Es kann nur eine Schröder geben – Einiges über Namen

Als Kind hasste ich es, wenn mich meine Mutter am Samstagmorgen mit einem Einkaufszettel zur Metzgerei schickte. Der Laden war voll, und Thekenbedienung wie Kunden fanden: „Ein Kind hat Zeit.“ So fand ich mich immer wieder hintangestellt, bis sich ein Erwachsener erbarmte und mir den berechtigten Vortritt ließ. In dieser Erwachsenenwelt hatte ich keinen eigenen Namen. Wenn jemand wissen wollte, wer da immer wieder zur Seite geschoben wurde, dann hieß es: „Dat is Overlacks Jertrud dä sinnge“, frei übersetzt: Der gehört Gertrud Oberlack. Darin zeigte sich eine zweifache Geringschätzung, ich hatte keinen Vornamen, und Oberlack war der Mädchenname meiner Mutter. Meinen Vatersnamen sprach man nicht aus, weil mein Vater nicht aus dem Ort stammte und auch schon verstorben war. Wer keinen Namen hat, ist ein gesellschaftliches Nichts. Den Namen eines Menschen zu kennen und bei der Ansprache zu verweigern, ist eine Form der Missachtung. Das gilt auch für die falsche Aussprache oder Schreibweise eines Namens. Sie wirken wie direkte Angriffe auf die Person.

    Ein Jäger kauft bei einem Züchter namens Schindler einen hoch gelobten Schweißhund. Der Hund aber entpuppt sich als Niete beim Aufspüren der Fährten. Da schreibt der Jäger an den Züchter: „Sehr geehrter Herr Schindler, das W, das in Ihrem Namen fehlt, hat Ihr Schweißhund zuviel.“

Der Jäger macht beinah einen Namenwitz. Im Printmedium sind Namenwitze grundsätzlich verpönt. Das Hänseln mit dem Namen gehört in den Kindergarten, und spätestens nach der Pubertät, sollte man es lassen. Ein wenig anders verhält es sich, wenn jemand den Namenwitz provoziert wie etwa die Journalistin Doris Köpf. Nach der Heirat mit Gerhard Schröder stellte sie ihren alten Namen selbstbewusst voran und nannte sich Doris Köpf Schröder, wie sich in älteren Dokumenten noch finden lässt.

Einer Frau vom Fach hätte auffallen müssen, dass Köpf-Schröder zumindest mündlich ein martialischer Imperativ ist, ein Befehlssatz, und ungewollte Komik obendrein. Vielleicht litt sie noch an den Nachwirkungen ihrer Arbeit bei der Bildzeitung. Gas-Gerd hat seinen Kopf behalten dürfen, möchte aber nicht, dass seine inzwischen geschiedene Frau weiterhin den Schröder im Namen führt, wird derzeit berichtet. Schröders Exfrau Doris Schröder-Köpf wehrt sich gegen das Ansinnen, Schröder selbst bestreitet es. Doch klar ist: Es kann nur eine geben.

Auch „Gas-Gerd“ ist ein Namenwitz, ein Grenzfall, wie man ihn gelegentlich in der Boulevardpresse finden kann. Seriöse Redaktionen erlauben sich solche Spielereien nicht. Jeder Volontär lernt als erstes, dass er auf die korrekte Schreibweise von Namen zu achten hat. Das gilt auch für die Berufsbezeichnung, etwaige akademische Titel, für die Namen von Unternehmen, Ämtern und Institutionen. Diese Gepflogenheit ist der Faktentreue geschuldet, und der sollte sich auch jeder Blogger verpflichtet fühlen. Dass man hierzu gegebenenfalls nachfragen muss oder gegen recherchieren, dass man sich nie auf eine einzige Quelle verlassen darf, zeigt der Fall Karl-Theodor zu Guttenberg. Ein anonymer Spaßvogel hatte ihm bei Wikipedia einen 11. Vornamen angedichtet. Und alle schrieben den falschen Wilhelm ab, vorneweg BILD und titelte: „Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Wilhelm Franz Joseph Sylvester zu Guttenberg – Müssen wir uns diesen Namen merken?“
Nein. Wir wollen den nicht.

Gutenberg oder Guttenberg? Konzept und Gif-Animation 2011: JvdL

Der erdichtete Vorname ist als „Wilhelm-Affäre“ in die Mediengeschichte eingegangen. Warum kam dem falschen Wilhelm soviel Aufmerksamkeit zu? Lag es daran, dass die Presse sich hier selbst vorgeführt hatte, so dass man ihr mangelndes „Recherche-Ethos“ vorwerfen konnte, wie es Medienjournalist Stefan Niggemeier scheinheilig tat? War es die Empörung über einen pennälerhaften Namenwitz? Wohl kaum.

