzusetzen. Ah, zum Kopfrechnen ist es zu warm. Wenn ich mich setze, sollte ich was zu lesen haben. In den Bücherregalen vor dem Antiquariat entdecke ich einen Roman von Robert Walser, von dem besseren, dem wunderbaren Walser also, und kaufe ihn unbesehen. Vor der ehemaligen Biobäckerei „Doppelkorn“ beschattet die Markise einen leeren Tisch. Doppelkorn wurde vor Jahren insolvent und war lange Zeit geschlossen. Wiedererstanden ist die Bäckerei als Genossenschaft „Linden backt.“ Die Schweizerin Hazel Brugger, bekannt aus Funk und Fernsehen, ist kürzlich hier gewesen und hat ein YouTube-Video über das Experiment der Genossenschaft gemacht. Früher nannte ich sie bei mir: „Schweiz gewordener Sauertopf“, aber in letzter Zeit finde ich sie ganz witzig. Ihr Video kommt fast ohne Spitzen aus und wirkt durchaus wohlmeinend.

Vor gut sechs Jahren habe ich oft an diesem Ort gesessen, Milchkaffee getrunken, geraucht und Leute geschaut. Das Rauchen habe ich mir abgewöhnt, und aus dem Lesen wird’s nichts. Ich bin derart abgelenkt durch die Passanten, dass ich nicht über fünf Sätze hinaus komme. Lichtenberg sagt: „Die unterhaltendste Fläche auf der Erde für uns ist die vom menschlichen Gesicht.“ Gegen die Vielzahl dieser Flächen kommt keine Buchseite an. Eigentlich müsste Lichtenbergs Befund erweitert werden auf die menschliche Gestalt.

Von einem Balkon in Bad Godesberg hatte man den Blick auf das Siebengebirge. Mein Zimmergenosse erklärte mir, er habe das Siebengebirge lange betrachtet, wegen „Drachenfels“ und sei zum Beschluss gekommen, dass da und dort die Kuppen des Höhenzugs an einen Drachen gemahnen. So kann man sich den immer gleichen Blick auf eine statische Landschaft interessant machen, auch wenn’s falsch ist, denn der Drachenfels heißt vermutlich so nach dem Mineral Trachyt. Ich sah jedenfalls keinen Drachen, finde auch, dass der alltägliche Blick auf eine Landschaft und sei sie noch so schön, rasch langweilig wird. Anders die Landschaft der menschlichen Gestalt. Ich staune über die Vielzahl der Erscheinungsformen.

Wenn die Adepten der Künstlichen Intelligenz (KI) davon schwärmen, das menschliche Gehirn übertrumpfen zu können, vergessen sie, dass menschliches Denken nicht auf das Gehirn beschränkt ist. Was ein Mensch denkt, kommt aus seinem ganzen Körper, wie er ihn bekleidet und wie er ihn bewegt, wie es ihn bewegt. Das in Reaktion auf Kontext und Situation ist mehr als simple Schaltungen im Gehirn. So dachte ich vor Linden backt, wo ich überaus freundlich bedient wurde – von der Frau im Video, die noch nie „Game of Thrones“ gesehen hat, was ich sehr sympathisch finde. Ich nehme mir vor wiederzukommen.

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