Raben auf der Flucht

Am Boden liegt die Barbara. Ich widerstehe der Versuchung, das gefallene Mädchen aufzuheben. Ja, läge da ein Männermagazin auf dem Bürgersteig, hätte ich mich sogleich gebückt. So frage ich mich nur, wer von meinen Nachbarinnen sich die neue Barbara gekauft und beinah druckfrisch entsorgt hat. Für diesen flüchtigen Kick mussten grüne Bäume sterben, wissen Sie das? Trotzdem erregt das Barbara-Heft meinen Neid. Gerne wäre ich gleichberechtigt. Wie eine moderne Frau die Barbara würde ich gern mal am Kiosk verlangen: „Geben Sie mir die neue Philipp!

Aber eine Männerzeitschrift namens Philipp fehlt auf dem Zeitschriftenmarkt.
Und so ein Gespräch unter Männer wäre auch hübsch:
„Schon die neue Philipp gelesen?“
„Nein, ich bleibe meiner Stefan treu.“
Aber dat gibbet nich. Ich bedauere das auch, weil sowohl Philipp wie auch Stefan aus meinem Freundeskreis mir wesentlich sympathischer sind als Barbara Schöneberger. Früher beherrschten ja nur die katholischen Heiligen Bilocation, konnten also gleichzeitig an mehreren Orten sein. Dank Fernsehen und anderen Medien kann Frau Barbara das auch, kann sogar als Bückware unter meinem Fenster liegen, weil die Müllwerker achtlos verstreut haben, was ihnen bei der Altpapierabholung aus einem Karton gefallen ist.

„Wird schon ein Idiot kommen und die aufheben“, hat der Müllmann gedacht, denn Barbara war ihm einfach zu schwer, ist ihm plumps auf die Füße gefallen, derweil sie zur gleichen Zeit anderorts jemanden vollgequatscht hat. Während der wähnte, ein echter Unglücksrabe zu sein, weil er aus den Ohren blutete, sollte er sich mal vor Augen halten, dass Frau Schöneberger an vielen Orten gleichzeitig Unheil anrichten kann. Ein Müllmann hat ja auch ein Herz! Und spürt genau wie du den Schmerz.

„Raben auf der Flucht“, titelte die Süddeutsche gestern, und ich dachte noch, was für ein poetischer Titel: „Raben auf der Flucht!“ Erst beim Lesen des Textes ist mir aufgefallen, dass keine Raben gemeint sind. Das bemerkte ich spät, ich las und las und fragte mich: Wann fliehen denn jetzt endlich die Raben? Da ich aber Optimist bin, vertröstete ich mich: Der Text muss ja einen Spannungsbogen halten. Irgendwann werden die Raben noch flüchten. Aber am Ende flüchteten die Reben, was ja noch ungeheuerlicher ist – schon wieder wegen Barbara eventuell?

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17 Kommentare zu “Raben auf der Flucht

  1. Fein beschrieben. Nie reingeschaut in „Barbara“, inzwischen haben auch Promimänner solche Magazine, ich glaube, z.B. Lafer, Hirschhausen, Wohlleben…
    auch Frau Käßmann, sicher noch weitere…ich denke, das ist reiner Kommerz.
    Gruß von Sonja

    Gefällt 2 Personen

    • Ei, verflixt! Ich hätte wohl besser mal recherchiert, ob es Zeitschriften mit Männernamen gibt. Danke für den Nachweis. Meine Zunge ist freilich nicht in Gefahr, denn in Wahrheit kaufte ich höchstens mal die Titanic. Das lass ich aber zukünftig auch. Die ist zu banal geworden.

      Gefällt 1 Person

  2. Danke für Deinen erhellenden Beitrag zum Thema gleichberechtigte Namensgebung für Zeitschriften. Es scheint also immer noch ein feiner Unterschied zwischen den Geschlechtern zu existieren. Ich finde auch immer noch praktische Namen für Zeitschriften ansprechend. Zum Beispiel „Du und Dein Nachbar“ oder so was. Hast Du denn verstanden warum die Reben flüchten und wohin? Würde mich schon mal interessieren.

    Gefällt 1 Person

  3. Pingback: Zwischendurch – Anstiftung, die Wildnis zu kultivieren

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