„Nomen est Omen“ – der Name ist Vorsehung. Mit dem Namen eines Menschen verbinden sich Reste magischer Vorstellungen. Der Name steht nicht nur für die Person, in der Namensmagie ist er quasi gleichzusetzen mit der Person. Diese Idee zeigt sich beispielsweise im Märchen vom Rumpelstilzchen. Kennt man seinen wahren Namen, erlangt man Gewalt über den Kobold. Er zerreißt sich selbst.

Sage mir deinen Namen … und ich sage dir – wie du heißt. Und ich gelobe, dich nach bestem Wissen und Gewissen richtig zu schreiben.

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14 Kommentare zu “Es kann nur eine Schröder geben – Einiges über Namen

  1. Das gibt mir gerade schwer zu denken. Ich arbeite seit 10!!! Jahren in einer Firma, in der bis heute mein Name falsch geschrieben wird. Ist ein Bianca mit c zwar hinnehmbar, sollte allerdings mit der Zeit richtig gelernt worden sein, so ungewöhnlich ist das ‚k‘ jetzt auch nicht. Eine beinahe schon amüsante Verunglimpfung war Binaca, da wusste ich im ersten Moment wirklich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Ich lege bei meiner Kundschaft sehr großen Wert auf richtige Aussprache und Rechtschreibung, genau aus den von dir angeführten Gründen. Leider kann ich mir Namen schlecht merken, aber das ist eine andere Geschichte und hat eher was mit meiner natürlichen Verwirrtheit zu tun und nichts mit mangelndem Respekt.
    Danke für deinen Beitrag
    Alice alias BianKa

    Gefällt 2 Personen

    • Da bin ich froh, dich bislang immer mit „Alice“ angeschrieben zu haben. 😉 Das Namenlexikon von Mackensen verzeichnet „Bianka“ als erste Form, Bianca als Alternative. „Bianka it. = blanka = (..) die Blonde.“ Bislang ist mir noch keine Bianka außer dir begegnet, obwohl 1973 in Hamburg auf Platz 7 der beliebtesten Vornamen. „Natürliche Verwirrtheit“ klingt toll.
      Danke für deinen Kommentar,
      Jules

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  2. Als Lehrkraft sollte man seinen eigenen Nachwuchs bekommen und taufen, bevor Heerscharen von Maries und Felixen die Namen emotional besetzen und unverwendbar machen. Andererseits ist die Verwendung eines ganz ungewöhnlichen Namens auch mit Nebenwirkungen verbunden, selbst wenn keine Hänselei betrieben wird.
    P. S. Bianka, ich habe dich einmal falsch, aber danach hoffentlich richtig geschrieben. Entschuldigung 😩

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    • Was sich fast immer als zuverlässig erweist: Ich schätze das Alter von Leuten nach ihren Vornamen ab, denn jeder Name hat mal irgendwann Saison, was besonders bei älteren Generationen gut funktioniert, weil der Wunsch nach Individualisierung über exotische Vornamen in jüngerer Zeit die Bandbreite enorm erweitert hat.

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  3. Oh… danke, dass Du in Worte gefasst hast, was ich gefühlt dachte, als ich vor ungefähr einem Jahr feststellte, dass mein hoffentlich baldiger Ex-Mann den neuen Briefkasten beschriftet hatte. Seinen Namen hatte er richtig geschrieben. Meinen und den seiner Kinder… nicht. Nach weit über zwanzig Jahren Zusammenlebens (außer mit dem Jüngsten, der ist gerade erst neunzehn geworden).
    Wenn es noch eines weiteren Beweises bedurft hätte, dass dieser Mann der Falsche ist, dann reicht seitdem ein Blick auf den Briefkasten.

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  4. @ Namen als Imperative:
    Der KronenZeitung-Kolumnist Robert Löffler rief einmal dazu auf, die Namen von Prominenten als Imperative zu verballhornen und erhielt daraufhin zahllose Leserzuschriften, die er veröffentlichte, wie etwa “Egon, schiele!“, “Rolf, schimpf!“, “Monica, bleib treu!“(*), “Robert, geh her!“(*) undsoweiter, darunter auch derlei Konstrukte wie Ihre “Doris, köpf Schröder!“ mit Bezug auf andere Prominente, etwa “Rainer Werner, fass Binder!“(*) und viele weitere.
    (einer meiner Schulkollegen hieß Heinz H.(*), und weil ein anderer in einer Parallelklasse Benjamin W.(*) hieß, erteilten wir ihm durch Robert Löffler angeregt den nominellen Imperativ: “Heinz, hau Ben Wallner!“ ; )

    @ Namenwitze sind freilich verpönt, wie Sie zu Recht feststellen, folgenden Kalauer finde ich indes dennoch originell:
    Meine Schwester ist Volksschullehrerin, einer ihrer Kollegen heißt mit Familiennamen Ehrlich und ist Religionslehrer. Weil der in seinem Nischenfach weniger Unter­richts­stun­den zu halten hat als die übrigen Kollegen, kursiert in der Schule über ihn der Spruch:
    “Ehrlich lehrt am wen’gsten.“

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