Wäscherei Fonk – Schieflage auf der inneren Bühne

Eines meiner Beine ist kürzer als das andere. Das gilt es zu untersuchen. Ich vermute, es ist das rechte Bein. Jedenfalls geschieht es öfter, dass ich schief gehe und ganz verspannt bin, und zwar wenn ich den linken Bürgersteig benutze. Die Bürgersteige sind nämlich mehr oder weniger stark geneigt, fallen zur Straße hin ab, vermutlich damit Regenwasser abfließt. Das in Kombination mit einem um weniges kürzeren Beines erweist sich als unangenehm in meinem Rücken. Als ich gestern das Abfällige des Bürgersteigs erneut lästig fand, fiel mir ein Phänomen ein, unter dem ich mit etwa zehn Jahren gelitten habe. Zu jener Zeit habe ich viel Schund gelesen, so auch Western wie Tom Prox, Billy Jenkins und die Heftreihe Pete.

Das Phänomen betraf die im Buch geschilderte Szenerie, beispielsweise eine im Wilden Westen. Ich glaube, dass es bei einer Geschichte mit dem Jungen Pete erstmals passiert ist. Ich war in die Geschichte eingetaucht, stellte mir die Szenerie vor, da neigte sich das Bild plötzlich stark zur Seite, so dass alles hätte in den Abgrund rutschen können, Tom Prox, Billy Jenkins, Pete, ihre Pferde, der Saloon, sogar der Mietstall, die Vorform unserer Parkhäuser, nichts konnte sich mehr halten und war dem Abgrund meiner Vorstellung geweiht. Wie tief der war, konnte ich nicht ermessen, auch nicht, ob es eine Talsohle gab. Eventuell saß da für mich unsichtbar ein innerer Zensor und hat den ganzen Schund Kraft seiner Bosheit nach unten gezogen. Um das zu verhindern, musste ich meine ganze geistige Disziplin aufbieten, durfte nicht wahrhaben, dass wieder alles in die Schräge gekippt war, denn einmal erkannt und anerkannt, war sie nicht mehr gerade zu rücken.

Diesen ständig vom Abrutschen gefährdeten Lesestoff holte ich in der Wäscherei Fonk, die nämlich gleichzeitig eine private Leihbücherei war. Es hat in den 1950-er und 1960-er Jahren viele private Leihbüchereien wie die Wäscherei Fonk gegeben. Sie waren nicht gut angesehen, denn sie verbreiteten überwiegend literarischen Schmutz und Schund und verschwanden rasch, als das Fernsehen diese Aufgabe flächendeckend übernahm. Auch die Wäscherei Fonk führte überwiegend Schundromane, Bücher mit martialischen Bildern auf dem Cover, die man in der katholischen Borromäusbibliothek unseres Dorfes nicht bekommen konnte. Viele Bücher aus der Wäscherei Fonk waren für den Markt der privaten Leihbüchereien produziert wie die populären Wildwestreihen Tom Prox und Billy Jenkins von Gert Fritz Unger.

Die Bücher standen in Regalen entlang der Wände im Ladenlokal. Man musste sie erfragen, dann wurden sie mit den in Packpapier eingeschlagenen Wäschepaketen über die breite Holztheke geschoben. Ein Buch bei Fonks auszuleihen, kostete zehn Pfennig. Das war nicht wenig Anfang der 1960er Jahre. Zum Vergleich: Ein Glas Kölsch kostete 45 Pfennig.

Wie man sich denken kann, wurde die Wäscherei Fonk von der Familie Fonk betrieben. Die Tochter Monika Fonk war in meiner Volksschulklasse. Sie hatte flammenrote Haare. Die rothaarige Monika Fonk hielt sich aber fern von mir. Vermutlich hatten ihre Eltern gesagt, als Wäscherei- und Leihbüchereitochter wäre sie zu gut für mich, nämlich nur was für echte Prinzen, die ja ihre Herzensdamen traditionell in Wäschereien suchen würden. Auch brächte ich Tod und Verderben jeder privaten Leihbücherei, wenn ich alle Bücher in den Abgrund rutschen ließe, so dass Tom Prox, Billy Jenkins, Pete und ihre Pferde schon grotesk deformiert wären, nämlich das eine Bein kürzer als das andere hätten, um überhaupt aufrecht stehen zu können.

