Klarer sehen mit Hemingway

Gerne sitze ich im Von-Alten-Garten auf der Bank an der Mauerpforte und lese. Nachdem er aufgehört hatte, als Journalist zu arbeiten, musste Ernest Hemingway in Paris hungern. Wenn sein Hunger groß war, schreibt er, mied er Straßen mit Restaurants und Cafés. Ich mache es genauso. Nein, ich muss nicht Hunger leiden. Trotzdem konnte ich mir kein Eis holen, weil ich es nicht über mich brachte, vor dem Laden in der Schlange zu stehen – zwischen plappernden Familien und vertraut beieinander stehenden Paaren. Denn an Sonntagen hungert es mich nach Gesellschaft.

Normalerweise bin ich mir selbst genug, genieße sogar die Freiheit und Selbstbestimmung, die ich Jahrzehnte nicht gekannt habe. Schon ab 21 war ich für 27 lange Jahre in familiäre Pflichten eingebunden, glitt danach nahtlos in eine zehrende Beziehung, die mich sieben Jahre total vereinnahmte und mein Denken verengte. Das ging noch viermal so. Als ich vor zehn Jahren zwischen Aachen und Hannover pendelte, konnte ich kaum schreiben, in Hannover nicht und in Aachen erst Tage nach meiner Rückkehr wieder. Das war einer der Gründe für meinen Umzug. Nach Ende dieser Beziehung geriet ich an eine alleinerziehende Mutter und fand mich erneut in familiärer Verantwortung wieder, woraus ich mich mühsam befreien musste, um mich in der danach folgenden Beziehung wieder emotional zu verstricken.

Schon früh wusste ich, dass ich allein sein muss, um schöpferisch zu sein. Und trotzdem entbehre ich manchmal Gesellschaft, auch als ich gestern bei der Mauerpforte saß. Vom kleinen Fußballstadion am Lindener Berg wehten Fangesänge herüber. Es muss eine Lust sein, das Maul aufzureißen, und es kommt der gleiche Laut heraus wie aus dem Nachbarmaul, links und rechts, oben und unten, hundert- oder tausendfach. Ich kann mir dieses Bad in sozialer Energie vorstellen, kann mich sogar in die keltische Raserei hineindenken, aber mitzumachen bei diesem Atavismus, dazu bin ich nicht gemacht. Auch beginne ich mich in Gesellschaft rasch zu langweilen.

Ein junges Paar kommt durch die Pforte und sieht nur sich. Die schlanke Frau hat ihr Haar Henna rot gefärbt und trägt ein hübsches Sommerkleid. Für einen Moment wünsche ich mich an ihre Seite. Doch wenig später, als ich nach Hause gehe, habe ich Leute hinter mir. Eine Frau redet unablässig. Ich bleibe stehen, gucke die Katze aus dem Baum, und lasse die beiden vorbei. Die da pausenlos quatscht, ist die Henna Rote. O Gott, das Geschratel ist ja kaum zu ertragen.

Hemingway schreibt, dass der Hunger seine Sinne schärfte, was sich besonders bei der Betrachtung von Kunst positiv auswirkte. Hungrig sah er um so klarer. Ich glaube das ist auch der Effekt bei gesellschaftlichem Hunger. Drum kann und sollte er ertragen werden.

21 Kommentare zu “Klarer sehen mit Hemingway

  1. Das ist ein großer Vorteil von Urlaub im Ausland dessen Sprache man nicht mächtig ist: man versteht das Geplapper nicht und die Hoffnung, es könnten interessante, relevante, weltverbesserische Gespräche sein, wird nicht zerstört.

