Radfahren verkehrt

Nachdem das stationslose Fahrradverleihsystem Obike aus Singapur im Juni 2018 Konkurs angemeldet hatte, standen und lagen überall in den Großstädten die Leihfahrräder in gelb-grauer Optik herum [Abb.1]. Weil die Fahrräder nach dem Konkurs nicht abgeräumt wurden, waren sie bald Zielscheiben von Vandalismus. Kaum hatten die Städte den fabrikneuen Sperrmüll auf Kosten der Steuerzahler entfernt, tauchte ein neuer Anbieter stationsloser Leihfahrräder auf, diesmal aus China, Mobike. Seit Herbst 2018 stehen die orange-grauen Räder beispielsweise in Hannover-Linden herum. Das Leihfahrrad von Abb 2 wurde monatelang nicht bewegt. Nur einmal in all den Monaten sah ich jemanden mit einem Mobike fahren. Eine Freundin zu Besuch hat im Februar versucht, eines zu buchen, landete aber bald auf einer Seite mit chinesischen Schriftzeichen und gab den Versuch glücklicherweise auf.

Alle Fotos: JvdL

Inzwischen stehen die Mobikes in meinem Viertel alle Kopf. Ob das eine Vorform von Vandalismus oder die vom Verleiher empfohlene Abstellweise ist, weiß ich nicht. Möglich wäre das, denn dem Vernehmen nach gibt der Verleiher per App Anweisungen wie und wo das Fahrrad abgestellt werden soll. Wer sich als Nutzer registrieren lässt, erhält ein Guthaben von mehreren hundert Punkten. Verstöße gegen die Nutzungsbedingungen werden durch Punktabzug geahndet. Sinkt der Punktestand unter 100, wird das Konto des Nutzers gesperrt. Das Konto lässt sich wieder auffüllen, indem man Verstöße anderer Nutzer meldet. Auf diese Weise wurde das chinesische Sozialscoring auch in Deutschland eingeführt.

Drei weitere Aspekte erscheinen mir problematisch:
1) Stationslose Verleihsysteme nutzen den öffentlichen Raum, ohne dafür zu zahlen. Da die Fahrräder überall herumstehen können, ist eine Wartung kaum möglich. Das ist auch der Grund für die Vollgummireifen. Wie die Stiftung Warentest festgestellt hat, ist zudem das Bremssystem der Mobikes mangelhaft, wodurch ebenfalls eine ständige Wartung nötig würde, die aber nur als Fernwartung aus China organisiert ist. Fraglich ist, was die Fernüberwachung des Fahrrads bedeutet. Lässt sich aus der Ferne das Rad blockieren, am Ende sogar während der Fahrt?

2) Die Daten (auch Sozialkredit- und Bewegungsdaten) der Nutzer werden nach China übermittelt, womit das System gegen die Datenschutzgrundverordnung verstößt. Es fehlt jeder Einblick, was mit den Daten geschieht, ob sie weiterverkauft werden und wer darauf zugreifen kann.

3) Die Lebensdauer der Mobikes ist laut Unternehmen begrenzt auf etwa fünf Jahre. Was geschieht mit einem defekten Rad? Wer entfernt es?

Zusammenfassend muss gefragt werden, wieso die Städte, hier Hannover, ein solches Verleihsystem auf Kosten der Allgemeinheit überhaupt erlauben. Sie sind doch schon einmal damit reingefallen.

7 Kommentare zu “Radfahren verkehrt

  1. In Lissabon gab es mindestens fünf Anbieter von E-Scootern. Abends war zu beobachten, dass Menschen herumfuhren, um Roller einzusammeln und aufzuladen, quasi als Nebenverdienst. Soetwas müsste auch mit den Rädern möglich sein, damit das funktionieren kann. Ein weiterer Fehler ist sicher die Vorgabe, als Stadt stets den billigsten Anbieter wählen zu müssen. Ist auf Dauer dann nämlich ärgerlich und teuer.

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  2. So ein Arrangement von Mobikes sah ich auch heute in Berlin und dachte mir nichts dabei.. Und wenn bei euch alle Fahrräder Kopf stehen, dann ist das wahrscheinlich schon eine phantasievolle Sabotage des – unverschämten – social scorings. Aber mir tut es um jedes Fahrrad leid, das so vergammelt.

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    • Die Fahrräder des Vorläufers Mobike erregten soviel Missfallen, dass man sie überall zerstört herumliegen sah. Das Unternehmen hatte aber auch die Städte mit seinen auffälligen Rädern überschwemmt. Nach dem Konkurs fand man in Hamburg noch Container mit zehntausend nagelneuen Obikes. Sie wurden versteigert, aber wegen ihrer schlechten Laufeigenschaften wollte sie niemand haben. Ich verstehe nicht, warum die Städte erneut ein schlechtes System und nebenher noch das Social scoring zugelassen haben.

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  3. Gegen Fahrräder ist nichts einzuwenden, aber die von dir aufgeführten Punkte, lieber Jules, sprechen dagegen jeden Anbieter das zu ermöglichen.
    Besonders gruselig empfinde ich die Vorstellung zum Petzen angestiftet zu werden. Nein, in diesem Fall gefällt mir das Ausleihen von Dingen so gar nicht. Hier in München sind die Räder nach der gelb grauen Schwemme aktuell blau. Das ist ok – die sind von den Münchner Verkehrsbetrieben und nicht von einem anderen Kontinent. Bleibt zu hoffen, dass sie besser gewartet werden.
    Liebe Grüße

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    • Dann ist wenigstens die Münchner Stadtverwaltung klüger geworden nach der Pleite mit Obike. Hamburg hat auch ein stationsgebundenes System, von der Bahn, glaube ich. Ich staune, durch welche Hintertür das chinesische Denunziantensystem nach Deutschland gekommen ist, dessen Problemati du erkennst, liebe Mitzi, anders als beispielsweise die Stadtverwaltung Hannover.
      Lieben Gruß.

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