Ach, Herrje, und wie ich daran denke, rutscht auch die Wäscherei Fonk an den Abgrund, steht kurz vor der Kippe. Und ich bin noch drinnen, sehe die Bücher von den Regalen rutschen, desgleichen die Wäschepakete von der Holztheke. Mit dem Aufgebot sämtlicher geistigen Kräfte gelingt es mir, mich zu drehen. Das längere Bein zur Schräge hin sollte mich vor dem totalen Abrutschen bewahren. Vergeblich. Es lag nicht an zu schwachen geistigen Kräften, wie böse Zungen behaupten möchten. Vielmehr musste ich feststellen, dass nicht mein rechtes Bein kürzer ist, sondern das linke.

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22 Kommentare zu “Wäscherei Fonk – Schieflage auf der inneren Bühne

  1. Wie schön du erzählend springst, lieber Jules. Vom vielleicht kürzerem Bein, zu den schrägen Gesteigen, der Wäscherei. Herrlich und schlüssig. Die Rückenschmerzen sind natürlich nicht herrlich, sondern nur lästig.
    Ich frage mich ob für Monika der Prinz noch in die Wäscherei gekommen ist.

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  2. Mal wieder, eine tolle Geschichte, lieber Jules. Was ich an Deinem Stil so sehr schätze, sind die Gedankensprünge, diese losen Geschichten in der Geschichte, die sich letztendlich doch zusammenweben lassen und ein Ganzes bilden. Auch diesmal wieder sehr gelungen.
    Herzlichen Dank!

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    • Da du Zitate liebst, hier ein passendes vom Surrealisten Francis Picabia: „Notre tête est ronde pour permettre à la pensée de changer de direction“ (Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.)
      Auch Gedankensprünge sind etwas Feines, wenn sie in passenden Bereichen landen. Ich bin immer glücklich, wenn das gelingt und um so froher, wenns dann auch noch anderen Autorinnen gefällt.
      Dankeschön für deinen erbaulichen Kommentar, liebe Serap, und sonnige Grüße,
      Jules

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      • Herzlichen Dank, lieber Jules. Das Zitat kenne ich, nur dass ich es schon seit ewigen Zeiten nicht mehr irgendwo gelesen habe. Daher freut es mich umso mehr, es hier über Dich nochmals ‚ins Licht‘ zu rücken.
        Vielleicht sollten wir Menschen uns tatsächlich immer wieder in Erinnerung rufen, dass wir nicht nur geradeausdenken können. Da trifft man nämlich ganz schnell auf den harten Schädel! Den gleichen Weg zurückgehen, bringt uns auch nicht viel weiter, denn der Gedankengang ist schon wohl bekannt (es sein denn auf dem Rückweg sieht man andere Dinge als beim Vorwärtsgang).
        Deine Gedankensprünge fordern förmlich dazu auf, gedanklich mitzuspringen. Eine derartige Gehirngymnastik ist nicht selten in Deinen Beiträgen und genau das ist das Besondere … zumindest für mich.
        Hab‘ einen wunderschönen Tag!
        Serap

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  3. Von privaten Leihbüchereien habe ich noch nie was gehört. Danke für das Schließen meiner diebezüglichen Wissenslücke.Das historische Phänomen der Videothek ist mir allerdings hinlänglich bekannt. Das wird vermutlich auch bald in Vergessenheit geraten.

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  4. Ich erinnere mich auch an diese meist sehr dicken Bücher, meist Liebes- oder Arztromane, die meine Mutter in den 50er Jahren gegen 10 Pfennige Leihgebühr nach Hause schleppte. Auch bei uns war es eine Wäscherei, die auch einen „Laufmaschendienst“ anbot: hier konnten Frauen ihre Perlonstrümpfe mit Laufmaschen zum Reparieren hinbringen.

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  5. Normalerweise sind die linken Beine die kürzeren, ebenso fallen (normalerweise) die rechten Bürgersteige schräg zur Fahrbahn ab. In Sonderfällen kann es auch umgekehrt sein. Nur selten gelingt es Wäschereiinhaberstöchtern solche Widrigkeiten auszugleichen … 😉

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  6. Pingback: Onkel Josef sein Waschbecken, Eselsohren, Strohhalme und eine wundersame Fliege

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