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  2. Lieber Jules,
    Was Du schreibst, klingt nach prall gefülltem Leben, auch, bei aller leidvoller Erfahrung, auch nach ausgekostetem Leben. Manchmal, ja, da ist es ein einsames Gefühl, der Beobachter einer scheinbar in ihrem eigenen Kosmos gefangenen Umwelt zu sein, dabei ist die Einsamkeit in beinah jedem erkennbar und auch im Paar, deren auf Widerrruf gestundete Zeit aus bereits aus ihren Eishörnchen tropft…
    Heisenberg sagt, dass sich alles, das du betrachtest, durch deine Betrachtung verändert. Den Gedanken bekomme ich gar nicht mehr aus dem Kopf.
    Gibt es auch flügge Mütter?
    Wenn, dann bin ich eine.
    Einerseits eine, die sich immer noch den Besen buschig freut wenn sie Besuch und Drückers bekommt. Oder Starksöhne mit Kistenschlepparmen und Helferfreunden.
    Wenn mich zu viel von außen bedrängt, fällt mir gar nix mehr ein. Dann brauche ich ein Allein wie der Karpfen Kiemen.
    Wenn mich zu viel von innen bedrängt, kann die richtige Gesellschaft mir zum Trinkbrunnen der Kraft und des Mutes werden.
    Das sind Menschen, die mich mucksch und mit Schüppe genauso gerne mögen wie als Gutelaunegarantin. Diese Leute wissen, wann ich allein sein muss um mich zu regenerieren oder etwas für die Kunst zu tun.
    Schon mein zweiter Kommi bei Dir trotz Stillschreibegelübde. Doch Dein Thema erschien mir wichtig, weil ich vieles von dem, was du an Dir beobachtest, selbst gut kenne.
    Liebe Grüße von Amélie

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    • Liebe Amélie,
      freut mich, dich wieder hervorgelockt zu haben. Mit 47, als meine Ehe den Bach runter war, dachte ich, jetzt kommt nichts mehr. Dann aber wurde es derart turbulent, dass ich den Kopf nicht mehr frei hatte. Ich habe nie bedauert, dass mein Leben nicht weiter in den vorgezeichneten Bahnen verlaufen ist. Die reichen Erfahrungen möchte ich nicht missen. Jetzt ist es auch gut so. Ich bin aus dem Alter raus, dass ich Achterbahn fahren muss 😉
      Du hast Recht. In seinem Kosmos ist jeder allein. Trotzdem ist der Austausch möglich.
      Bezieht sich Heisenbergs Aussage nicht auf den Mikrokosmos der Quanten? Aus der Psychologie kennen wir den vergleichbaren Versuchsleitereffekt, aber mein Einfluss auf Menschen, die ich im Alltag beobachte, ist wohl zu vernachlässigen. Zumal mich manche gar nicht wahrnehmen. Wie dir sind mir die erwachsenen Kinder wichtige Gesprächspartner. Und überhaupt wissen wir beide, wovon die Rede ist. Gerne wieder und lieben Gruß,
      Jules

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      • Lieber Jules,
        Ist grad zwar schwer mich von Arbeit wegzulocken, doch locken lasse ich mich eben auch so gerne…
        Mit 47 war meine Ehe schon elf Jahre lang Geschichte und ich spielte Trümmerfrau mit Liebesschutt. Danach lernte ich einen Poeten kennen und fuhr vier Jahre lang Achterbahn. Meinen Kindern ist heute noch davon etwas übel, meinem Magen verordnete ich Belladonna und Übungseinheiten in Sachen Liebe. Heute bin ich weiter als ich mit 51 sein wollte was Herzensangelegenheiten und anstrengende Personen anbelangt. Das schöne Kribbeln vermisse ich, doch Gelasdenheit ist auch etwas Feines. Schöne Augen, Hände, Münder und geistreiche Eloquenz beeindrucken mich auch heute noch – aber wie sagt man: ich weiß inzwischen wer ich bin und was ich habe, wenn ich ich bleiben darf und nicht wer anders für wen sein muss. Esther Klaes‘ verlassener Sockel: Wenn du gehst.
        So eine kluge Skulptur, hat mich tief beeindruckt neben Rodins Schmerzbüste, letztes Jahr, in der Ausstellung mit Schätzen unserer Kunsthalle.
        Noch zur Quantenphysik: Interferenz kann nur auftreten wenn keiner zuschaut. Das bedeutet, dass Teilchen sich wie Teilchen verhalten, wenn man zuschaut und sich wie Wellen verhalten wenn man wegschaut. Ein quantenphysikalisches Phänomen…
        Es fasziniert mich…
        Denn ich beobachte so gerne und ich frage mich ob die Leute etwas anderes tun würden als sie tun, sobald ich wegschaue von ihnen?
        Liebe Grüße in den Nebelmorgen,
        Amélie

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  3. Allein zu sein ist wunderbar. Ich verstehe Menschen nicht, die immer und ständig jemanden um sich haben müssen. Ab und an freilich, da will man es nicht sein. Alleine. Dann geht es mir so, dass ich anderen die Gesellschaft fast beide. Aber ähnlich wie bei dir, lieber Jules, vergeht das meist sehr schnell. Wohl auch weil ich nicht allein sein muss, sondern darf.

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